Über die „Gerechtigkeit“
Leid erfahren, Sinn finden

Die Bibel will nicht nur unseren Glauben und unser Handeln, sondern auch unser Denken und Urteilen bekehren. Biblisch erweist Gott seine größere Macht dadurch, dass er nicht zwingt; dass er dort, wo er sich offenbart, Freiheit nicht überwältigt, sondern freisetzt.
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  • Die Bibel will nicht nur unseren Glauben und unser Handeln, sondern auch unser Denken und Urteilen bekehren. Biblisch erweist Gott seine größere Macht dadurch, dass er nicht zwingt; dass er dort, wo er sich offenbart, Freiheit nicht überwältigt, sondern freisetzt.
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Angesichts der Übel und der Leiden in der Welt versucht die Heilige Schrift diese schweren Fragen einfach zuzulassen und trotzdem Antworten zu geben, betont der Innsbrucker Dogmatik-Professor Willibald Sandler gegenüber dem SONNTAG. Sandler spricht am 24. November bei den „Theologischen Kursen“ in Wien.

Die sogenannte Theodizee-Frage („theos“, griechisch – „Gott“, „dike“, griechisch – „Gerechtigkeit“) ist eine der schwierigsten Fragen der Theologie und Philosophie.

  • Vereinfacht und kurz gesagt lautet die entscheidende Frage: Wie können Gottes Güte, Allmacht und Verstehbarkeit mit dem Übel und Leiden in der Welt zusammengedacht werden?

„Wer an einen guten und allmächtigen Gott glaubt, hat ein Theodizeeproblem. Dieses entsteht nicht bei jedem Leid, wohl aber, wenn es maßlos und sinnlos scheint“, sagt der Innsbrucker Dogmatik-Professor Willibald Sandler im Gespräch mit dem SONNTAG. „An sich ist Leid ein wichtiger Indikator, dass Dinge verändert werden müssen.

In der Bibel lernen wir einen Gott kennen, der uns die Aufgaben der Leidüberwindung nicht einfach abnimmt, sondern uns dafür sensibilisiert und stärkt“, betont Sandler.

Wie beim Wunder der Brotvermehrung: „Gebt ihr ihnen zu essen“ (Mt 14,16). „Aber Jesus ließ die Jünger mit dieser Aufgabe nicht allein. Glauben richtet uns auf den Gott Jesu Christi aus, so dass er uns bei der oft überfordernden Aufgabe der Leidüberwindung durch seinen Heiligen Geist leitet“, ist Sandler überzeugt.

  • Hat Gott nicht eine gute Schöpfung gemacht? Und ist er nicht selbst der Gute, der Barmherzige und Gnädige und auch der Allmächtige?
  • Wieso aber gibt es dann so viel Böses, so viel Leid und Trauriges in der Welt?
  • Müssen wir da nicht an Gott irrewerden?

WILLIBALD SANDLER: Ja, die Bibel beschreibt Gott als guten, barmherzigen, gnädigen und allmächtigen Schöpfer. Und sie stellt sich der Frage, warum es dann so viel Böses und Leid in der Welt gibt. Das geschieht schon in der ersten Schöpfungserzählung, die während des maßlosen Leids der babylonischen Gefangenschaft entstanden ist, und in der Sündenfallgeschichte. Man kann sie als eine Theodizee in erzählender Form bezeichnen.

Die Bibel bezeugt, wie Menschen aufgrund maßlosen Leides an Gott irre werden: in den Klagepsalmen oder im Buch Ijob. Sie beschreibt Menschen, die sich von eigenem und fremden Leid betreffen lassen, deshalb mit Gott kämpfen und doch nicht restlos verzweifeln. Im Angesicht Gottes kämpfen und beten sie sich durch zu Hoffnung, Kraft und neuen Perspektiven.

  • Welche Antworten gibt uns in dieser Frage die Bibel?

Bevor die Bibel uns Antworten gibt, leitet sie uns also an, wie wir mit den Fragen umgehen können ohne daran zu zerbrechen oder uns durch vorschnelle Antworten mit dem Leid zufrieden zu geben.

Die Bibel gibt natürlich auch Antworten. Und die haben viel mit der Freiheit des Menschen zu tun, wie schon die Sündenfallgeschichten, deren es mehrere gibt, zeigen. Die Bibel offenbart uns einen Gott, der eine Welt geschaffen hat, in der wir in eine frei entschiedene Liebe zu Gott und seiner Schöpfung wachsen sollen.

Das schließt die abgründige Möglichkeit einer Verweigerung ein, mit der wir nicht nur uns, sondern vielen anderen und der ganzen Schöpfung Schaden zufügen.

  • Was ist dann mit dem Übel, das nicht durch Menschen verursacht wird?

