Zurück zu den Sakramenten
Kirche, die stärker hört und weniger normiert

Kirchliche Trauung: Der Rückgang spiegelt den gesellschaftlichen Wandel wider.
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  • Kirchliche Trauung: Der Rückgang spiegelt den gesellschaftlichen Wandel wider.
  • Foto: Erzdiözese Wien/Stephan Schönlaub
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Die gefeierten Sakramente sind so etwas wie der Lebensnerv unserer katholischen Kirche. Bedingt durch die Corona-Pandemie kam es in den vergangenen Jahren zu einem massiven Rückgang bei der Spendung der Sakramente. Der Wiener Pastoraltheologe Johann Pock erläutert gegenüber dem SONNTAG die Auswirkungen für das Leben der Menschen.

Laut Kirchenstatistik 2020 hat die Corona-Pandemie auch das kirchliche sakramentale Leben in Österreich stark beeinträchtigt. So gab es beispielsweise bei den Sakramenten Taufe, Firmung und Ehe starke Rückgänge. Viele dieser Feiern mussten corona- bedingt verschoben werden. Die Zahl der Taufen lag 2020 bei 32.521. Das ist ein massiver Rückgang gegenüber 2019, wo noch 44.977 Taufen gezählt wurden. Einen massiven Rückgang gibt es auch bei den kirchlichen Trauungen.

Die Statistik für 2020 verzeichnet 3.595. 2019 waren es noch 9.842. Hier dürfte Corona – noch mehr als bei den Taufen – einen wesentlichen Einfluss gehabt haben. Deutlich fiel auch der Rückgang bei den Firmungen aus: 2019 gab es noch 42.861 Firmungen, 2020 waren es nur 26.625.

Im Gespräch mit dem SONNTAG erläutert der Pastoraltheologe Johann Pock, er ist auch Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät an der Universtät Wien, die Bedeutung der Sakramente für die Menschen.

  • Sakramente sind ein sperriger Begriff. Was ist – kurz gesagt – ein Sakrament?

JOHANN POCK: Sakrament meint, dass ein sichtbares Zeichen (wie das Wasser der Taufe) eine unsichtbare Wirklichkeit anzeigt und zugleich auch bewirkt. Im Sakrament handelt Gott selbst an uns Menschen.

  • Eine Stärke unserer katholischen Kirche ist ihre lebenslange Begleitung an Wendepunkten – vereinfacht gesagt: von der Wiege bis zur Bahre. Wie sollte die Kirche das vermitteln?

Der Auftrag der Kirche ist es, Menschen auf ihrem Weg zu begleiten. Es gibt im Leben prekäre Momente wie Geburt, Erwachsenwerden, Familiengründung oder auch Krankheit und Tod. Es geht darum, heilsam seelsorglich zu wirken. Die Kirche sollte ihre Dienstfunktion am gelingenden Leben der Menschen verstärken.

  • Wie begründen Sie, dass es trotz Pandemie ein hohes Vertrauen in die kirchlichen Dienste in den sensiblen Phasen der Lebenswenden, am Lebensanfang und -ende gibt?

Gerade an den Punkten von Leben und Tod, von Anfang und Abschieden merken Menschen, dass nicht alles in ihrer eigenen Macht steht. Sie suchen Sicherheiten und Hilfestellungen. Die kirchlichen Rituale bieten hier Sinn und Halt an – auch für Menschen, die ansonsten seltener kirchliche Angebote in Anspruch nehmen.

  • Sie verwenden das Wort von den „treuen Kirchenfernen“. Wo kann die Kirche diese Gruppe ansprechen? Welche Angebote haben Sinn?
  • Trifft der Rückgang der Sakramente an den Lebenswenden nicht den Lebensnerv der Kirche? Wo doch die treuen Kirchenfernen oft kaum eine Beziehung zur Kirche haben?

Sehr viele Getaufte nehmen am gemeindlichen Leben nicht teil. Zugleich verstehen sie sich als Christinnen und Christen, die ihren Glauben auf ihre persönliche Weise leben. Die „treuen Kirchenfernen“ finanzieren ihr Leben lang mit ihrem Kirchenbeitrag kirchliches Leben und erwarten häufig nur an ganz wenigen Momenten etwas: Und das sind meist Rituale wie Taufen, Trauungen und Begräbnisse.

Der Rückgang von Sakramentenspendungen kann sicher auch dazu führen, dass dieses lose Band zur Kirche leichter durchtrennt wird.

  • Sind nicht eigentlich die Sakramente selbst diese „Lebenswenden“?

