Religionssoziologin Isabelle Jonveaux im Interview
Askese und Eros im Christentum

Isabelle Jonveaux: „Die Askese wird heutzutage eher sehr negativ betrachtet.“
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Es ist in Wahrheit ein Jammer: Schnell wird das Christentum bis heute mit Askese als Abtötung verbunden. Zugleich wird dem Christentum auch noch Leibfeindlichkeit vorgeworfen. Als ob der Eros kein Heimatrecht im Christentum besitzen würde.
Die Religionssoziologin Isabelle Jonveaux erläutert im Gespräch mit dem SONNTAG die richtig verstandene Askese und klärt über Vorurteile auf.

Noch immer wird das Christentum bis heute mehr mit Askese und Verzicht verbunden, weniger mit Eros. Warum hatte und hat es der Eros im Christentum oft so schwer?

„Die klösterliche Askese hat sich oft auf die sexuelle Dimension kristallisiert, aber es sei jedoch darauf hingewiesen, dass die Verurteilung des Körpers erst später, im Mittelalter, erfolgte“, sagt Isabelle Jonveaux.

Jonveaux ist Religionssoziologin und unterrichtet in Graz und in Linz. Sie arbeitet seit 2004 zum Forschungsbereich „Klosterleben“ (zunächst in Europa; derzeit in Afrika und Lateinamerika) und hat sich besonders mit dem Thema der Askese – auch in deren heutiger Entwicklung – beschäftigt.

2018 ist ihr Buch „Mönch sein heute. Eine Soziologie des Mönchtums in Österreich“ erschienen. Jonveaux spricht am 26. November bei den „Theologischen Kursen“ in Wien über „Eros & Askese“. „Die Asketen der Wüste verurteilten nicht den Körper als solchen, sondern bekämpften die Dämonen, die ihn versuchten.

Die volle Enthaltsamkeit für das ganze Leben war etwas Neues in einer Gesellschaft, in der es einige Formen sexueller Abstinenz gab, aber meist nur für eine bestimmte Zeit, nicht für das ganze Leben“ sagt Isabelle Jonveaux: „Viele Mönche und Nonnen haben mir gesagt, dass der Zölibat oder die Keuschheit überhaupt nicht das Schwierigste sind im Klosterleben. Aber das ist oft die Dimension, die von der Gesellschaft am wenigstens verstanden ist.“ Im SONNTAG-Gespräch erläutert Isabelle Jonveaux die Dimensionen einer richtig verstandenen Askese.

  • Was meint „Askese“ als „üben, trainieren“ eigentlich wirklich?

Isabelle Jonveaux: Askese (askesis, üben, trainieren auf Griechisch) ist im christlichen religiösen Bereich eine Disziplin, der man sich (freiwillig) widmet, um in der Beziehung zu Gott zu wachsen und sich von irdischen Vergnügungen zu lösen. All dies sollte dazu beitragen, für seine Erlösung und das ewige Leben zu arbeiten.

  • Warum war das frühe Klosterleben in der Wüste oft von strenger Askese gekennzeichnet?

Das frühe Klosterleben in der Wüste war von strenger Askese gekennzeichnet, weil die Idee der Buße sehr stark war. Das christliche Klosterleben hat sich ursprünglich als Flucht der Gesellschaft in die Wüste in Syrien und Ägypten gegründet.

Diese Flucht wurde als ein starkes Zeichen des Protests gegen eine dekadente Gesellschaft und sogar gegen die Kirche, die sich mit der Welt kompromittiert hat. Deswegen waren Sühne und Buße so wichtig, nicht nur für die Sünde der Mönche und Nonnen selbst, sondern auch der Gesellschaft.

  • Was dürfen wir unter den „Dämonen“ verstehen, von denen die Asketen oft geplagt wurden?

Ich bin keine Theologin und werde jetzt nicht diskutieren, ob die Dämonen wirklich so den Asketen erschienen sind oder nicht. Aber man kann auch die Dämonen für die Verkörperung der Versuchungen sehen. Gerade in einer Zeit, in der die heutigen Instrumente der Psychoanalyse und Traumdeutung fehlten, können wir auch hier eine Interpretation der Bewegungen des Unbewussten sehen.

  • Oft ist die Rede von sogenannten „Versuchungen“. Geht es da nur um die sexuelle, „fleischliche“ Komponente oder um mehr?

Die Versuchungen betreffen nicht nur die sexuelle Komponente, sondern alle Bewegungen von Körper und Geist, die sich von dem endgültigen Ziel der Beziehung zu Gott entfernen können. Es ging darum, so viel wie möglich in den Dingen des Himmels zu leben. Die Versuchung kommt, wenn die Möglichkeit besteht, die Askese zu übertreten.