Gott hat gemäß der Bibel keine fix fertige Welt, sondern eine Werdewelt geschaffen. „Die Erde lasse junges Grün sprießen“ (Genesis 1,11), sie „bringe Lebewesen aller Art hervor“ (Genesis 1,24) und der Mensch soll die Erde unterwerfen (Genesis 1,28) – und zwar nach dem liebend-freisetzenden Maßstab Gottes.

Dem entspricht eine evolutive Weltanschauung sehr gut. Gott hat also eine Welt mit einer eigenen Ordnung geschaffen, in die er nicht willkürlich eingreift, auch wenn er sie in allem trägt und auf ein gutes Ziel hin geschaffen hat.

Zu dieser Werdewelt, wie wir sie kennen, gehören zufällige Entwicklungen, die Wachstum und Entwicklung bis hin zu freien, verantwortlichen Menschen ermöglichten, aber auch Unglücksfälle, von Krankheitsmutationen bis zu Naturkatastrophen.

  • Daran spitzt sich doch letztlich die Theodizeefrage zu...

Noch ohne menschliches Eingreifen scheint diese Welt Leid in einem Maß zu produzieren, dass Mensch und Welt daran nicht mehr wachsen können, sondern zerbrechen.

Hat der göttliche Weltenbaumeister hier gepfuscht oder wollte er die Grausamkeit? Ist er also unfähig oder böse?

Das Problem bei solchen Fragen, die auch der Bibel nicht ganz fremd sind, ist unsere eingeschränkte Perspektive. Die Bibel offenbart uns zwar das Ziel dieser Schöpfung: „Gott will, dass alle Menschen gerettet werden“ (1 Timotheus-Brief 2,4) – und auch, dass dieses Ziel nur durch Freiheit hindurch erreicht werden kann – in wachsender Solidarität füreinander.

Wir können aber kaum erahnen, wie Gott das bewerkstelligen will und welche Umwege er dafür in Kauf nimmt. Jesu Tod am Kreuz zeigt uns, wie weit er selber bereit ist, in Solidarität mit den verlorenen und gewalttätig gewordenen Schafen diesen nachzugehen.

  • Woher kommt eigentlich das Böse in der Welt, so viel Leid, Unglück, Gewalt, Grausamkeit, Krieg?

Diese Woher-Frage verweist uns auf die menschliche Freiheit, die schwer schuldig werden kann durch eigene Grausamkeit oder durch Aufkündigung von Solidarität. Und sie verweist uns auf eine Werdewelt mit Zufalls-Spielräumen, die Raum geben für grausame Naturübel.

Im Johannesevangelium stellen die Jünger diese Woher-Frage, als sie einem Blindgeborenen begegnen. Jesus weist ihre Ursachen- und Schulderklärungen ab und leitet sie hin zur Sinn- und Wozu-Frage: „Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern die Werke Gottes sollen an ihm offenbar werden.“ (Johannesevangelium 9,3).

Dabei geht es Jesus um die letzte, eschatologische Wozu-Frage, ohne die jede Theodizee-Frage scheitern muss: Nicht nur an wenigen Auserwählten, sondern an jedem Menschen sollen die erlösenden, befreienden, versöhnenden und vollendenden „Werke Gottes“ offenbar werden.

Wir alle sollen „himmelsfähig“ werden: So, dass wir Gott und all unsere Mitmenschen in der himmlischen Ewigkeit aushalten können und die anderen auch uns. Dafür nimmt Gott offenbar Umwege in Kauf, die für uns unvorstellbar und skandalös sind.

  • Wie können wir Christen heute trotzdem von der Allmacht Gottes sprechen?

Ein häufige Falle in den Theodizee-Diskussionen ist, dass wir uns an abstrakten Vorstellungen von Gottes Eigenschaften festbeißen: etwa von Gottes Güte oder auch von seiner Allmacht.

Wenn wir uns nicht vorrangig philosophisch, sondern biblisch der Theodizeefrage annähern, werden wir mit Texten und Erzählungen konfrontiert, die unser Denken, Begreifen und unsere Begriffe zum Zerbrechen bringen und sie so radikal ändern.

Die Bibel will nicht nur unseren Glauben und unser Handeln, sondern auch unser Denken und Urteilen bekehren. Biblisch erweist Gott seine größere Macht dadurch, dass er nicht zwingt; dass er dort, wo er sich offenbart, Freiheit nicht überwältigt, sondern freisetzt.

Dies geschieht vor allem durch den Heiligen Geist, der uns so von innen her bewegen kann, so dass sich dem kein Mensch entziehen kann.

Die Bibel will nicht nur unseren Glauben und unser Handeln, sondern auch unser Denken und Urteilen bekehren. Biblisch erweist Gott seine größere Macht dadurch, dass er nicht zwingt; dass er dort, wo er sich offenbart, Freiheit nicht überwältigt, sondern freisetzt.
ao. Univ.-Prof. Dr. Willibald Sandler lehrt am Institut für Systematische Theologie in Innsbruck.
Autor:

Stefan Kronthaler aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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