Exklusiv-Interview mit dem „grünen Patriarchen“
„Unsere individuelle Gier zerstört unseren Planeten“

Patriarch Bartholomaios: "Zwischen Mensch und Natur besteht eine Einheit: Wir haben einen gemeinsamen Schöpfer und teilen ein gemeinsames Schicksal." | Foto: Nikolaos Manginas; Ecumenical Patriarchate
  • Patriarch Bartholomaios: "Zwischen Mensch und Natur besteht eine Einheit: Wir haben einen gemeinsamen Schöpfer und teilen ein gemeinsames Schicksal."
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Der Ökumenische Patriarch und Erzbischof von Konstantinopel, Bartholomaios I., feiert am Samstag, 29. Februar 2020, seinen 80. Geburtstag. Wir vom SONNTAG durften vor fünf Jahren anlässlich des Festes des heiligen Andreas ein ausführliches Interview mit dem Ehrenoberhaupt von rund 300 Millionen orthodoxen Christen in aller Welt führen.

Wegen seiner Impulse für den Umwelt- und Klimaschutz wird Bartholomäus I. auch als "Grüner Patriarch" bezeichnet. Schon seit Jahrzehnten sieht er die ökologische Krise nicht nur als Sünde gegen Gott und die Schöpfung, sondern auch gegen den Nächsten, vor allem aber gegen zukünftige Generationen.

Eure Allheiligkeit, was waren Ihre ersten Erfahrungen mit der Natur in Ihrer Kindheit?
Patriarch Bartholomaios:
Meine Wertschätzung für die natürliche Umwelt bezieht sich direkt auf die sakramentale Dimension des Lebens und der natürlichen Schönheit der Welt. Als kleiner Junge begleitete ich den Priester des Dorfes zu Gottesdiensten in den Kapellen auf den entfernten Hügeln meiner Heimatinsel Imbros. Ich habe schon in einem frühen Alter die Schönheit der Bergwelt mit der Pracht der Liturgie verbunden. Die Natur bietet uns einen weiteren Rundblick auf die Welt. Durch die spirituelle Dimension können wir jedoch besser die umfassenderen Aspekte der globalen Probleme wie der Gefährdung der Ozeanfischerei, das Verschwinden von Feuchtgebieten, die Schäden an den Korallenriffen oder die Zerstörung des tierischen und pflanzlichen Lebens abschätzen.

Wann und wie begann Ihr Engagement für Umweltfragen?
Mein erstes Engagement für ökologische Themen und Initiativen geschah im Dienst für meinen Vorgänger, dem ehrwürdigen Ökumenischen Patriarchen Demetrios, unter dessen anregenden Führung 1989 der 1. September als ein Tag des Gebets für den Schutz der natürlichen Umwelt eingesetzt wurde. Daher habe ich nach meiner Wahl zum Ökumenischen Patriarchen im Oktober 1991 diese Bemühungen intensiviert und ihnen eine weitere ökumenische Dimension hinzugefügt, davon überzeugt, dass eine effiziente Antwort sicherlich mehr umfassend und integrativ sein müsste. Wir begannen, Symposien, Seminare und Gipfeltreffen auf internationaler, interreligiöser und interdisziplinärer Ebene zu organisieren, beginnend bereits 1992, nur Monate nach meiner Amtseinführung.

Warum ist der Schutz der natürlichen Umwelt eine grundlegende religiöse Pflicht?
Meine Perspektive der natürlichen Umwelt leitet sich von der grundlegenden Überzeugung ab, dass die Welt durch einen liebenden Gott erschaffen wurde. Im Anfangsbuch der hebräischen Schriften lesen wir: „Und Gott sah alles, was er gemacht hatte; und siehe, es war sehr gut.“ (Genesis 1,31) Diese Welt wurde von Gott der Menschheit als Geschenk gegeben, mit dem Befehl „die Erde zu bebauen und zu bewahren“ (Genesis 2,15). Deshalb ist die ökologische Krise nicht in erster Linie ein finanzielles oder politisches Problem. Es ist eine zutiefst spirituelle und religiöse Frage. Allerdings müssen wir die Verbindung zwischen dem spirituellen Engagement und der moralischen ökologischen Praxis erkennen. Und dies stellt eine große Verantwortung der Kirchen und religiösen Führer dar.

Was sind die Wurzeln unserer ökologischen Krise?
Wie ich bereits festgestellt habe, ist die vom Menschen verursachte ökologische Krise ein zutiefst moralisches und spirituelles Problem. Den aktuellen Pfad der Umweltzerstörung weiterzuführen ist nicht nur eine Torheit. Es ist nicht weniger als selbstmörderisch, die Vielfalt der Erde, die wir bewohnen, genießen und teilen, zu gefährden. Deshalb habe ich immer wieder dieses Phänomen als eine Sünde gegen Gott und die Schöpfung beschrieben. So glaube ich, dass die Wurzeln dieser Krise menschlich sind. Der Bruch der richtigen Beziehung zwischen Menschheit und Natur ist bedingt durch den Aufstieg des Individualismus in unserer Kultur. Die Ausübung des grenzenlosen individuellen Genusses wurde zu einem Ideal in unserer Zeit gemacht. Dies bedeutet, dass die ökologische Sünde durch menschliche Gier, welche Männer und Frauen bis hin zu dem Punkt des Ignorierens und Missachtens der grundlegenden Wahrheit blendet, dass das Glück einer einzigen Person von seiner oder ihrer Beziehung mit dem Rest der Menschheit abhängt. Es gibt eine soziale Dimension in der Ökologie, die hier ebenso unerlässlich ist. Die ökologische Krise geht Hand in Hand mit der Verbreitung der sozialen Ungerechtigkeit.

