Sehnsucht nach Freiheit

Elina Garanča: bei Klassik am Dom im Jahr 2013.

Isolation ist etwas, an das wir uns nicht gewöhnen sollten, meint die Opernsängerin Elina Garanča: „Es nimmt uns alles, was uns menschlich macht.“ Die Sehnsucht nach Freiheit und Begegnungen, nach Arbeit, Reisen und nach ihrem Publikum ist groß beim lettischen Opernstar, der auch bei Klassik am Dom in Linz erwartet wird.

Wie sehr genießen Sie es, für TV-Übertragungen mit Kolleg/innen auf der Bühne zu stehen, auch wenn das Publikum nicht anwesend ist?
Elina Garanča:
Für uns alle ist es emotional anstrengend. Auf der einen Seite sind wir, oder besser gesagt nur einige von uns, unglaublich glücklich, wieder auf der Bühne zu stehen, arbeiten zu können, unsere Kollegen zu sehen, uns zu verbinden, zu reden, zu singen, aber auf der anderen Seite ist es einfach nur traurig, vor einem leeren Saal zu singen. Wir wissen, dass das Publikum die Online-Übertragung sehen wird, und wir geben so viel mehr Energie in unsere Leistung, irgendwo tief in der naiven Hoffnung, dass je stärker, überzeugender die Emotionen sind, die wir übermitteln, desto kürzer ist die Distanz zwischen uns und den Zuhörern, die manchmal Tausende von Kilometern entfernt sind und uns auf dem kalten Bildschirm ihrer Computer beobachten. Gerade jetzt würden wir jedes Geräusch, Niesen, Auspacken von Bonbons, vielleicht sogar gelegentliches Handyklingeln entschuldigen, nur um den gleichen Raum, unsere Liebe und Musik mit Ihnen teilen zu können.

Was vermissen Sie jetzt am meisten? Mit Blick auf die Öffnung: Worauf freuen Sie sich schon?
Garanča:
Die Freiheit. Die Freiheit der Bewegung, des Kontakts, der Arbeit, des Reisens, des Atmens! Ich kann es nicht erwarten, all meine Familie und Freunde zu sehen, die ich jetzt lange nicht sehen konnte, und einfach das Essen am selben Tisch mit ihnen zu genießen, zu lachen, die Straße entlangzugehen, Umarmungen und Küsse zum Abschied. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich mir die alten Fotos von unseren Open-Air-Konzerten in Österreich angesehen und es sah fast wie eine surrealistische, Science Fiction-Fotomontage aus – Tausende von unmaskierten, glücklichen Gesichtern, die sich vor einem Orchester in voller Größe drängten ...wow! Ich vermisse diese Momente wirklich und ich glaube ernsthaft, dass, obwohl der Mensch ein Gewohnheitstier ist, Isolation etwas ist, an das wir uns nie gewöhnen sollten, weil es uns alles nimmt, was uns menschlich macht.


Sie sind u. a. Gast bei Klassik am Dom in Linz. Haben Sie bereits einen Plan für den kommenden Sommer: Womit rechnen Sie, was planen Sie?
Garanča:
In diesem Moment ist es unmöglich, irgendetwas zu planen. Ich meine, wir können so viel planen, wie wir wollen, aber können wir wirklich sicher sein, was in zwei Monaten passieren wird? Ich erinnere mich, dass vor einem Jahr die Leute behaupteten, dass die Pandemie nicht länger als einige Monate dauern würde. Jetzt sind wir seit über einem Jahr paralysiert und ich denke, es wäre sehr mutig, irgendetwas vorherzusagen. In meinem Terminkalender sind einige Konzerte „bestätigt“ und wenn alles gut geht, sollte ich eigentlich den größten Teil des Sommers mit Auftritten in Österreich verbringen. Die Planung und Organisation sind kompliziert, da niemand wirklich weiß, in welcher Form wir auftreten können und mit welchen Einschränkungen wir zu kämpfen haben werden. Aber ich verliere meinen Glauben nicht und hoffe, dass sich die Situation bald verbessern wird und ich meine warmherzigen österreichischen Freunde auch in Linz diesen Sommer begrüßen kann.

