Wolfsforscher Kurt Kotrschal
Wir sind auch für unsere Mitgeschöpfe verantwortlich

Im WolfScienceCenter in Ernstbrunn mit einem Wolf und seiner Begleithündin Bolita.
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  • Im WolfScienceCenter in Ernstbrunn mit einem Wolf und seiner Begleithündin Bolita.
  • Foto: Walter Vorbeck
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Kurt Kotrschal ist einer der sprichwörtlich mit den Wölfen tanzt. In Ernstbrunn führt er mit seinen Mitarbeitern ein Wolfsforschungszentrum. Kotrschal kennt das Verhalten der Grautiere. Im SONNTAG-Interview nimmt er zur Debatte um den Wolf Stellung und gibt Tipps zur Begegnung mit dem Wolf.

Der Wolf lief herbei und legte sich Franziskus zu Füßen. Franziskus versprach dem Wolf, dass ihm die Menschen genug zu essen geben würden, damit er niemanden mehr verletzen müsse. Als Zeichen für sein Einverständnis legte der Wolf seine Tatze in die Hand von Franziskus. Gemeinsam gingen sie in die Stadt. Der Wolf ging nun jeden Tag von Haus zu Haus und die Menschen gaben ihm zu fressen. Mit seiner Sanftmütigkeit erinnerte er sie an den heiligen Franz von Assisi. – So lautet die Legende um den Heiligen, dessen Gedenktag am 4. Oktober begangen wird.

Einer der das Verhalten der Wölfe rund 800 Jahre nach Franziskus kennt und erforscht ist Verhaltensbiologe Kurt Kotrschal. Ich treffe ihn in Scharnstein im oberösterreichischen Almtal. In der Nachfolge von Konrad Lorenz leitete er viele Jahre hier die Forschungsstelle in Grünau. Dabei wurde besonders das Verhalten von Graugänsen, Kolkraben und Waldrappen erforscht. 2010 gründete Kotrschal dann in Ernstbrunn eine Wolfsforschungsstätte. Dort geht man dem Verhalten des Grautiers auf den Grund. Wölfe kommen immer dann in den Blickpunkt der Öffentlichkeit, wenn sie Schafe auf der Weide reißen.

Wie hat Ihre Forschung zum Verhalten von Wölfen begonnen?
Kurt Kotrschal:
Nachdem ich 20 Jahre lang mit Vögeln gearbeitet habe, entstand der Wunsch auch Säugetiere in die Forschung einzubeziehen. Wenn man Lebe­wesen auf der Welt sucht, die vollkommen auf Kooperation ausgerichtet sind, findet man neben dem Menschen als wichtiges Modelltier den Wolf.

Stimmt es, dass der Wolf auch spirituell eine Rolle spielte?
Alle Jäger und Sammler glaubten in irgendeiner Form an die Beseeltheit der Natur. Das bedeutet natürlich, dass man als Jäger ein Problem hat, wenn man Tiere tötet. Und ihnen fiel auf, dass es in der Natur ein Tier gibt, dessen Lebensweise in Rudeln ähnlich den Menschen ist. Bis heute gibt es animistische Kulturen, zum Beispiel in der Mongolei, wo der Wolf im Zentrum steht. Dort werden Tote nach draußen gelegt und der Wolf wird sozusagen beauftragt, die Seele ins Jenseits zu transportieren.

In Grimms Märchen werden sowohl die Großmutter als auch das Rotkäppchen vom bösen Wolf gefressen. Der Wolf gilt uns somit von klein auf als Böse. Wie ist er wirklich?
Wir haben eine lange Tradition den Wolf negativ zu sehen. Das ist auch kein Wunder, weil seit der Zeit, als die Menschen sesshaft wurden, war der Wolf nicht nur Jagdkonkurrenz sondern er bedroht die domestizierten Tiere, die Weidetiere, die Nutztiere. In den letzten 10.000 Jahren hat sich daher unser Verhältnis zum Wolf ziemlich verschlechtert. Das führte dazu, dass zumindest in Mitteleuropa, die Wölfe im 19. Jahrhundert überall ausgerottet wurden. Heute haben wir hohe Wilddichten in unseren Wäldern. Das heißt, Wölfe finden einen reich gedeckten Tisch vor und folgerichtig strömen sie wieder ein.

Da ist aber das Problem, das Wölfe auch Schafe reißen und damit eine Gefahr sind?
Wölfe sind Opportunisten. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass überall dort, wo sich in Österreich Rudel etablieren, diese auf Ablehnung stoßen. Man schießt sie lieber illegal ab und verscharrt sie. Dem Wolf nett zu sagen, Du, lass die Schafe in Ruhe, das funktioniert nicht. Wir haben ja viele Geschichten darüber bereits im Alten Testament. Jetzt wo Wölfe und andere Beutegreifer wieder massiv nach Österreich einwandern, darf man nicht annehmen, dass sie von selbst wieder verschwinden. Es wäre auch naiv zu glauben, wir können das Problem mit der Flinte lösen. Wir können einen Wolf abschießen, der 20 Schafe gerissen hat, aber der nächste Wolf kommt ganz bestimmt. Das heißt, es bleibt uns nichts anderes übrig, als uns darauf einzustellen. Das bedeutet den Schutz für die Weidetiere zu forcieren.

Könnte man Wölfe nicht in Schutzgebiete locken?
Wölfe sind weiträumig mobil. Die lassen sich nicht auf solche Schutzgebiete beschränken.

