Kirche und Sozialdemokratie
Verpflichtet zum Dialog mit allen Kräften

Tauwetter in den 1970er Jahren: Kardinal Franz König, ÖGB-Präsident Anton Benya. 
1973 sprach König vor dem Bundesvorstand des Österreichischen Gewerkschaftsbundes (ÖGB).
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  • Tauwetter in den 1970er Jahren: Kardinal Franz König, ÖGB-Präsident Anton Benya.
    1973 sprach König vor dem Bundesvorstand des Österreichischen Gewerkschaftsbundes (ÖGB).
  • Foto: ÖGB
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Besonders seit der Zwischenkriegszeit (1918 bis 1938) standen sich in Österreich die katholische Kirche und die Sozialdemokratie gleichsam wie in einer Frontstellung gegenüber. Univ.-Prof. Martin Jäggle erläutert im SONNTAG-Interview die Hintergründe und die Versäumnisse, warum bis heute diese Gräben nicht endgültig überwunden sind. Und er erklärt, welche gemeinsame Anliegen Kirche und Sozialdemokratie gerade heute verbinden.

Welche gemeinsamen inhaltliche Schnittmengen Martin Jäggle zwischen der Katholischen Kirche und der Sozialdemokratie in Österreich sieht, will DER SONNTAG wissen.

„Grundsätzlich etwa die Orientierung an den Benachteiligten und Ausgebeuteten, den an den Rand Gedrängten, also jenen, die gesellschaftlich ausgeschlossen sind“, sagt der langjährige Universitätsprofessor für Katechetik und Religionspädagogik an der Universität Wien.

Jäggle nennt dies „Fokussierung von Politik und Religion“, dies sei „eine ganz starke und große Schnittmenge zwischen katholischer Kirche und Sozialdemokratie heute“. Er ist Mitherausgeber eines Tagungsbandes „Katholische Kirche und Sozialdemokratie in Österreich“.

  • Pius X. sprach in seinem „Katechismus“ am Beginn des 20. Jahrhunderts von „himmelschreienden Sünden“, u. a. vom vorenthaltenen „gerechten Lohn“ für die Arbeiter. Ist das ein Thema, das Kirche und Sozialdemokratie verbindet?

MARTIN JÄGGLE: Den klassischen Arbeiter gibt es kaum mehr, außer in Kernbereichen der industriellen Produktion. Aber der vorenthaltene gerechte Lohn trifft im Grunde genommen alle jene bei uns, die heute in prekären Beschäftigungsverhältnissen sind. Wo ich beispielsweise auch durch Vollbeschäftigung kein Entgelt bekomme, mit dem ich meinen Lebensunterhalt sichern kann.

Die Frage nach dem gerechten Lohn stellt sich auch in der Globalisierung, wo viel Arbeit ausgelagert wird. Amazon ist so ein Beispiel für prekäre Arbeitsverhältnisse.

  • Ein heikles Thema ist die sogenannte Fristenlösung, die bis heute das Verhältnis zwischen katholischer Kirche und Sozialdemokratie belastet. In einem Referat am 26. September 1987, vor der Herbst-Konferenz der Katholischen Aktion Österreichs, bezeichnete Kardinal Franz König die Fristenregelung als eine „offene Wunde“ in der Geschichte der Zweiten Republik. Warum wurden die von Kanzler Kreisky damals versprochenen flankierenden Maßnahmen hinsichtlich der Abtreibung-Problematik bis heute nicht wirklich umgesetzt?

Ich weiß es nicht. Diese Polarisierung hat eine Vorgeschichte: Die Regierung Kreisky hat 1971 eine Gesetzesvorlage mit einer Indikationenregelung ins Parlament gebracht. Davor – während der ÖVP-Alleinregierung Ende der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts – bekam der damalige ÖVP-Justizminister kein grünes Licht von der Kirche für eine Familienrechts- und Strafrechtsreform.

So galt beispielsweise weiterhin der Mann als Familienoberhaupt, der den Wohnort der Frau ohne ihre Zustimmung festlegen konnte. Die Kirche hatte sich damals gegen jegliche Änderung des Paragraphen 144 ausgesprochen. Beim Parteitag der SPÖ in Villach 1972 kam es dann zur Beschlussfassung über die sogenannte Fristenlösung.

Die Blockadepolitik der Kirche bei der Justizreform führte zu einem Rückstau, der in der sogenannten Fristenlösung, die keine Lösung an sich ist, mündete. Dem ÖVP-Antrag „betreffend die positiven Maßnahmen zum Schutz des Leben“ stimmte der Nationalrat am selben Tag (29.11.1973) einstimmig zu, ebenso der Formulierung, „dass der Schwangerschaftsabbruch weder eine gesellschaftlich wünschenswerte noch medizinisch empfehlenswerte Methode der Geburtenregelung“ ist.

Zu den positiven Maßnahmen zählten u.a. die Schaffung von Familienberatungsstellen und deren Bewerbung und Aufklärung. Die Aktion Leben mit ihrer Schwangerenberatung und ihren Hilfen sowie ihrer Sexualpädagogik setzt sie meines Erachtens am konsequentesten um und fordert immer wieder die Information über Beratung und konkrete Hilfe für schwangere Frauen in Notlagen ein. W

arum die sogenannten flankierenden Maßnahmen nie so umgesetzt wurden wie versprochen, dazu kann ich nichts sagen. Vielleicht fürchteten und fürchten bis heute manche in der SPÖ, dass die Fristenlösung damit ausgehöhlt werden könnte. Die damalige Polarisierung hat die Umsetzung der flankierenden Maßnahmen gewiss nicht erleichtert. Das Ergebnis von Politik ist stets auch ein Ergebnis vom Handeln der Kirche.

