Tragödie von Kanada
Die toten Kinder von Kamloops

Indigene Familien haben eine provisorische Gedenkstätte auf dem Gelände des ehemaligen Kinderheims eingerichtet.
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  • Indigene Familien haben eine provisorische Gedenkstätte auf dem Gelände des ehemaligen Kinderheims eingerichtet.
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Auf dem Gelände eines früheren kirchlich geführten Heims in Westkanada wurden sterbliche Überreste von 215 indigenen Kindern gefunden. In der katholischen Einrichtung waren Söhne und Töchter aus indigenen Familien zumeist zwangsweise untergebracht, um sie an die „christliche Zivilisation“ heranzuführen.

Nun untersuchen Experten die Hindergründe der Todesfälle.
Was Rosanne Casimir am 27. Mai mitzuteilen hatte, erschüttert die Menschen in Kanada noch immer – und mittlerweile die Welt. Die Leiterin der indigenen Gemeinschaft „Tk’emlups te Secwepemc“ informierte die Öffentlichkeit über einen grausigen Fund auf dem Gelände eines früheren Kinderheims nahe der Kleinstadt Kamloops im Westen des Landes, in der Provinz British Columbia.

Bei Radar-Untersuchungen hatte man Knochen von 215 Kinderleichen gefunden; einige waren bei ihrem Tod nicht einmal drei Jahre alt. Warum sie starben, ist bislang unbekannt; die Todesfälle wurden offenbar nicht dokumentiert. Experten werden nun die Hintergründe untersuchen.

Bekannt ist, dass es sich bei dem Internat von Kamloops um eines von 139 Umerziehungsheimen für Söhne und Töchter indigener Familien in Kanada handelte. Zwischen den 1830er Jahren und 1998 landeten geschätzt mehr als 150.000 Kinder in solchen Einrichtungen. Premierminister Justin Trudeau nannte den Fund „eine schmerzhafte Erinnerung an dieses dunkle und beschämende Kapitel der Geschichte unseres Landes“.

Düstere Geschichte der Umerziehungsheime
Ein beschämendes Kapitel, bei dem die katholische Kirche keine unwesentliche Rolle spielte. Sie betrieb im Auftrag des Staates viele dieser Einrichtungen, in denen die Indigenen – oft unter Zwang – in die Welt der Weißen eingegliedert werden sollten.

Angesichts des Leichenfundes auf dem Gelände sicherte der Bischof von Kamloops, Joseph Nguyen, der indigenen Gemeinschaft und Chief Rosanne Casimir Unterstützung zu. Es gebe keine angemessenen Worte der Trauer, um diese „schreckliche Entdeckung“ zu beschreiben.

In Kanada wurde 2008 eine Wahrheits- und Versöhnungskommission eingerichtet, um die Geschichte der Umerziehungsheime aufzuarbeiten. Neben Krankheiten und Unterernährung litten dort untergebrachte Mädchen und Buben unter Gewalt und Missbrauch.

Bislang ermittelten Experten 4.100 Todesfälle; die Dunkelziffer dürfte höher liegen. Das von der katholischen Kirche 1890 in Kamloops eröffnete Internat gehörte zu den größeren Einrichtungen seiner Art. In den 1950er Jahren waren dort rund 500 Kinder untergebracht. 1969 übernahmen staatliche Behörden die Leitung, 1978 wurde das Heim geschlossen.

Folgende Fragen standen in den vergangenen Tagen im Raum:
Äußert sich Papst Franziskus zu den schockierenden Funden von Kinderleichen in Kanada?
Wie reagiert er auf die Forderung von Regierungschef Justin Trudeau nach einer Entschuldigung?

Trudeau meinte, dass sich viele „fragen, warum die katholische Kirche in Kanada schweigt und keine Stellung bezieht“. Der Premierminister hatte schon bei einem Besuch im Vatikan 2017 Papst Franziskus gebeten, eine solche Geste der Entschuldigung bezüglich der Umerziehungsheime zu prüfen.

Die kanadische Bischofskonferenz gab 2018 bekannt, dass sich der Papst nicht persönlich für das Geschehen in den Heimen entschuldigen könne, wobei er jedoch Ungerechtigkeiten gegenüber Indigenen auf der ganzen Welt anklage.

Am vergangenen Sonntag sprach Papst Franziskus nach dem Mittagsgebet erstmals über Kamloops: „Mit Schmerz verfolge ich die Nachrichten aus Kanada über den erschütternden Fund der Überreste von 215 von Kindern.“ Gemeinsam mit der gesamten katholischen Kirche möchte er dem „kanadischen Volk, das durch diese schockierende Nachricht traumatisiert ist“, nahe sein. Staatliche und kirchliche Stellen sollten weiter entschlossen zusammenarbeiten, „um Licht in diese traurige Angelegenheit zu bringen“, sagte der Papst.

Was ist wirklich geschehen?
Sicher sind die genauen Umstände des Massengrabes auf dem Gelände der Kamloops Indian Residential School zu untersuchen. Zunächst ist es daher Aufgabe von Forensikern und Historikern zu klären: Was ist wirklich geschehen? Woran sind diese Kinder gestorben? Wann sind sie gestorben?

Dann kann man näher sagen, welche Verantwortung die damaligen Entscheidungsträger trifft.

Bevor ein Papst für Vorfälle in der kirchlichen Vergangenheit um Entschuldigung bittet, will und muss er die Faktenlage genauer kennen.

Indigene Familien haben eine provisorische Gedenkstätte auf dem Gelände des ehemaligen Kinderheims eingerichtet.
Ein Kleid im Wind wehend erinnert und mahnt an die Vorfälle in Kamloops.
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Der SONNTAG Redaktion aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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