Fairtrade trotzt der Krise
Ein Lichtblick in der Krise?

Krisen schärfen das Bewusstsein, dass die Produkte, die wir kaufen, von realen Menschen hergestellt werden.
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Wie geht es eigentlich dem Fairen Handel in Zeiten der Pandemie? Haben die Österreicherinnen und Österreicher sich in der Krise weniger oft für Fairtrade-Produkte entschieden oder ist die Nachfrage gleich geblieben? Und wie ging und geht es eigentlich den Produzenten und Kooperationspartnern von Fairtrade in diesen herausfordernden Zeiten?

Ein Gespräch mit Hartwig Kirner, Geschäftsführer von Fairtrade Österreich, über soziale Gerechtigkeit, globalen Zusammenhalt und die Hoffnung, die er trotz der Krise für Fairtrade sieht.

Es war eine Nachricht, die aus all den schlechten Nachrichten, die uns derzeit aus der Wirtschaft erreichen, doch ein wenig hervorstach: Trotz geschlossener Lokale und Kaffeehäuser im Corona-Lockdown – mittlerweile werden fast 30 Prozent des Fairtrade-Kaffees außer Haus konsumiert – stieg der Rohkaffeeverbrauch im ersten Halbjahr 2020 um 5 Prozent (2.305 Tonnen) an. „Die Österreicherinnen und Österreicher lieben ihren Kaffee offensichtlich“, sagt dazu Hartwig Kirner, Geschäftsführer von Fairtrade Österreich im Gespräch mit dem SONNTAG: „Und wollten nicht nur – oder vielleicht auch vor allem – weil sie zu Hause bleiben mussten, nicht auf dieses Genussmittel verzichten.“

Für die Kleinbauernkooperativen in Afrika, Asien und Lateinamerika bedeutet diese Liebe der Österreicherinnen und Österreicher Direkteinnahmen aus Österreich von 9,2 Millionen US-Dollar. Bei dieser positiven Entwicklung noch nicht berücksichtigt, so meldete Fairtrade Österreich, sei das Engagement der Caritas der Erzdiözese Wien, die von nun an auf Fairtrade-Kaffee in ihren Häusern und Einrichtungen setzt.

Hochwertige Lebensmittel boomen

„Der Trend, was Fairtrade-Produkte betrifft, ist seit Jahren in Österreich sehr positiv und es war wirklich erfreulich – und auch ein wenig überraschend – zu sehen, dass die Nachfrage generell auch in der Corona-Krise nicht wesentlich eingebrochen ist“, sagt Hartwig Kirner. Am Anfang der Krise habe er im Hinblick auf die Konsumentwicklung und Fairtrade-Produkte „schon ein wenig Bauchweh“ gehabt. „Da war zunächst einmal die Frage: Was wird aus unseren frischen Produkten, wie den Bananen, wenn Handelswege zu sind und Häfen vielleicht geschlossen werden? Ganz generell hat man ja auch gesehen, dass der Konsum merklich eingebrochen ist. Aber es war dann relativ schnell klar, dass Lebensmittel davon nicht ganz so betroffen sind, wie andere Sparten, die es wirklich schlimm erwischt hat. Essen mussten wir ja weiterhin.“

Der neue Trend, selber zu kochen, sei tatsächlich auch den Fairtrade-Produkten – genauso wie etwa auch Bio-Lebensmitteln – zugute gekommen. „Viele wollten plötzlich in einer ganz anderen Qualität wissen, welche Produkte sie verarbeiten, welche Produkte sie konsumieren. Die Nachfrage nach hochwertigen Lebensmitteln war geradezu in den Regalen der österreichischen Supermärkte sichtbar.“ 

Die Kosten in der Produktion steigen

Trotzdem gebe es natürlich immer noch sehr viel Potential, um den Handel mit Kaffee und anderen Produkten fairer zu machen und noch mehr im Globalen Süden zum Guten zu ändern, sagt Hartwig Kirner.

Das gelte ganz generell und vor allem auch in Zeiten von Corona. Denn die Krise habe viele andere Bereiche der Produktion fairer Handelsgüter hart getroffen. „Die Kosten für den Transport etwa sind enorm gestiegen“, sagt Hartwig Kirner: „In manchen Staaten Lateinamerikas wurden die Grenzen dicht gemacht – Häfen konnten so nicht oder nur auf Umwegen erreicht werden – längere Wege bedeuteten dann natürlich auch höhere Kosten. Die geschlossenen Grenzen führten außerdem dazu, dass Erntehelfer fehlten. Und auch die Sicherheitsmaßnahmen, die aufgrund von Corona getroffen werden mussten, haben natürlich eine Menge Kosten verursacht.“

Das galt für den Kaffee, aber auch für die anderen Lieblings-Fairtrade-Produkte in Österreich: Kakao und Schokolade, Bananen, Rosen und Fruchtsäfte.

In Costa Rica etwa wurde nur der Bio-Kakao geerntet, weil der sich am Markt besser verkaufen lässt. Die Exporte konnten so zwar ohne große Schwierigkeiten fortgesetzt und bestehende Verträge erfüllt werden, die niedrigen Preise, die für das Rohprodukt bezahlt werden, waren und bleiben aber eine große Herausforderung für die Bauern.

Organisationen, die frische Früchte und Säfte produzieren, waren besonders von Reisebeschränkungen für Arbeiterinnen und Arbeiter betroffen, die vor allem eine verspätete Ernte zur Folge hatten. Hinzu kam: Die Nachfrage nach frischen Früchten blieb zwar stabil, aber die Preise zeigten einen deutlichen Trend nach unten.

Ein Lichtblick in der Krise?
„Unsere Kaufentscheidungen haben schon lange weltweite soziale, ökologische und ökonomische Auswirkungen. Das ist den Menschen in Zeiten, da die Globalisierung Dauerthema in den Medien ist, durchwegs bewusst“, ist Hartwig Kirner überzeugt: „Außerdem haben die Menschen das Thema soziale Gerechtigkeit vermehrt auf der Agenda. Dazu haben natürlich auch die Krisen der vergangenen Jahre beigetragen – die Finanzkrise oder eben jetzt Corona.

Gerade jetzt wird klarer, wie problematisch etwa manche Arbeits- oder Produktionsverhältnisse sind. Und sie schärfen das Bewusstsein, dass die Produkte, die wir kaufen, von realen Menschen hergestellt werden, nicht von anonymen Konzernen. Krisen machen nun einmal auch Missstände sichtbarer. Ich hoffe, dass das ein nachhaltiges Sichtbar-Machen ist. Das wäre in der ganzen schwierigen Situation einer der Lichtblicke.“  

Nähere Informationen zur Arbeit von Fairtrade, zu Fairtrade-Produkten in Österreich und eine Übersicht, welche Fairtrade-Projekte derzeit in Österreich und auch den Anbauländern umgesetzt werden, finden Sie auf www.fairtrade.at

Autor:

Andrea Harringer aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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