Faszination Pilgern
Auf dem Weg nach Jerusalem

Pilgern ist für die 26-jährige Studentin Franziska Tertsch der Moment, in dem jeder Schritt zum Gebet und zur Begegnung mit Gott wird.
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Viele Menschen suchen nach Abstand vom schnelllebigen Alltag. Sie nehmensich eine Auszeit und gehen auf Pilgerschaft. Aus religiösen, aber auch nicht-religiösen Motiven heraus. Die Theologiestudentin Franziska Tertsch erzählt, was für sie persönlich Pilgern bedeutet.

Menschen pilgern seit Jahrhunderten zu heiligen Stätten. Die Sehnsucht, sich auf den Weg zu machen, um den Fragen nach dem Sinn des Lebens nachzugehen, ist allgegenwärtig. Vor mehr als zwei Jahrzehnten hat ein neuerlicher Boom des Pilgerns eingesetzt, vor allem durch die Wiederentdeckung des Jakobsweges nach Santiago de Compostela. Jährlich besuchen mehr als 200.000 Menschen den Pilgerort im nordwestlichen Spanien. Viele davon machen sich zu Fuß über hunderte Kilometer auf den Weg. Weltweit unternehmen jährlich zwischen 300 und 330 Millionen Christen eine Pilgerreise. Hauptziele sind wie in früheren Jahrhunderten Rom und Jerusalem.

Ab Ende des Jahres 2017 strömten Pilger verstärkt ins Heilige Land. Darunter auch viele junge Menschen. Franziska Tertsch, 26 Jahre alt, ist eine von ihnen. Sie studiert Theologie – mit Begeisterung für das Wort Gottes. Neben den Städten Wien und Fribourg in der Schweiz fühlt sie sich in Jerusalem zu Hause. Dem SONNTAG erzählt sie, was für sie die Faszination Pilgern ausmacht und erinnert sich an ihre Pilgerreise durch das Heilige Land:

Es ist Ende Dezember, Weihnachtszeit, und trotzdem komme ich beim Gehen unter der brennenden Sonne ins Schwitzen. Meine Füße schmerzen und mein Rucksack wiegt mehr als 10 Kilogramm. Nachdem wir alle Flaschen aufgefüllt haben, kommen noch 7 Liter Wasser dazu. Somit trage ich über ein Drittel meines eigenen Körpergewichtes auf meinem Rücken.

Pilgerin Franziska Tertsch: „Die Freude besteht darin, auf dem Weg zu sein. Mein Leben ist Freude, weil mein Leben ein Weg ist.“
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Warum nur tue ich mir das an?
Ich freute mich, als man mir sagte: „Zum Haus des HERRN wollen wir gehen.“ (Ps 122,1) Wenn man es genau nimmt, entferne ich mich gerade vom Haus des HERRN. Oder besser gesagt, von dem Ort, an dem es einmal stand. Vor ein paar Tagen bin ich in Jerusalem in den Bus Richtung Süden gestiegen. Gemeinsam mit Freunden gehe ich nun durch den Negev bis ans Rote Meer. Quasi „Auszug-aus-Ägypten-Revers“. Aber: Was ist das „Haus des HERRN“?

Gehen wir in der Geschichte Israels zurück, dann treffen wir auf einen Mann, der auch in dieser Gegend unterwegs war. Alleine, auf der Flucht vor seinem Bruder: Jakob. Jakob hatte einen nächtlichen Traum: Er sah eine Leiter, an welcher die Engel Gottes auf und nieder stiegen, und den HERRN vor sich stehen. Als Jakob erwachte sprach er: „Wirklich, der HERR ist an diesem Ort und ich wusste es nicht!“ (Gen 28,16)
Das Haus des HERRN ist an diesem Ort – hier, auf meinem Weg. Hier, wo ich mein Lager aufschlage. Gott ist mit mir. „Zum Haus des HERRN gehen“ bedeutet, die Präsenz Gottes im Hier und Jetzt wahrzunehmen.

Gemeinsam mit Freunden unterwegs durch den Negev bis ans Rote Meer.
  • Gemeinsam mit Freunden unterwegs durch den Negev bis ans Rote Meer.
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Einige Jahrhunderte später treffen wir auf einen anderen Mann, der noch viel weiter reiste: Paulus. Er schreibt an die Christen in Korinth: „Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“ (1 Kor 3,16)
Ich selbst bin Haus des HERRN. Aber nicht nur ich, sondern jeder Mensch, dem ich begegne. „Zum Haus des HERRN gehen“ heißt, auf meinem Nächsten zuzugehen, ihm zu begegnen und in dieser Begegnung Gott zu finden. Das Haus des HERRN ist hier und trotzdem gehe ich zum Haus des Herrn. Ich bin da und gleichzeitig auf dem Weg.

Blick ins Gelobte Land.

Ähnlich erging es Abraham, als er unter den Eichen von Mamre saß: „Er erhob seine Augen und schaute auf, siehe, da standen drei Männer vor ihm. Als er sie sah, lief er ihnen vom Eingang des Zeltes aus entgegen.“ (Gen 18,2)
Die drei Männer standen vor ihm und dennoch lief er ihnen entgegen. Gott ist hier, genau vor mir, aber um IHM zu begegnen, muss ich mich auf machen und IHM, meinen Herrn, entgegen laufen.

Ich freue mich. Die Freude besteht darin, auf dem Weg zu sein. Mein Leben ist Freude, weil mein Leben ein Weg ist. Ein Weg zu Gott.

Schon stehen unsere Füße in deinen Toren, Jerusalem (Ps 122,2)
Ich lebe in dieser ständigen Spannung des „Auf-dem-Weg-Seins“ und des „Schon-in-den-Toren-Jerusalems-Stehens“. Letztendlich ist mein ganzes Leben mein Weg ins himmlische Jerusalem.

Pilgern ist der Ausdruck dieser Realität. Pilgern ist der Moment, in dem jeder Schritt zum Gebet und zur Begegnung mit Gott wird. So wie auch in meinem Leben jeder Akt auf den HERRN hin ausgerichtet sein sollte. Darum. Darum bin ich hier, unter der brennenden Sonne mit schmerzenden Füßen und einem viel zu schweren Rucksack in der Wüste Negev auf dem Weg zum Roten Meer. Darum pilgere ich.“

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Der SONNTAG Redaktion aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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