Zum 80. Geburtstag von Notker Wolf
Was Manager von Mönchen lernen können

„Ich muss ewig weiterdenken und mich selber infrage stellen. Nicht einfach beim Erreichten stehen bleiben“, sagt der emeritierte Abtprimas Notker Wolf.
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Notker Wolf, von 2000 bis 2016 Abtprimas der Benediktiner und als solcher Repräsentant von über 20.000 Mönchen, Nonnen und Schwestern, wird am 21. Juni 2020 80 Jahre alt. Der in Bad Grönenbach im Allgäu geborene Wolf ist einer der bekanntesten deutschen Ordensleute. Seit seinem Rückzug vom Amt lebt er wieder in seinem oberbayerischen Heimatkloster Sankt Ottilien. Seine Bücher über Spiritualität, Glauben und Lebensführung sind Bestseller.

Im Herbst 2014 gab Notker Wolf dem SONNTAG ein Interview zum Thema "Führungsprinzipien in der Wirtschaft". Für ihn bedeutet die unter dem Motto „ora et labora“ bekannte Mönchsregel des heiligen Benedikt auch eine Orientierungshilfe für Führungskräfte.

Kann die Regula Benedicti als Leitlinie bei Führungs-und Organisationsfragen dienen?
Notker Wolf:
Als Orientierung, aber nicht als konkrete Anleitung. Wenn Benedikt sagt, in allem das Maß zu halten, dann ist das eine Orientierungslinie, die uns heute wieder gut täte. Auf der anderen Seite auch Demut. Ein Chef eines Unternehmens muss sich bewusst sein, dass er im Dienst des Unternehmens, aber gerade auch aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter steht. Da gibt es noch anderes, nämlich wie Benedikt mit seinen Mitbrüdern umgeht: Auch ich möchte nicht, dass mir jemand untergeben ist. Aber dass er ein Partner ist, der mich herausfordert. So ist die Regel Benedikts sehr wohl eine Orientierung überhaupt, in der eigenen Grundausrichtung auf Gott hinzuhören. Dass ich mich als Mensch selber sehe, als Geschöpf Gottes in meiner Gottbezogenheit, wo ich immer wieder verankert bin und wo der Anker bleibt. Das gibt auch die Hoffnung für das Leben in schwierigen Situationen.

AUDIO: Benediktiner Notker Wolf über die Benediktsregel als Orientierungshilfe für Führungskräfte


Was ist der Unterschied zwischen „führen“ und „managen“?

Managen, das kann ich ohne Menschen zunächst am Schreibtisch, z. B. einen Arbeitslauf ausarbeiten, um die Struktur für ein bestimmtes Produkt zu erreichen. Die Art, es dann umzusetzen, andere dann zu bitten, diese Struktur anzunehmen, dass sie danach arbeiten, das ist eigentlich Führung. Führung bedeutet, die anderen Menschen als Menschen wahrzunehmen, nicht als Zinnsoldaten und nicht als Schachbrett guren. Sondern zu wissen, jeder ist ein Mensch, der mit mir und für die gemeinsame Sache arbeitet. Das andere wäre dann, dass jeder Manager sich bewusst ist: Ich bin nicht die Firma. Das meinen manche und ziehen sich zurück, machen ihren Reibach und hauen dann ab. Das ist nicht gemeint, sondern wir machen es nur miteinander. Wie Benedikt gesagt hat: „Wenn immer etwas Wichtiges ansteht, ruft der Abt sämtliche Brüder zusammen.“ Dann schreibt er noch weiter: „Gott gibt den Jüngeren oft ein, was das Bessere ist.“

AUDIO: Benediktiner Notker Wolf erklärt, was Führung wirklich bedeutet


Was bedeutet „führen“ noch?

