Religiöse Vorstellungen in anderen Kulturen
Seele, Tod und Jenseits

Karl Wernhart: „Es bereichert immer, wenn man eine andere Kultur sieht, man bekommt einen anderen Hintergrund.“
  • Karl Wernhart: „Es bereichert immer, wenn man eine andere Kultur sieht, man bekommt einen anderen Hintergrund.“
  • Foto: Monika Fischer
  • hochgeladen von Markus Albert Langer

Wenn wir zu Allerheiligen und Allerseelen die Gräber unserer Verstorbenen besuchen, rückt der Tod in unser Bewusstsein. Überall auf der Erde machen sich Menschen Gedanken über das Sterben des Körpers, die unsterbliche Seele und das Jenseits. Der Wiener Kulturanthropologe Karl Wernhart hat jahrezehntelang über religiöse Vorstellungen rund um den Globus geforscht und festgestellt: Es gibt viele Gemeinsamkeiten.

Jeder Mensch jeder Kultur, jeder Gesellschaft muss sich mit diesen lebenswichtigen Fragen auseinandersetzen: Wo kommt meine Seele her und wo geht sie hin?“, sagt Karl Wernhart. In Religionen auf allen Kontinenten hat er immer wieder ähnliche Strukturen entdeckt. Darüber schreibt er in seinem Buch „Seele, Tod und Jenseits. Universale religiöse Phänomene im Lebenskonzept und Weltbild der Menschen.“

Der Vorstellung einer unsterblichen Seele sind Sie auf allen Erdteilen begegnet. Welche Konzepte gibt es da?
Die Seele stellt einen Begriff dar, der sehr schwer zu erfassen ist. Sie kann der Atem, ein Hauch sein, aber auch eine klebrige Masse, die am Körper haftet. Die Seele wird von den Kulturen unterschiedlich aufgefasst, aber der Leitgedanke ist, dass sie mit dem Menschen, der zur Welt kommt, beginnt und am Ende seines Daseins den Körper wieder verlässt. In Totenzimmern wird zum Beispiel das Fenster geöffnet oder es gibt ein kleines Fensterchen, das sogenannte „Seelenloch“. Oder die Seele steigt über eine Himmelsleiter zur Transzendenz hinauf. Bei den Samen in Nordnorwegen habe ich etwas Schönes gesehen: In einer Kirche führte eine Himmelsleiter in den Glockenturm. Auch in der orthodoxen Kirche gibt es Darstellungen von Himmelsleitern.

Gibt es Gemeinsamkeiten darin, wie wir Menschen dem Tod begegnen?
Der Tod ist prinzipiell ein Durchgangsstadium. Die Menschen wollen den Tod oft nicht wahrhaben, das ist nicht nur in unserer sehr modernen, eurozen­trischen oder weltweiten Situation zu sehen. Die Leute reflektieren den Tod zu wenig. Er muss reflektiert werden: Wenn ich sterbe, was geschieht mit mir? Wo komme ich hin?

Welche Ähnlichkeiten sind Ihnen in den unterschiedlichen Gesellschaften im Bezug auf ein Jenseits aufgefallen?
Das Jenseits muss interpretiert werden und ist daher eine Widerspiegelung des Diesseits. Gehen wir einige Wirtschaftsstufen durch: Jäger und Sammler sehen im Jenseits überall leicht zu fangende Tiere, eine Art Schlaraffenland. Die Bodenbauern denken, dass das Jenseits von den Ahnen bestimmt wird, denn die Ahnen sind auch im Diesseits die Grundinhaber, und dass die Arbeit dort leichter ist. Viehzüchter und Oasenbauern stellen sich einen wunderschönen Garten Eden mit Palmen, Springbrunnen etc. vor. Im Arabischen heißt der Garten „el bustan“ und ist dem Paradies gleichgesetzt.

In Mythen rund um den Globus tauchen immer wieder gleiche Motive auf, zum Beispiel eine Sintflut. Welche Erklärung haben Sie dafür?
Es gibt Impakte aus dem Weltall, Meteoriten, die einschlagen, die Verfinsterung des Himmels, Sandstürme, Tsunamis usw. Ob es jetzt die Arche Noah ist – oder ein anderes Beispiel, diese Sintflutmythen gehen rund um den Globus, weil sich ja Stürme auch zyklisch um die Erde gezogen haben. Oder es gab Vulkanausbrüche, nach denen sich der Himmel verfinsterte. So etwas beschäftigt die Menschen und muss in Geschichten und Mythen verarbeitet werden.

Welche Schlüsse kann man aus der Tatsache ziehen, dass Seele, Tod und Jenseits universale Phänomene sind?

Wichtig ist, dass der Mensch selbst eine Universalie darstellt. Er hat die Erbfaktoren seiner leiblichen Eltern zu berücksichtigen, er hat Schwächen und Stärken, mit denen er sich in der Gesellschaft arrangieren muss. Als junger Wissenschaftler habe ich das Konzept der „universalia humana et cultura“ geprägt. Es beinhaltet das Biologische und die Kultur, den Erziehungsprozess, den man auch berücksichtigen muss. Kultur ist immer Erziehung, es gibt keine Kultur, die man vererben kann. Das wäre total falsch. Kultur muss erlernt werden.

In welcher Religion fühlen Sie sich zuhause?

Ich bin überzeugter Christ und Katholik und Mitglied eines katholischen Ordens, aber ich schaue über den Tellerrand. Würde ich Religion aus dem Fundamentalismus heraus sehen, wären wir bald wieder bei Religionskriegen. Ich rede nicht allein vom 30-jährigen Krieg, man braucht nur nach Saudi-Arabien und den Schiiten in Persien zu schauen, was es da für Spannungen gibt. Das geht auch auf die Politik über. Glaubenskrieg ist das Ende, das Falsche. Ich muss die Religion als Konzept der Nächstenliebe verstehen.

Sie haben in Polynesien, in der Karibik und in Afrika geforscht. Wie haben Sie die Beschäftigung mit anderen Kulturen und Religionen erlebt?
Total bereichernd. Es bereichert immer, wenn man eine andere Kultur sieht, man bekommt einen anderen Hintergrund und die Verständigung der Kulturen wird besser. Der Dialog der Kulturen untereinander muss gefördert werden und das ist das Problem, das wir in der ganzen Welt haben. Da fehlt es an der Basisarbeit des Verständnisses des Anderen. Wir und die Anderen: Setze ich mich für den Anderen ein – oder hacke ich auf ihn hin und sage, der ist böse und gefährlich.

Nach einem Herzinfarkt hatten Sie ein Nahtoderlebnis. Können Sie das beschreiben?
Ich bin mit einem Heißluftballon durch eine wunderschöne Blumenlandschaft geflogen. Es war so schön kühl und angenehm – und eigentlich nicht aufregend. Der Ballon ist immer höher und höher gestiegen und kam der Sonne schon sehr nah. Dann war es plötzlich aus. Das war wohl, als ich reanimiert wurde.
Was ich daraus lerne, ist: Wenn der Tod so kommt, wie ich ihn da erlebt habe, ist er eigentlich angenehm und schön. Ich hab’ leider keinen Gott gesehen – wahrscheinlich wäre ich dann nicht mehr hier. Nach diesem Erlebnis habe ich keine Angst vor dem Abtreten aus dieser Welt, zumindest glaube ich das.

Autor:

Monika Fischer aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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