Lernen in Corona-Zeiten
„Alles neu" für Österreichs Schüler

„Digital Native“ zu sein, heißt vielleicht, dass man mit elektronischen Geräten aufwächst, sie gewohnt ist, aber es heißt nicht, dass jeder automatisch weiß, wie man sich Unterrichtsmaterialien aus dem Internet herunterlädt und wie man die dann abgibt – also hochlädt oder per E-Mail verschickt.  Zeitgerecht und vollständig – versteht sich.
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  • „Digital Native“ zu sein, heißt vielleicht, dass man mit elektronischen Geräten aufwächst, sie gewohnt ist, aber es heißt nicht, dass jeder automatisch weiß, wie man sich Unterrichtsmaterialien aus dem Internet herunterlädt und wie man die dann abgibt – also hochlädt oder per E-Mail verschickt. Zeitgerecht und vollständig – versteht sich.
  • Foto: D. Scharinger
  • hochgeladen von Der SONNTAG Redaktion

Mitte März wurden Österreichs Schulen geschlossen. Viele Eltern, Lehrerinnen und Lehrer, vor allem aber hunderttausende Mädchen und Buben im Alter zwischen 6 und 19 Jahren sahen sich plötzlich ganz neuen Herausforderung gegenüber: Dem Homeschooling.

  • Wie haben die Kinder und Jugendlichen das erlebt?
  • Was waren die Schwierigkeiten?
  • Wie viel besser ist da eigentlich der derzeitige „Schichtbetrieb“ an den Schulen?
  • Und wie soll man die Kinder auf das kommende Schuljahr vorbereiten?

Einfach war das nicht. Praktisch von einem Tag auf den anderen wurde mit dem 16. März das Schulgeschehen nach Hause verlagert. Per Internet bekamen die Schülerinnen und Schüler Lernaufträge, die sie sich herunterladen und zu Hause bearbeiten und elektronisch abgeben mussten. Noch nie war so gelehrt und gelernt worden.

Dass Kinder und Jugendliche heute als „Digital Natives“ gelten, sprich also jene Generation ist, die mit elektronischen Medien und ihrem Gebrauch aufwächst, darf gerade in einer Situation wie dieser als prinzipiell positiv angesehen werden. Aber im Grunde muss man genauso sagen: Was nützt alle Zugehörigkeit zur Generation der „Digital Natives“, wenn das digitale „Werkzeug“ – sprich Computer, Laptop, Tablet, Drucker, ein belastbarer Internetzugang – zu Hause nicht, oder nur spärlich vorhanden ist.

Ein Smartphone ist – auch wenn es zum Beispiel einen Internetzugang, vielleicht sogar mit ordentlichem Download-Guthaben bietet – kein Computer, auf dem man arbeiten kann. Und auch die Möglichkeiten der Messangerdienste, die über das Smartphone laufen, sind enden wollend, wenn es um das Weiterleiten, geschweige denn das Bearbeiten von Lernaufträgen geht.

Und noch etwas muss gesagt werden: „Digital Native“ zu sein, heißt vielleicht, dass man mit elektronischen Geräten aufwächst, sie gewohnt ist und dass man mit dem einen oder anderen „Tool“ wesentlich besser zurechtkommt als ältere Generationen, aber es heißt zum Beispiel nicht, dass jeder dieser „Digital Natives“ automatisch weiß, wie man sich Unterrichtsmaterialien aus dem Internet herunterlädt und wie man die dann abgibt – also hochlädt oder per E-Mail verschickt. Zeitgerecht und vollständig – versteht sich. Intellektuelle Herausforderungen also für Kinder und Jugendliche.

Aber auch seelische: Zu Hause auf sich gestellt zu sein, alleine Stoff durchzunehmen – auch wenn es eine Wiederholung und nichts Neues ist. Ohne Lehrer zu lernen, keine Möglichkeit zu haben „schnell mal zwischendurch" in oder nach einer Unterrichtsstunde Fragen zu stellen.

Ohne seine Mitschüler, seine Freunde, zu sein – ohne den regelmäßigen Austausch. Gerade letzteres ist vor allem für die jüngeren Kinder gar nicht leicht – wer 6, 8, 10, 12 Jahre alt ist, trifft sich mit seinen Freunden, um zu spielen. Plaudern, verbalen Austausch gibt es da natürlich zu Hauf, aber er passiert sozusagen nebenbei. Telefonieren – auch wenn es Videotelefonieren ist – ist da in den meisten Fällen keine wirkliche Alternative zu einem gemeinsamen Nachmittag im Kinderzimmer oder am Spielplatz.

