Zum 500. Todestag des genialen Malers
Raffael Santi – der Leuchtstern der Renaissance

Selbstbildnis als junger Maler
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Als er starb, weinte sogar der Papst: Raffaels Todestag jährt sich in diesen Tagen zum 500. Mal. Der Maler und Petersdom-Architekt gilt als einer der größten Künstler der Geschichte. Sein früher Tod mit nur 37 Jahren zeigt Parallelen zu unserer Gegenwart.

Italien hatte weder Kosten noch Mühen gescheut, um den 500. Todestag eines seiner größten Künstler angemessen zu würdigen. „Raffaels Kunst, die Lichteffekte seiner Gemälde, die Farben seiner Werke sind ein wesentlicher Bestandteil des kulturellen Erbes der Menschheit“, schwärmte Italiens Kulturminister Dario Franceschini im Vorfeld der größten Raffael-Ausstellung aller Zeiten, die ab 5. März im römischen Quirinalspalast stattfinden hätte sollen. Doch die Corona-Krise verhinderte letztlich den Zugang zur „Mammut-Ausstellung“ mit einer nie zuvor dagewesenen Konzentration von Raffael-Werken.

Dabei gibt es durchaus Parallelen von Raffaels Tod zu unserer Gegenwart, denn der Künstler starb im Alter von nur 37 Jahren an einem Fieber. Gregor Bernhart-Königstein, Raffael-Experte und Lehrbeauftragter für Kirchliche Kunst an der Hochschule Heiligenkreuz, sagt: „Raffael Santi ist am 6. April 1520, wie Jesus Christus genau an einem Karfreitag, sehr wahrscheinlich nach einer Malariainfektion, die er sich bei archäologischen Vermessungen der Ruinen des Alten Roms auf sumpfigen Wiesen eingefangen hatte, durch eine Übertherapierung mit zu vielen Aderlässen verstorben.“

„Perfekter, federleichter Malstil“

Trotz seines kurzen Lebens schuf Raffael Santi eine gigantische Fülle an Meisterwerken der abendländischen Kunstgeschichte wie die Sixtinische Madonna (heute in Dresden) oder die Raffael-Stanzen (Vatikan). Der aus Urbino (Mittelitalien) stammende Maler und Architekt gilt neben Michelangelo und Leonardo da Vinci als Leuchtstern der italienischen Renaissance. Bekannt wurde Raffael durch seine Madonnenbilder, aber auch als einer der Architekten des Petersdomes. „Sein perfekter, federleichter Malstil war für ihn so selbstverständlich, dass er die Malerei wie die Literatur frei für ,höhere Ideen‘ und theologische und moralische Fragestellungen machen konnte, wie kein anderer Künstler der Renaissance“, betont Gregor Bernhart-Königstein gegenüber dem SONNTAG.

Die Mutter früh verloren

Raffaello Santi wurde 1483 in Urbino als Sohn des Goldschmieds und Malers Giovanni Santi geboren. Seine Mutter Magia Ciarla verlor er bereits im Alter von acht Jahren, seinen Vater, der ihm zuvor die erste Malerausbildung gegeben hatte, mit elf. Um 1500 ging Raffael als Schüler Pietro Vanuccis („Perugino“) nach Perugia, schon im Alter von 17 Jahren galt er als „magister“ (Meister) seines Fachs. Vier Jahre später wechselte der junge Maler in das von Michelangelo und Leonardo da Vinci geprägte Florenz, deren Meisterwerke Raffael stark beeinflussten. Zahlreiche Aufträge von Florentinern führten zu Madonnenbildern wie der heute im Wiener Kunsthistorischen Museum zu sehenden „Madonna im Grünen“ (1506).

Der seine Mutter so früh verlor, verstand es wie kein anderer Künstler die innige Zärtlichkeit zwischen Mutter und Kind in seinen Madonnenbildern auf die Leinwand zu bringen. „In seinen Mutter-und-Kind-Darstellungen drückt sich ein Grundbedürfnis des Menschen nach Sorglosigkeit und Geborgenheit aus“, erklärte Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder im Zuge der großen Raffael-Ausstellung in der Albertina vor zwei Jahren.