Die Sakramente stellen nicht selbst eine Lebenswende dar, sondern begleiten sie. Die Firmung ist häufig im Umfeld des Erwachsenwerdens angesiedelt, gewissermaßen als das Bekräftigen oder Besiegeln eines nun erwachsenen Glaubens. Die Lebenswende ist jedoch die Adoleszenz, das Erwachsen-Werden (der Person oder des Glaubens).

  • Die Erzdiözese Paris hat ihre Ehevorbereitung vor einiger Zeit neu aufgestellt. Das Ergebnis: Fast die Hälfte der Paare nahm von der Sakramentenspendung Abstand. Österreichweit wurden während der letzten zehn Jahre rund 40 Prozent der zivilen Ehen geschieden. Ist der Rückgang an kirchlichen Eheschließungen daher wirklich dramatisch?
  • Was könnte unsere Kirche den Paaren anbieten, damit ihre Ehe gemäß dem Versprechen „in guten und in schlechten Tagen“ gelingen kann?

Gerade das Ehesakrament ist sicherlich sehr stark herausgefordert durch veränderte Formen des Zusammenlebens. Partnerwechsel und Scheidungen sind gesellschaftlich akzeptiert. Die kirchlichen Vorstellungen einer christlichen Ehe und die kirchliche Sexualmoral stimmen für sehr viele der Katholiken nicht mehr mit ihrem Leben überein.

Der Rückgang an kirchlichen Eheschließungen spiegelt den gesellschaftlichen Wandel und zugleich die Ablehnung kirchlicher Werte wider. Anbieten kann die Kirche hier, stärker hörende und weniger normierende Kirche zu sein.

  • Das „Stiefkind“ unter den Sakramenten ist die Beichte: warum eigentlich? Sie ist doch ein sensationelles Angebot: Mir wird nachgesehen, wenn ich etwas falsch gemacht habe und das immer wieder. Gott gibt mich nicht auf. Was bedeutet es für das Leben der Kirche, dass das Sakrament der Versöhnung fast vergessen zu sein scheint?

Das Bußsakrament ist tatsächlich ein geniales Mittel zum Neubeginn im Leben. Zugleich ist es mit der Notwendigkeit verbunden, Peinlichkeiten einem anderen Menschen (konkret dem Priester) sagen zu müssen. Wer tut dies schon gern? Daher kommt Beichte am ehesten noch im anonymen Bereich von Wallfahrtskirchen vor.

Ich plädiere für ein Einüben einer breiten Kultur der Versöhnung schon im Kindesalter – und dabei kann die Einzelbeichte eine Möglichkeit für besonders schwere Fälle darstellen. Wie wichtig eine Versöhnungskultur wäre, zeigt sich nicht zuletzt an den aktuellen Unversöhnlichkeiten zwischen extremen Gruppen in Kirche und Gesellschaft.

  • Nicht erhoben in der Kirchenstatistik ist das Sakrament der Krankensalbung. Ist der Wandel von der „Letzten Ölung“ hin zur Krankensalbung bei den Menschen angekommen?

Ich erlebe gerade im Bereich der Krankenseelsorge eine große Wertschätzung der Krankensalbung, die auch von älteren Menschen, die nicht sterbenskrank sind, sehr gerne als Stärkung angenommen wird.

Zugleich wäre es schade, wenn der Charakter eines Übergangsrituals beim Sterben gänzlich wegfallen würde. Hier ist eher die Kunst gefragt, mit der Krankensalbung das entsprechende versöhnliche Gottesbild mit zu verkünden. Ich glaube, dass eine Angst vor einer „Letzen Ölung“ eher bei Kirchenferneren besteht, die den Wandel weniger stark mitgemacht haben.

  • Wie hält die Kirche die Spannung aus zwischen großzügiger Spendung der Sakramente als Volkskirche und genaueren Festlegungen als Kirche der Entschiedenen?

Für mich ist es weniger die Frage, ob die Kirche diese Spannung aushält, sondern ob die kirchlich Verantwortlichen bereit sind, Sakramente weniger vom Sakramentenrecht her anzuschauen, sondern von ihrem Gnadencharakter.

Sakramente sind „immer gratis, nie umsonst“ (Ottmar Fuchs). Zum Charakter einer Kirche im Dienst der Menschen gehört es, Menschen die Heilsmittel nicht vorzuenthalten. Hier plädiere ich für eine großzügige Handhabung bei den Zulassungen zur Taufe, zur Firmung oder zur Eucharistiefeier.

Sakramente wirken aus sich heraus und vermitteln einen Gott, der für das Leben steht.

Kirchliche Trauung: Der Rückgang spiegelt den gesellschaftlichen Wandel wider.
Pastoraltheologe Johann Pock: " Sakramente vermitteln einen Gott, der für das Leben steht."
Autor:

Stefan Kronthaler aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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