Erinnerungen bewahren und weitergeben
Versöhnung mit der eigenen Geschichte

Foto: Verein Lebensblüten

An Allerheiligen gedenken wir unserer lieben Verstorbenen. Vieles hätten wir sie vielleicht noch fragen wollen, genauso vieles hätten sie uns noch erzählen können. Erinnerungen der Lebenden zu bewahren und weiterzugeben, steht im Mittelpunkt der Biografiearbeit von Claudia Riedler-Bittermann und Christian Freisleben.

„Gerade in der letzten Phase ihres Lebens gibt es viele Dinge, die die Menschen bereuen oder bedauern. Sie denken daran, was sie alles nicht geschafft haben oder wo sie gescheitert sind. Uns geht es darum, nach ‚Lebensblüten‘ zu fahnden, also nach Momenten, die stärkend, intensiv, berührend waren“, erklärt Christian Freisleben vom Verein Lebensblüten. Die Stimme sei das Erste, was man vom Verstorbenen vergesse, deshalb möchte der Verein mit den „Hörblüten“ genau diese bewahren. „Die Hörblüten sind Audioaufnahmen von 15 bis 90 Minuten Länge, wo die Person etwa erzählen kann, wer oder was sie in ihrem Leben bestärkt hat oder wo sie sich als selbstwirksam erlebt hat.“ Als Anknüpfungspunkte dienen Impulsfragen, etwa zu Gerichten, Gerüchen, Orten oder Kleidungsstücken, mit denen die Person etwas Besonderes verbindet. Das Erzählte kommt auf einen USB-Stick und kann an Familie oder Freunde verschenkt werden. 

Fokus dabei ist ein positiver Rückblick aufs Leben: „Wenn ich es schaffe, ein Stück weit drauf zu schauen, was mir gelungen ist, dann ist das bestärkend für mich selbst, mein Lebensgefühl und auch für die Gesundheit“, sagt Freisleben.

Erinnerung immer neu

Um einen Rückblick geht es auch in den Biografieprojekten von Biografin Claudia Riedler-Bittermann alias „Ribisel“: „Natürlich kommen da auch traurige oder frustrierende Erinnerungen zum Vorschein, und das eine oder andere Mal fließen auch Tränen. Doch das darf alles sein, wenn man nicht darin hängenbleibt.“

Hat jemand seine ganze Lebensgeschichte vor sich, lässt sich oft ein roter Faden erkennen, der sich durch das ganze Leben zieht. „Auf einmal erkennt die Person, warum sie so geworden ist, wie sie ist, und kann Erfahrungen besser oder anders einordnen.“ Dies zeige schon, dass es beim Zurückblicken nie „die eine“ Wahrheit oder Wirklichkeit gibt: „Erinnerungen sind keine Worddokumente, die wir im Gehirn abspeichern und die sich nie verändern. Immer, wenn ich mich erinnere, kommen meine neuen Erfahrungen dazu, die Erinnerung wird neu konstruiert“, sagt Riedler-Bittermann. Die ersten Erinnerungen seien übrigens meist Erlebnisse aus dem Kindergarten oder vom ersten Schultag, da sich das autobiografische Gedächtnis erst zwischen drei und sechs Jahren ausbilde. 

Bewahrung und Versöhnung

Hauptmotivation, einzelne Erlebnisse oder gleich die ganze Biografie aufzuzeichnen, sei Fogendes: „Es geht darum, die eigene oder die Geschichte der Eltern/Großeltern zu erhalten. Was ich in Workshops ganz oft höre, ist, dass Menschen bedauern, ihre Großeltern nicht mehr nach ihrer Vergangenheit gefragt zu haben.“ Irgendwann wird man auch selbst älter und möchte der nächsten Generation etwas hinterlassen. „Wir werden uns der eigenen Endlichkeit bewusst, müssen das aber als Fakt akzeptieren. Es gilt, den nächsten Tag als Chance zu nutzen, wieder aufzubrechen, etwas Neues zu machen und etwas zu verändern“, sagt Freisleben.

Ein wesentliches Moment von Biografiearbeit sei auch die Versöhnung mit der eigenen Geschichte, betonen Freisleben und Riedler-Bittermann. „Ich muss anerkennen, dass ich eine Person bin, die bestimmte Dinge geschafft hat und an anderen gescheitert ist. Mit dieser Haltung einer etwas positiveren Sicht aufs Leben kann ich wieder andere bestärken. Biografiearbeit in dem Sinn ist bereits, mich täglich zu fragen, was mir heute gelungen ist.“ «

Autor:

KirchenZeitung Redaktion aus Oberösterreich | KirchenZeitung

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