„Diese Mutterliebe ist für uns vorbildhaft und überzeugt, doch das Verständnis dafür, dass die ,ewige Liebe‘ für den Menschen der Renaissance den ganzen Kosmos regierte und ein Bild für die Liebe Gottes ist, scheint uns heute verloren gegangen“, meint der Wiener Kunsthistoriker Gregor Bernhart-Königstein: „Dieser platonische Ansatz hat Raffael aber gerade bei seinen zeitgenössischen Auftraggebern, an den humanistischen Höfen der Renaissance, in Urbino und Florenz und bei den Päpsten so beliebt gemacht.“

Päpste rissen sich um ihn

Die Renaissance-Päpste rissen sich um Raffael. Ab 1508 arbeitete er im Rom des Renaissance-Papstes Julius II. Der junge Künstler überraschte durch die Vielseitigkeit seines Könnens auf vielen Gebieten und war für sein einnehmendes Wesen bekannt. Papst Julius II. und sein Nachfolger Leo X. ehrten den zum „Star“ gewordenen jungen Meister mit Auszeichnungen und Aufträgen: Raffael gestaltete im Vatikan die Stanzen (stanza = Zimmer) mit Wandgemälden – Kunstwerke, die aus Sicht Gregor Bernhart-Königsteins bis heute unterschätzt werden: „Seine großen mehrfigürlichen und mehrgeschossigen Zyklen in den Stanzen des Vatikans, der ehemaligen Privatbibliothek des Papstes, vereinigen das gesamte Wissen des Abendlandes. Sie sind unterteilt in Wissensgebiete wie Theologie („Disputa“), Philosophie („Schule von Athen“), Literatur („Parnass“) und Recht und wie sein letztes Werk, die ,Verklärung Christi‘ bis heute nur oberflächlich gedeutet und verstanden worden.“

Dieses letzte Meisterwerk, auch „Transfiguration“ genannt (heute in der Vatikanischen Pinakothek), ist neben dem Leichnam Raffaels aufgestellt worden. Gregor Bernhart-Königstein enträtselte in einem Buch die „Transfiguration“ als Darstellung des Weltgerichts und nennt es „einen gemalten Katechismus“. Bis ins 19. Jahrhundert galt Raffaels „Transfiguration“ als das berühmteste Gemälde der Welt, geriet dann aber in Vergessenheit.

Medizinisches Pech

„Für Raffael fehlt heute, wie etwa bei Leonardo da Vinci, die esoterische populärwissenschaftliche Lobby“, sagt Bernhart-Königstein. Die vorübergehend abgebrochene intellektuelle Auseinandersetzung mit seinem Werk, die von Goethe bis Nietzsche betrieben wurde, werde aber wiederaufleben. „Das 500-jährige Jubiläum von heuer, wo Raffael wie zu seinem Tod, erneut medizinisches Pech hatte, kann dazu leider nur einen kleinen Beitrag leisten. Doch sei jeder kirchliche Leser dazu aufgefordert, mit der Freude am Detail in der Fülle an Werken, die er uns in seiner kurzen Lebensspanne hinterlassen hat, auch selbst seine Beobachtungen zu machen“, empfiehlt der Kunstexperte.

Raffael wurde auf eigenen Wunsch im römischen Pantheon bestattet. „Angeblich weinte sogar der Papst“, sagt Gregor Bernhart-Königstein. Die lateinische Inschrift des Grabmals lautet übersetzt: „Dieser hier ist Raffael, von dem die große Mutter der Dinge [= die Natur] fürchtete übertroffen zu werden, solange er lebte, und mit ihm zu sterben, als er starb.“

Webtipp

Einen virtuellen Rundgang durch die Raffael Stanzen bieten die Vatikanischen Museen unter www.museivaticani.va

Meisterwerke Raffaels wie die „Madonna im Grünen“ sind auch in der Online- Sammlung des Kunsthistorischen Museums unter www.khm.at zu sehen.

Autor:

Agathe Lauber-Gansterer aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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