Optimistisch in die Zukunft

Die Fakultät für Psychologie der Universität Wien führt zum Thema Homeschooling und dem Lernen unter Covid 19-Bedingungen derzeit eine Online-Studie durch. Ziel ist es, mehr darüber zu erfahren, wie die Kinder und Jugendlichen mit dieser neuen Situation des Lernens zurechtkommen, welche Herausforderungen damit verbunden sind, aber auch, ob sich dadurch nicht auch neue Lernwege auftun. Für die ersten Analysen wurden die Antworten von rund 11.000 Kindern und Jugendlichen zwischen 10 und 19 Jahren herangezogen.

Eines der erfreulichen Ergebnisse dieser Studie ist dabei sicherlich, dass sich immerhin zwei Drittel der befragten Schüler trotz der schwierigen aktuellen Umstände wohl fühlen. Etwa 80% sehen optimistisch in die Zukunft. Besonders wohl, so die Studie, fühlen sich Schüler, die sich in der derzeitigen Situation mit ihnen wichtigen Personen verbunden fühlen.

Auffallend ist, dass sich jene Schüler, denen es gut geht, als erfolgreich bei der Erfüllung der Aufgaben erleben. Viele Schüler antworten auf die Frage, was beim Lernen derzeit besonders gut gelingt, dass sie immer besser organisiert seien. Auch EDV Kenntnisse könnten sie in der jetzigen Situation erweitern. Sie fühlen sich von ihren Lehrpersonen gut unterstützt und die meisten wissen, wie sie Lehrerinnen und Lehrer bei Fragen erreichen können.

Dem gegenüber gibt es eine Gruppe von etwa 6% der Befragten, die angeben, ein niedriges Wohlbefinden zu haben. Diese Schüler fühlen sich wenig sozial eingebunden und beschreiben sich selbst als wenig erfolgreich in der Bewältigung der schulischen Anforderungen im Homeschooling.

Kompetenzerleben und soziale Eingebundenheit

„Generell wird - wenn es zum Thema Schwierigkeiten und Herausforderungen beim Homeschooling kommt - überwiegend die selbstständige Auseinandersetzung mit den Aufgabenstellungen genannt“, sagt Christiane Spiel, Universitätsprofessorin für Bildungspsychologie und Evaluation, die gemeinsam mit Barbara Schober und Marko Lüftenegger die Studie leitet. Sich die Zeit einzuteilen und die Aufgabenpakete sinnvoll über die verfügbare Zeit zu verteilen, ist offensichtlich eine große Herausforderung. Ebenso wie das Fehlen mündlicher Instruktionen durch die Lehrerinnen und Lehrer und die Tatsache, dass Kinder und Jugendliche in der Zeit des Homeschoolings nur eingeschränkt Nachfragen stellen konnten.

„Die Ergebnisse zeigen unter anderem wie wichtig die Befriedigung psychologischer Grundbedürfnisse wie etwa das des sogenannte ,Kompetenzerlebens‘ – also Erfolg beim Lernen zu haben – oder das der ,sozialen Eingebundenheit‘ für anhaltendes Wohlbefinden auch in krisenhaften Zeiten ist“, betont Christiane Spiel.

Kinder und Jugendliche zu begleiten, sie in seelischen Belangen zu unterstützen und ihnen beizubringen, wie sie selbständig lernen können, sei enorm wichtig. „Aus bildungspsychologischer Sicht handelt es sich hierbei um wichtige Schlüsselkompetenzen, die auch für erfolgreiches lebenslanges Lernen zentral sind“, sagt Christiane Spiel. Für die Zukunft darf man diese Erkenntnis sicherlich nicht aus den Augen verlieren.

Homeschooling sind keine Ferien

Ferien waren die Wochen des Homeschoolings übrigens nicht. „In unserer Studie haben die Schüler angegeben, sich durchschnittlich 5 Stunden pro Tag mit schulbezogenen Aktivitäten zu befassen. Nur etwa 1% geben an, sich täglich nur bis zu einer Stunde mit schulbezogenen Aktivitäten zu befassen“, sagt dazu Christiane Spiel.