Das ganz Entscheidende ist einfach selber die Vision zu haben, die brauche ich als Führungsperson. Was wollen wir eigentlich, wo wollen wir hin? Ich muss auch der Motor sein, ich muss die anderen begeistern können. Ich muss mit ihnen Durchführungsmöglichkeiten suchen und mich selber zurücknehmen. Ich brauche vor allem Abstand zu mir selbst, zu meinem Machtbedürfnis.

Ist Führung erlernbar?

Wir brauchen Anlagen dafür. Die einen sind einfach die geborenen Führungskräfte. Das sieht man schon im Kindergarten und in der Schule. Oder auch später im Beruf. Es gibt andere, denen ist das alles zu viel. Erst in der Leistung erfahre ich selbst meine Fähigkeiten und damit auch meine Freude. Welcher junge Mensch hat heute noch Freude an seinem Können? Die ganzen Lehrpläne sind darauf aus, das Wissen zu vermehren. Menschenbildung ist aber das Entscheidende. Wer die hat, wird zu einer guten Führungsperson. So etwas brauchen wir dringend in unserer Gesellschaft. Aber der/die ist dann auch bereit, Verantwortung zu übernehmen. Wobei ich bei dieser Gelegenheit sagen möchte, die Frauen haben eine andere Art zu führen. Sie sind viel empathischer, empfinden mit den Menschen anders, können viele Dinge stärker aushalten, sind durchhaltefähiger und überblicken Dinge auch.

Welche Erfahrungen haben Sie als Führungskraft in St. Ottilien als Erzabt und in Sant´Anselmo als Abtprimas gemacht?
Dass ich noch immer lerne. Ich muss ewig weiterdenken und mich selber infrage stellen. Nicht einfach beim Erreichten stehen bleiben, denn sonst werde ich müde, schlafe ein. Wir müssen immer wieder die Herausforderung sehen, und die kommt in der Wirtschaft durch den Wettbewerb. Nur im geistlichen Bereich scheint der Wettbewerb noch zu wenig gesehen worden zu sein. Und dann wundern wir uns über so manche Dinge.

Wie viel Ethik benötigt unser Wirtschaftssystem?
Durch und durch, aber nicht im Sinne eines Lehrsystems. Jeder, der in der Wirtschaft ist, muss sich bewusst sein, es geht nicht ums Geld, sondern um den Menschen. Natürlich braucht jedes Unternehmen seinen Gewinn. Und auch einen Zugewinn. Das wird von manchen Sozialromantikern nicht akzeptiert. Aber ein Unternehmen muss sich weiterentwickeln und muss neu investieren können.

Musik hat Ihnen in mancher Situation schon weitergeholfen. Was bedeutet Musik für den Mönch Notker?
Zum einen ist es eine Art Ausgleich, sich bei der Rockmusik auch einmal die Wut aus dem Bauch zu stampfen. Aber Musik ist auch immer etwas mit anderen zusammen. Mit einer Band zusammenzuspielen, aufeinander zu hören, das ist etwas ganz anderes als nur als Solist auf der Bühne zu stehen. Und die Musik verbindet die Völker. In Nordkorea habe ich bei der Einweihung unseres Krankenhauses bei Tisch koreanische Volksweisen gespielt. Dann ist die Bedienung aufgestanden, hat gesungen und ich habe sie begleitet. Was das bedeutet, das kann man eigentlich nicht in Worte fassen. Da merken auf einmal auch die Nordkoreaner meine Liebe zu ihnen. Musik ist auch eine Geschichte der Liebe.

„Ich muss ewig weiterdenken und mich selber infrage stellen. Nicht einfach beim Erreichten stehen bleiben“, sagt der emeritierte Abtprimas Notker Wolf.
Benedikt von Nursia (um 480 - 547) hat die Regel vor beinahe 1500 Jahren verfasst. Eine Darstellung aus dem französischen Kloster St. Gilles in Nimes, wie Benedikt anderen Mönchen seine Regel übergibt.
Autor:

Markus A. Langer aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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