An welchen Werken und Produktionen arbeiten Sie jetzt gerade? Wie hat sich die Zusammenarbeit mit Kolleg/innen, Veranstalter/innen und Intendant/innen verändert?
Garanča:
Erst vor wenigen Tagen hatte ich eine Premiere von Wagners Parsifal an der Wiener Staatsoper, die gleichzeitig mein Rollendebüt als Kundry war, und ich bin immer noch in der emotionalen und mentalen Schwungphase. Wagners fast transzendentale Musik geht einem sehr leicht unter die Haut, und wenn man einmal in seine Welt hineingesogen wurde, ist es nicht so leicht, sie wieder zu verlassen. Was jetzt an der Wiener Staatsoper passiert ist und ebenso, wie wir es im Sommer bei den Salzburger Festspielen sehen konnten, ist ein greifbarer Beweis für starken Willen, Flexibilität, aber auch Disziplin, Miteinander und Menschlichkeit in ihrer reinsten Form. Ich bin fest davon überzeugt, dass viele Dinge, die wir jetzt machen konnten, vor zwei Jahren noch nicht einmal diskutiert worden wären. Auch wenn die Musikindustrie sozusagen „distanziert“ ist, so merkt man doch, wie viel professioneller und bereitwilliger wir geworden sind, die Extrameile zu gehen. Klar, wenn es ums Überleben geht, in diesem Fall um das Überleben der Kultur, dann kommen wir uns automatisch näher.

Dirigent Franz Welser-Möst will zu mehr Hausmusik motivieren. Ist das etwas, das Sie ohnehin mit Ihrer Familie machen oder jetzt vermehrt praktizieren?
Garanča:
Musik umgibt mich seit meiner Kindheit, ich erinnere mich, wie ich morgens aufwachte, meine Mutter übte oder Schüler in unserem Haus unterrichtete, manchmal saß mein Vater oder Bruder am Klavier, es gab diese ständige Präsenz von Singen und Spielen um mich herum und ich könnte mir keine schönere Kindheit vorstellen. Ganz ähnlich sieht es jetzt in unserem Haus aus, mein Ehemann und ich als künstlerisches Paar bringen automatisch viel Musik in den Raum, in dem wir leben, und unsere Töchter nehmen teil, wie und wann sie wollen. Wir freuen uns sehr, wenn sie Spaß an der Musik haben, aber wir würden sie nie zu etwas zwingen, was sie nicht natürlich anzieht, das würde keinen Sinn ergeben. Also haben wir ihnen alle Türen und Fenster zur musikalischen Welt geöffnet und wir sind gespannt, welche sie wählen werden.


Die Mezzosopranistin Angelika Kirchschlager hat erzählt, dass etliche Kolleg/innen, die gerade noch auf den Bühnen der Welt gestanden sind, nicht mehr zurückkehren werden, wenn der Lockdown noch länger dauert. Wie sehen Sie das?
Garanča:
Die Situation ist zweifelsohne verheerend, vor allem für die junge Künstlergeneration. Ich bin extrem dankbar dafür, dass ich mich in einem Stadium meiner Karriere befinde, in dem ich mich nicht täglich bedroht fühlen muss, oder weniger Angst haben muss, dass ich morgen nicht mehr in der Lage sein werde, meinen Beruf weiter auszuüben, sozusagen – bin noch zu jung, ganz aufhören zu müssen, aber alt genug, um gewisse Sicherheit zu haben und denke, dass es morgen doch weitergeht. Aber viele Musiker sind leider in einer höchst unerwünschten Situation. Schon jetzt besteht die Gefahr, dass nicht nur Künstler nicht mehr auf die Bühne zurückkehren, sondern dass eine ganze Künstlergeneration fehlen könnte!


Was gibt Ihnen die Kraft, durchzuhalten?
Garanča:
Der Glaube, dass gerade jetzt die Zeit ist, in der ich noch mehr singen sollte als bisher, Freude und emotionale Erleichterung für jeden bringen sollte, dessen Seele hungrig ist, der Glaube, dass die Musik und die Kunst die Gesellschaft zum Besseren verändern können, der Glaube, dass mit unserer Unterstützung die junge Generation nicht verschwinden, sondern weiser und stärker werden wird.

Klassik am Dom mit Elina Garanča: Konzert am 8. Juli, aktuelle Infos dazu unter: www.klassikamdom.at

Autor:

KirchenZeitung Redaktion aus Oberösterreich | KirchenZeitung

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