  • Welche Lehren sind denn aus den Jahren 1918 bis 1938 für die Gegenwart zu ziehen, als sich damals wie in einer Frontstellung Kirche, auch durch personelle Verbindung mit der Christlich-Sozialen Partei, und Sozialismus gegenüberstanden?

Heute hat die katholische Kirche eine klare Option für die Armen, von Papst Franziskus abwärts. Diese Option für die Armen ist nicht nur eine Frage der Barmherzigkeit, sondern auch eine der Gerechtigkeit. In der Zwischenkriegszeit war die Option für die Armen eine Frage der Barmherzigkeit, aber nicht eine Frage der Gerechtigkeit.

Zu welchen neuen Ufern die Kirche kommen kann, zeigt sich beispielsweise in der Frage der geflüchteten Menschen. Ich halte das für das zentrale ökumenische Ereignis der 2010er Jahre, dass die katholische und die evangelische Kirche eine gemeinsame Position für Geflüchtete eingenommen haben.

Während der Zwischenkriegszeit wäre das undenkbar gewesen. Damals gab es den Schulterschluss mit Deutschnationalen, die ein autoritäres Politikverständnis hatten. Dabei ist die Kirche eine Institution des Dialogs. Die ganze Offenbarung ist letztlich ein Dialog Gottes mit den Menschen und damit hat die Kirche den Auftrag, den Dialog auch selber zu leben. Und wo sie das nicht tut, verrät sie ihren Auftrag. Und da muss sie heute eingestehen: Wir haben diesen Auftrag damals nicht gelebt. Heute weiß die Kirche, dass sie zu einem Dialog mit allen gesellschaftlichen Kräften verpflichtet ist.

  • „Die Arbeiterklasse ist der radikalste, entschiedenste Gegner des Klerikalismus“, sagte der Vordenker der Sozialdemokraten, Otto Bauer. Musste eine solche Rhetorik der Kirche damals nicht Angst einjagen? Schließlich gab es in der Sozialdemokratie die marxistisch-inspirierte Religionskritik.

Das konnte nur einer verknöcherten Kirche Angst einjagen. Einer der drei Pfeile, die für die Sozialdemokratie stehen, ist der Kampf gegen den Klerikalismus, gegen die Macht der Kirche. Die Kirche selber hat gelernt, worin die Problematik des Klerikalismus besteht. Im Grunde genommen ist die Aufgabe der Kirche nicht die Erhaltung ihrer Machtposition, sondern der Dienst an den Benachteiligten und Armen, am Gemeinwohl und am Dialog in der Gesellschaft. Das geht nicht über Positionen der Macht.

Ja, biblische Werte in säkularisierter Form. Das Zweite Vatikanische Konzil hat zu einer Zusammenarbeit mit allen Menschen guten Willens eingeladen. „Alle Menschen guten Willens“ bezeichnet jene, die an der Verwirklichung des Reiches Gottes arbeiten, ob sie nun, wie es in Artikel 44 der Pastoralkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils, „Gaudium et spes“, heißt, gläubig oder nicht gläubig sind, aber etwas vom Leben verstehen. Die genannten sozialdemokratischen Werte bringen auch etwas von der Wirksamkeit des Christentums ans Tageslicht.

  • Setzt sich unsere Kirche leidenschaftlich genug für Gerechtigkeit und Solidarität ein?

Ja, sie setzt sich dafür ein. Aber sie ist bisweilen gehemmt und blockiert, weil sie sich ihrer Geschichte nicht stellt, in der sie versagt hat. Diese notwendige Entfesselung setzt die Auseinandersetzung mit der Geschichte unbedingt voraus.

  • Also nochmals ein Blick in die Geschichte: Hätte die katholische Kirche die Errungenschaften des sogenannten Roten Wien in der Zwischenkriegszeit wie Reformpolitik in den Bereichen Gesundheit, Bildung oder sozialer Wohnbau damals nicht mehr würdigen müssen?

Ja, und sie hat es bis heute nicht getan. Bis heute sind diese Errungenschaften, worum uns heute noch viele weltweit beneiden, nicht gewürdigt worden. Manche Gräben bestehen unverändert, an manchen dieser Gräben hat die Kirche mitgearbeitet. Tiere können nicht barmherzig sein, sie können nicht gerecht sein. Das können nur Menschen, aber auch nur Menschen können schuldig werden. Und auch die Kirche kann schuldig werden. Es ist gewissermaßen eine Qualität der Begrenztheit, dass man schuldig wird. Und dazu gehört auch, Schuld zu bekennen. Das ist die Grundlage von Versöhnung.

Der Graben zwischen SPÖ und Kirche, an dem die Kirche damals mitgebaut hat, führt natürlich bis heute auch dazu, dass das Bedenkenswerte der Kirche, wie etwa die Katholische Soziallehre, auch anderweitig nicht rezipiert wird. Aber wie die Sozialdemokratie mit dieser Geschichte und diesen unausgeschöpften Potenzialen umgeht, liegt in der Verantwortung der Sozialdemokratie.

Ich versuche die Verantwortung der Kirche zu benennen. Übrigens zeigt sich bei der Katholischen Soziallehre, wie sie politisch je nach Interessenslage ausgebeutet wird. Wenn heute das Wort Subsidiarität fällt, dann bedeutet Subsidiarität für manche politischen Akteure oft, dass jede und jeder für sich selber verantwortlich ist.

Die Grundidee der Subsidiarität ist die Unterstützung. Damit es möglich ist, dass ich in den Bereichen, wo ich Verantwortung trage, auch verantwortlich sein kann. Sonst werde ich nur verantwortlich gemacht und nicht in meiner Verantwortung gestärkt.

Autor:

Stefan Kronthaler aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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