Sind Sie persönlich ein Feindbild für Jäger?
Das müssen Sie die Jäger fragen. Von mir aus bin ich das nicht. Wenn Jäger rational handeln und argumentieren, dann sitzen wir im selben Boot. Ich bin keiner, der mit einem Hurra die Wiedereinwanderung der Wölfe begrüßt, aber ich versuche rationale Argumente für den Umgang mit Wölfen anzuführen. Die Kriminellen, die erwischt wurden, weil sie einen Wolf geschossen haben, hatten einen Jagdschein. Für mich sind das keine Jäger sondern Schießer. Und ich glaube den meisten Jägern, dass sie das nicht gerne sehen. Es gibt sehr viele vernünftige Jäger und eine zunehmende Zahl, die sagt: Lasst doch den Wolf rein, los, lasst uns mit dem Wolf leben.

Was können Sie mit dem Begriff Schöpfungsverantwortung anfangen?
Mit der Schöpfung fange ich als Naturwissenschaftler weniger an. Wenn ich Evolution sage, meine ich eigentlich dasselbe. Biologe oder Evolutionsbiologe zu sein, bedeutet ja nicht, die Entscheidung treffen zu müssen, wer jetzt recht hat, der liebe Gott oder Darwin. Es gibt genügend Biologen, die durchaus ein theistisches Weltbild haben.

Wie wir mit unseren Ressourcen umgehen, ist Ihnen aber nicht egal?
Nein. Zu sagen, fahren wir weiterhin unsere SUVs und verschlechtern weiter das Klima, ist so dumm wie zu glauben, irgendwann sind die Menschen und andere Säugetiere weg, aber die Ameisen werden schon überleben. Ich denke, als Mensch ist man nicht nur sich selber gegenüber verantwortlich, sondern auch den Mitgeschöpfen. Darunter fallen alle Tiere und alle Lebewesen auf dieser Welt. Wir wollen unseren Kindern und Enkelkindern eine Welt übergeben, die nicht völlig zerstört ist. Menschen sind biophil, das heißt, wir haben von klein auf Freude an Tieren und der Natur. Eine menschengerechte Umwelt hat viel mit Natur zu tun. Und die dürfen wir nicht zerstören.

Sie waren in Assisi, wo Franziskus sich mit Tieren beschäftigte und der Flora und Fauna?

Wir hatten unsere beiden Eurasierhunde dabei. An der Leine natürlich. Wir wollten mit ihnen die Kathedrale betreten und waren nocht nicht einmal über der Schwelle, ertönte ein lauter Pfiff und man wies uns raus. Da haben wir uns gedacht, irgendwas ist in den vergangenen Jahrhunderten schiefgegangen. Wir haben die Hunde dann im Auto deponiert, im Schatten natürlich und den Kirchenbesuch ohne Sie gemacht.

In Ernstbrunn betreiben Sie ein Wolfsforschungszentrum. Was erforschen Sie da?
Wir haben mit Wolfswelpen begonnen, die kann man in den ersten zehn Tagen, wenn sie die Augen noch nicht offen haben, an die Menschen gewöhnen. Wir haben auch Hunde dort. Hunde unterscheiden sich von Wölfen insofern, als sie viel leichter mit Menschen zu sozialisieren sind. Wölfe haben andere Vorstellungen im Kopf. Das heißt, da muss man entsprechenden Aufwand treiben um Vertrauen zu entwickeln. Die Wolfswelpen kommen dabei aus Zoohaltungen, vorwiegend in Kanada.

Was raten Sie jemanden, der mit einem Wolf in Kontakt kommt?
Wölfe sind keine Kuscheltiere. Die Wölfe, mit denen wir in Ernstbrunn arbeiten, sind natürlich mit dem Menschen vertraut. Wir gehen aber äußerst respektvoll und vorsichtig mit ihnen um und hatten auch noch nie einen Unfall. Jetzt einfach einen Wolf aus dem Wald zu holen und mit dem das zu probieren, wäre sicher keine gute Idee. Man sagt, man soll sich nicht vor Wölfen fürchten. Ich hätte vor einer Wildschweinbache mit Frischlingen mehr Angst als vor Wölfen. Die Erfahrung zeigt auch, dass im Freiland bei Wolfsbegegnungen nichts passiert. Freilebenden Wölfen kann man imponieren, wenn man nicht weggeht und ihnen damit zeigt: Pass auf, ich bin stärker als Du und du gehst jetzt. Keine gute Idee ist es, freilebende Wölfe zu füttern, was manche Leute tun, um zu guten Bildern zu kommen. Angefütterte Wölfe verlieren die Distanz zu Menschen. Bevor sie gefährlich werden, sollte man sie dann wirklich abschießen. Die rund fünf legalen Wolfsabschüsse in den letzten 15 Jahren in Deutschland waren lauter Fälle, wo sie irgendwie angefüttert wurden und dann die Distanz verloren haben. Solange natürliche Distanz da ist, ist es eher unproblematisch.

Privat haben Sie Eurasierhunde. Warum?
Sie sind gute Begleithunde und sie können sich selber beschäftigen. Als wir begonnen haben Wölfe aufzuziehen, war meine damalige Hündin, die Bolita, gerade im richtigen Alter. Wir Menschen sind für Wölfe und Hunde recht gute Adoptiveltern. Unsere Hunde sind von Anfang an beim Aufziehen der Wölfe dabei. Wölfe werden von uns nie bestraft oder gemaßregelt. Es wird nur positiv mit ihnen kooperiert und es gibt eine tolle Partnerschaft. Wenn sich ein Wolfswelpe mal daneben benimmt, haben wir unsere Hunde zum Maßregeln. So sind wir Menschen ausschließlich die „good cops“, die Hunde, manchmal auch die „bad cops“.

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Der SONNTAG Redaktion aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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