Biblische Gestalten - Johannes der Täufer
Der Prophet aus Feuer und Wasser

Historisch ist es so, dass Jesus von Nazaret zu Johannes gegangen ist, um sich taufen zu lassen. Im Bild: Taufe Christi von Andrea del Verrocchio unter Mitarbeit des jungen Leonardo da Vinci (1475).
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  • Historisch ist es so, dass Jesus von Nazaret zu Johannes gegangen ist, um sich taufen zu lassen. Im Bild: Taufe Christi von Andrea del Verrocchio unter Mitarbeit des jungen Leonardo da Vinci (1475).
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Auch in der zweiten Folge unserer Serie über biblische Gestalten verliert jemand seinen Kopf. König Herodes Antipas ließ Johannes den Täufer unschuldig hinrichten.

Wer war der unerschrockene Kritiker des Königs? Was war seine Botschaft und warum musste er wirklich sterben? Über diese Fragen sprechen wir mit dem Neutestamentler Martin Stowasser von der Universität Wien. Unsere Reihe versteht sich als Hinführung zur Bibel-Festwoche diesen Herbst in Wien.

Sein Name bedeutet „Gott ist gnädig“ und schon seine Geburt glich laut biblischem Bericht einem Wunder. Er war feuriger Prophet und strenger Asket und laut Aussagen von Neutestamentler Martin Stowasser der Lehrer Jesu.

Martin Stowasser
ist Theologe und außerordentlicher Universitätsprofessor an der Universität Wien

Was weiß die Bibelwissenschaft über Johannes den Täufer? Was war seine Botschaft und was bedeuteten die von ihm durchgeführten Taufen? Bibelwissenschaftler Martin Stowasser beleuchtet im Interview mit dem SONNTAG die vielleicht rätselhafteste Gestalt der Evangelien.

  • Was war die Botschaft von Johannes dem Täufer?

MARTIN STOWASSER: Was überliefert wurde, wird aber das für ihn Charakteristische gewesen sein. Da fällt diese radikale Neuorientierung stark auf, die Johannes der Täufer vertreten hat im Sinne einer Neuzuwendung zu Gott.

Er rief zur Umkehr auf, allerdings – das ist das Auffällige – abseits der zeitgenössischen religiösen Institutionen. Er verweist nicht auf den Tempel und auf die Priesterschaft, sondern präsentiert sich selbst als die Person, die zu dieser Neuorientierung aufruft und weiß, was Gottes Wille ist.

Zentral wird das bei ihm unter dem Stichwort Gericht verhandelt, das unmittelbar bevorsteht und dazu drängt, sich Gott radikal zuzuwenden. Sich an Gottes Botschaft neu auszurichten, ist seine Grundintention. Ob es konkrete Forderungen gab, wissen wir leider nicht.

  • Warum wird er „der Täufer“ genannt?

Er hat diese Neuorientierung an ein äußeres Zeichen gebunden – dass man sich taufen lassen soll, daher der Name „Täufer“. Dahinter steht die kultische Vorstellung, dass man sich reinigen muss. Die Reinigung durch Wasser soll bewirken, dass die Sünden, die man mit der Neuorientierung hinter sich lassen möchte, von Gott getilgt sind. Und es ist auch ein sprechendes Bild: Das Gericht soll mit Feuer kommen. Dem steht das Wasser gegenüber, dass vor dem Feuer und der Vernichtung rettet.

  • Er trägt auch den Namen „Vorläufer“...

Historisch ist es so, dass Jesus von Nazaret zu Johannes gegangen ist, um sich taufen zu lassen. Auch Jesus war der Überzeugung, dass er diese Neuorientierung und Sündenvergebung nötig hat, und ist eine Zeit lang beim Täufer als dessen Schüler geblieben. Aus Sicht der Antike war das ein Lehrer-Schüler-Verhältnis, in dem der Lehrer die wichtigere Person ist als der Schüler.