Ob damit etwas – und was genau – in den kommenden Wochen und Monaten an schulischen Inhalten genau nachgeholt werden sollte, hänge stark von der Klasse und vom Fach ab. „Und da auch davon, welche Inhalte bereits im Unterricht vor dem Home-Learning behandelt wurden“, so Christiane Spiel.

Man dürfe dabei nicht vergessen, dass viele Studien zeigen, dass schulische Inhalte über die Zeit – zumindest teilweise – vergessen werden, sofern sie nicht ständig gebraucht werden. „Wichtig erscheint es mir, auch einen Fokus auf die Selbstorganisation des Lernens zu legen“, so Christiane Spiel: „Denn diese ist für den Erwerb neuen Wissens, neuer Kompetenzen und auch für die Auffrischung von Vergessenem hoch relevant. Die Bedeutung zeigte sich ja wie bereits erwähnt jetzt beim Home-Learning. Und selbstorganisiertes Lernen wird auch für jede spätere Weiterbildung benötigt werden.“

„Schichtbetrieb"

Die Studie der Universität Wien und des Bildungsministeriums ist derzeit übrigens in einer dritten Phase. Untersucht wird dabei, wie Kinder und Jugendlichen mit der Rückkehr in die Schule und dem „Schichtbetrieb“ an den Schulen zurechtkommen. Denn auch der fällt wie so vieles in den vergangenen Monaten in die Kategorie „alles neu“.

Neben jenen Tagen, in denen die Kinder und Jugendlichen tatsächlich in die Schule gehen und dort mehr oder weniger normalen Unterricht haben, gibt es derzeit auch die sogenannten „Hausübungstage“, an denen weiter von zu Hause aus gelernt werden soll. Lernaufträge dafür gibt es entweder an den „Schultagen“ oder weiterhin über das Internet. „Auch wenn das Abstandhalten und andere Regeln sicher nicht ganz einfach sind, ist diese – teilweise – Rückkehr in die Schule, sicher positiv“, sagt Christiane Spiel: „Das Lernen wird wieder mehr strukturiert und gleichzeitig sind sie auch wieder mehr mit ihren Schulfreundinnen und - freunden beisammen. Schwierig ist es vermutlich für diejenigen, die nicht in die Schule gehen.“

Das nächste Schuljahr kommt bestimmt

  • Und wie sollte nun in diesem Sommer zu Hause gelernt werden?
  • Bzw. soll überhaupt gelernt werden?
  • Wie bereitet man die Kinder und Jugendlichen auf das kommende Schuljahr vor?
  • Und wie können Eltern ihre Kinder unterstützen?

„Ich kann mir vorstellen, dass viele Eltern ziemlich gestresst waren durch das Home-Learning ihrer Kinder und die Unterstützung, die sie dabei inhaltlich leisten mussten. Aber auch hinsichtlich der Strukturierung des Lernens“, sagt Christiane Spiel: „Es wäre sicherlich hilfreich, dass Lehrpersonen – falls Bedarf besteht – Empfehlungen geben, wo beim Lernen angesetzt werden sollte. Dann könnten Kinder und Eltern gemeinsam überlegen, wo man das Lernen in den Sommerplan am besten integriert.

In Abhängigkeit vom Alter des Kindes sollte dann die Organisation des Lernens primär vom Kind selbst übernommen werden. Die Eltern sollten bei Bedarf unterstützen.“

„Digital Native“ zu sein, heißt vielleicht, dass man mit elektronischen Geräten aufwächst, sie gewohnt ist, aber es heißt nicht, dass jeder automatisch weiß, wie man sich Unterrichtsmaterialien aus dem Internet herunterlädt und wie man die dann abgibt – also hochlädt oder per E-Mail verschickt.  Zeitgerecht und vollständig – versteht sich.
„Auch wenn das Abstandhalten und andere Regeln sicher nicht ganz einfach sind, ist diese – teilweise – Rückkehr in die Schule, sicher positiv", sagt Christiane Spiel: „Das Lernen wird wieder mehr strukturiert und gleichzeitig sind sie auch wieder mehr mit ihren Schulfreundinnen und - freunden beisammen.
Autor:

Andrea Harringer aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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