Ist das ökologische Problem auch ein wirtschaftliches und politisches Problem?
Die orthodoxe Theologie beschreitet den radikalen Weg der Erkenntnis, dass die natürliche Schöpfung untrennbar verbunden ist mit der Identität und dem Schicksal der Menschheit. Jede menschliche Handlung hinterlässt einen bleibenden Eindruck auf den Körper der Erde. Darüber hinaus haben menschliche Einstellungen und Verhalten gegenüber der Schöpfung einen direkten Einfluss auf menschliche Einstellungen und Verhalten gegenüber anderen Menschen. Ökologie ist somit unweigerlich mit der Wirtschaft verbunden, während jegliche ökologische Aktivität letztlich durch ihre Wirkung auf die Armen gemessen und beurteilt wird. Dies ist, was unser Herr uns in Matthäus 25 gelehrt hat.

Gibt es etwas in der orthodoxen Spiritualität, das uns helfen kann, unsere Haltung in Bezug auf die Umwelt zu ändern?
Die Breite und Tiefe der orthodoxen kosmischen Vision impliziert, dass die Menschheit ein Teil einer Vision oder Theophanie (Erscheinung Gottes) ist, welche immer größer als jede einzelne Person ist. In dieser Hinsicht hört die natürliche Umwelt auf etwas zu sein, das wir objektiv beobachten oder egoistisch ausbeuten, und wird ein Teil dessen, was der heilige Maximus, der Bekenner, im siebenten Jahrhundert „kosmische Liturgie“ genannt hat – die Feier der tiefgreifenden Verbindung und wesentlichen Interdependenz aller Dinge. Deshalb haben wir immer wieder die zwei Grundprinzipien betont, die in den orthodoxen Klassikern der Spiritualität gefördert werden: „Danksagung“ (das Privileg und die Eigenschaft des Menschen, alle Gaben Gottes mit Dankbarkeit und Ruhm zu ihrem Schöpfer zu empfangen) und „Askese“ (die Fähigkeit und Verantwortung der Menschen, für ihren Gebrauch von Gottes Gaben und natürlichen Ressourcen der Erde eine Beschränkung oder Zurückhaltung aufzuerlegen).

Wie sieht die Beziehung zwischen der internationalen Wirtschaft und globalen Ökologie aus?

Die globale Krise in der Wirtschaft fordert, was wir nach den Prinzipien der „Danksagung“ und „Askese“ als eine „ökologische Askese“ bezeichnen können. Alle großen Persönlichkeiten der christlichen klösterlichen Tradition waren empfindsam gegenüber dem Leiden der Kreaturen. Dies ist keine oberflächliche Romantik. Es entspringt aus einem Mitgefühl und einer Überzeugung, dass es zwischen der natürlichen Welt und uns selbst eine organische Einheit gibt. Denn wir haben einen gemeinsamen Schöpfer und teilen ein gemeinsames Schicksal. Dieses Prinzip der ökologischen Askese kann und muss angenommen werden, wenn unser Planet überleben soll. Zurückhaltung beim Verbrauch von natürlichen Ressourcen ist eine realistische Haltung und Wege müssen gefunden werden, um der immensen Verschwendung von natürlichen Materialien eine Grenze zu setzen. Technik und Wissenschaft müssen ihre Bemühungen einer solchen Aufgabe widmen.

Was ist Ihre Vision der zukünftigen Welt?
Wenn die Erde heilig ist, ist unser Verhältnis zur Umwelt ein sakramentales. In vielerlei Hinsicht war die „Sünde Adams“ genau seine Ablehnung, die Welt als ein Geschenk der Gemeinschaft mit Gott und mit der übrigen Schöpfung zu erhalten. Daher hat die orthodoxe Kirche das Konzept der kosmischen Verklärung artikuliert. Das ist die Vision, die wir von der Welt haben. Schließlich ist die ökologische Sünde nicht nur Sünde gegen Gott und die Schöpfung, sondern auch gegen unseren Nächsten. Und es ist vor allem eine Sünde gegen zukünftige Generationen. Mit der Zerstörung unseres Planeten, um unsere individuelle Gier nach Vergnügen zu befriedigen, hinterlassen wir unseren Kindern eine verschmutzte und beschädigte Welt mit allen negativen Folgen für ihr Leben. Wir müssen daher verantwortungsvoll handeln gegenüber unseren Kindern und diejenigen, die uns folgen.

Welche Bedeutung hat die Enzyklika „Laudato si“ von Papst Franziskus?

Sie war ein Anlass der Freude und Zufriedenheit für die Orthodoxen. In ihrem Auftrag würde ich gerne unsere tiefe Dankbarkeit Seiner Heiligkeit, unserem Bruder Papst Franziskus, ausdrücken, für das Erheben seiner maßgebenden Stimme, um die Aufmerksamkeit der Welt auf die dringende Notwendigkeit, Gottes Schöpfung vor Schaden zu schützen, zu ziehen, den wir Menschen mit unserem Verhalten der Natur zufügen. Die Enzyklika kommt in einem kritischen Moment in der Geschichte der Menschheit und hat zweifellos eine weltweite Auswirkung auf das Bewusstsein der Menschen. Wir waren auch tief und persönlich durch die Freundlichkeit und Großzügigkeit des Papstes bewegt, die Arbeit des Ökumenischen Patriarchats in diesem Bereich in den letzten drei Jahrzehnten hervorzuheben.

Autor:

Markus Albert Langer aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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