Die Evangelien bekennen sich aufgrund der Auferstehung Jesu zu einem tieferen Verständnis dieses Jesus von Nazaret als Messias und Sohn Gottes. Um das Lehrer-Schüler-Verhältnis von Johannes und Jesus theologisch neu zu interpretieren, hat man die Vorstellung des Buches Maleachi herangezogen. Dort heißt es, dass am Ende der Zeiten Jahwe, bevor er kommt, den entrückten Elia wieder schicken wird, um das Volk vorzubereiten.

Diese Typologie hat man christlich auf das Verhältnis Jesus – Johannes der Täufer umgemünzt, so dass der Täufer zum Vorläufer Jesu wurde, der in der Sicht des Glaubens dessen Kommen vorbereitet. Damit hängen auch die Hinweise auf Kleidung und Nahrung des Täufers in den Evangelien zusammen. Das entspricht der Elia-Typologie aus dem Alten Testament. Zu Beginn des Markusevangeliums wird Johannes so geschildert, dass der bibelkundige Leser begreift: Er ist dieser wiederkommende Elia.

  • Warum ging Johannes in die Wüste und nicht in die Stadt Jerusalem?

Das hatte praktische Gründe. Eine Wassertaufe durchzuführen wäre in einer Stadt, wo es wenig Wasser gibt, schwierig gewesen. Es geht auch um die Vorstellung in der jüdischen Tradition, dass es lebendiges, fließendes Wasser sein soll. Das spielt in den jüdischen Reinigungsriten eine wichtige Rolle. Er hat diesen Waschungsritus als religiösen Ritus verwendet und dazu brauchte er einen Fluss.

  • Wie hat er genau getauft?

Es war wohl ein Gesamtkörperbad. Man ist in den Fluss hinein gestiegen und wurde als ganze Person untergetaucht. Das entspricht auch jüdischen Waschungsriten.

  • Warum kam er ins Gefängnis und wurde letztlich hingerichtet?

Der jüdische Historiker Flavius Josephus gibt uns einen Bericht über die Hinrichtung des Täufers und macht dabei deutlich, dass man ihn als politisch gefährlich eingestuft hat. Es wird explizit gesagt, dass Herodes Antipas ihn hinrichten ließ, um einer möglichen Aufruhrbewegung im Volk zuvorzukommen.

Der Hintergrund ist, dass Herodes Antipas seine erste Frau verstoßen und eine andere, nämlich seine Nichte und Schwägerin, geheiratet hatte. Das hat der Täufer gebrandmarkt und das hat zu Unruhen geführt. Der Bericht des Flavius Josephus trifft den historischen Kern, die Geschichte rund um Salome ist eher als legendarisch einzustufen.

Es war dasselbe Schicksal, das später auch Jesus ereilte: Bevor die Bewegung zu stark wird, zieht man den Führer aus dem Verkehr.

  • Was fasziniert Sie an Johannes dem Täufer? Was irritiert Sie?

Auf der einen Seite ist dieser Mut zum Aufbruch faszinierend und eine persönliche Gottsuche abseits religiöser Institutionen, außerhalb der vorgegebenen religiösen Strukturen.

Die Schattenseite, die mich irritiert, ist dieses So-ganz-genau-Wissen, was Gott eigentlich will. So wie sich ja auch Jesus selbst zum Propheten ernennt. Das ist etwas Irritierendes, dieses Selbstbewusstsein, genau zu wissen, was Gott will, ungebunden an andere Traditionen, die sich hier im Dialog einbringen würden. Dieses Solistische macht auch ein bisschen Angst, würde ich sagen.

Serie „Biblische Gestalten"

Historisch ist es so, dass Jesus von Nazaret zu Johannes gegangen ist, um sich taufen zu lassen. Im Bild: Taufe Christi von Andrea del Verrocchio unter Mitarbeit des jungen Leonardo da Vinci (1475).
Martin Stowasser ist Theologe und außerordentlicher Universitätsprofessor an der Universität Wien.
Autor:

Agathe Lauber-Gansterer aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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