  • Welchen Sinn hatte diese christliche Askese damals?

Askese stand nie oder sehr selten im Zentrum der christlichen (katholischen) Spiritualität im Allgemeinen. Sie war im Wesentlichen denjenigen vorbehalten, die beschlossen hatten, die Gesellschaft zu verlassen, um sich ganz der Suche nach der Erlösung zu widmen. Mit der Askese sollte für Sünden gesühnt und trainiert werden, allen Versuchungen zu widerstehen, mit dem letzten Ziel der Erlösung.

  • Welche Bedeutung hat die Askese für den heutigen Christenmenschen?

Die Askese wird heutzutage eher sehr negativ betrachtet. Das Wort wird in der Katholischen Kirche oder in den Klöstern selten verwendet. Sie gilt als Feindin aller Freuden und damit letztlich des Lebens im Allgemeinen. Insbesondere die sexuelle Askese wird in der heutigen hypersexualisierten Gesellschaft nicht verstanden.

Gleichzeitig tauchen jedoch neue Formen säkularer Askese auf, die ein spirituelles Ziel haben können oder auch nicht, und die manchmal, ohne den Namen zu tragen, strenger sein können als die alte klösterliche Askese. Die neuen Formen des Fastens sind ein Beispiel dafür.

  • Gibt es in den heutigen Klöstern noch die asketische Lebensweise?

Auf den ersten Blick sieht das heutige Klosterleben viel weniger asketisch aus als früher, besonders in Österreich und besonders in den Männerklöstern. Es wird in den Klöstern – laut den Mönchen und Nonnen selber – wenig noch gefastet, viele Mönche haben ein eigenes Bankkonto, manchmal eigenes Bad im Zimmer, können Freizeitaktivitäten außerhalb des Klosters machen, usw. Aber dieser erste Eindruck bedeutet nicht, dass das Klosterleben nicht mehr asketisch ist, auch wenn das Wort kaum verwendet wird.

Erstens sind Grundpfeiler der Askese immer noch sehr präsent, wie z.B. die Keuschheit oder das Gemeinschaftsleben mit seinen positiven und negativen Seiten. Andere Dimensionen des Lebens erscheinen heutzutage für die Mönche und Nonnen als schwieriger als traditionelle Grundpfeiler der Askese.

Beispielsweise ist eine Disziplin gegenüber Internet und Handy für viele Nonnen und Mönche schwieriger als das Fasten. Die Askese behält nur ihren Sinn, wenn sie sich zu jeder Epoche und jeden Ort anpasst. Allein die Tatsache, sein ganzes Leben Gott zu übergeben und für immer in eine Gemeinschaft einzutreten, in der man ein Gehorsamsgelübde ablegt und damit auf eine bestimmte Form der Freiheit verzichtet, ist an sich schon eine Askese für die heutige Gesellschaft. Auf der anderen Seite sind die bewussten asketischen Übungen, die man braucht, um sich im Kampf gegen Versuchungen, wie z.B. Kasteiungen oder Selbstgeißelung zu trainieren, fast verschwunden.

  • Wie lassen sich Eros und Askese vereinbaren?

Die Keuschheit im Kloster ist zwar gleich geblieben in dem Sinn, dass die Mönche und Nonnen enthaltsam leben (Zölibat, Verzicht auf gelebte Sexualität), aber eine neue Interpretation der Keuschheit lässt sich auch beobachten. Lange Zeit bedeutete Keuschheit im geweihten Leben die komplette Verneinung der Sexualität und der Triebe.

Auch heute beinhaltet das Gebot der Keuschheit nach wie vor einen Verzicht auf gelebte Sexualität, aber es handelt sich nicht mehr um eine allgemeine Verneinung und Verurteilung der Sexualität. Die Sexualität als Teil der Körperlichkeit ist heute anerkannt, wie dieses Zitat eines kanadischen Benediktiners zeigt: „Nehmen wir unsere Sexualität mit Optimismus und Selbstbeherrschung bewusst als Teil unserer Verantwortlichkeit an. Gott hat sie uns gegeben als etwas Schönes und Dynamisches.“

Die Rolle der Askese besteht nicht mehr darin, die Sexualität zu unterdrücken oder zu verneinen, sondern sie auf gute Bahnen zu lenken. Das Verlangen als solches ist nichts Schlechtes; entscheidend ist, was der Mönch oder die Nonne damit macht – das ist die Aufgabe der gelebten Keuschheit. Man beobachtet auch einen neuen Umgang mit dem Körper, der viel positiver ist, z.B. auch durch Sport.

Autor:

Stefan Kronthaler aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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