Dampf im Kessel

In den USA finden derzeit massive Proteste statt gegen den Bibel-Auftritt von US-Präsident Donald Trump und gegen den gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd (auf dem Protesttransparent).
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  • In den USA finden derzeit massive Proteste statt gegen den Bibel-Auftritt von US-Präsident Donald Trump und gegen den gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd (auf dem Protesttransparent).
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Die Entrüstung darüber, dass US-Präsident Donald Trump mit der Bibel in der Hand eine Kirche als politische Kulisse missbrauchte, ist groß. Dazu kommen massive Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt in den USA, aber auch weltweit, ausgelöst durch den gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd. Verstärkt kommt es nun auch zu Plünderungen und Gewalt. Der Jesuit und USA-Experte Godehard Brüntrup nimmt Stellung zur angespannten Situation in den USA.

Interview: Susanne Huber

Wie analysieren Sie den umstrittenen Bibel-Auftritt Donald Trumps vor der Kirche St. Johns in Washington?
Godehard Brüntrup: Hinter dieser Inszenierung stehen wahltaktische Überlegungen. Die Vereinigten Staaten sind im Präsidentschaftswahljahr, am 3. November soll gewählt werden. Und eine wichtige Klientel für den amtierenden Präsidenten sind die bibeltreuen, fundamentalistischen Christen, die so genannten Evangelikalen. An sie war dieser Bibel-Auftritt adressiert. Protestierende hatten ja den Keller der historischen St.-Johns-Kirche, die sich in der Nähe des Weißen Hauses befindet, bei Ausschreitungen in Brand gesteckt. Darin sah er wohl eine Chance, sich einerseits zu präsentieren als jemand, der mit der Bibel in der Hand die Religion gegenüber einem marodierenden Mob schützt; und andererseits als jemand, der für Recht und Ordnung eintritt. Sein Auftritt hatte keine religiösen Motive und ist natürlich ein Missbrauch der Bibel für rein politische Zwecke.

Denken Sie, dass er damit bei seinen kirchlichen Wählerinnen und Wählern Erfolg hat?
Brüntrup: Er ist sehr talentiert darin, seine Klientel anzusprechen. Das sind vor allem Leute, die in den ländlichen Gebieten der USA leben und kaum zu tun haben mit Afroamerikanern, die eher in den urbanen Zentren wohnen und nun verstärkt gegen Rassismus auf die Straße gehen. Von daher sind die Menschen auf dem Land jetzt sowieso schon beunruhigt über die massenhaften Demonstrationen, die reihenweisen Geschäftsplünderungen und in dem Zusammenhang auch über die Brandstiftung an Teilen der St.-Johns-Kirche. Wenn sich dann der Präsident dem entgegenstellt, hat das auf diese Klientel sicher eine Wirkung. Ich denke, das war nicht ungeschickt von ihm. Die Menschen, die sich dagegen auflehnen und darin einen Missbrauch von Religion sehen, würden ihn sowieso nicht wählen.

Im kirchlichen Bereich sind es aber nicht nur die Evangelikalen, die Trump ihre Stimme geben ...
Brüntrup: Man schätzt, dass ihn auch 40 bis 45 Prozent der Katholiken wählen würden. Ob das im November tatsächlich der Fall sein wird, ist offen, aber Trump steht natürlich für ein wertekonservatives Programm. Er hat wie kein Präsident vor ihm viele konservative Richter an den Obersten Gerichtshof berufen, die etwa gegen Abtreibung sind – das ist ein riesiges Thema in den USA. Dadurch hat er viele Christen für sich gewinnen können. Trump steht auch dafür, dass es wieder Schulgebete geben darf. In Amerika ist die Trennung von Staat und Kirche viel strenger als bei uns. Das nahm zum Teil Auswüchse in der Art an, dass man in der Schule nicht beten darf. Auf die Seite der Religionsgemeinschaften stellt er sich auch bei der Frage der Ablehnung der gleichgeschlechtlichen Ehe oder ob katholische Krankenhäuser gezwungen werden müssen, Abtreibungen durchzuführen, weil sie sonst die staatlichen Zuschüsse verlieren. Er hat ein Programm, das konservative Christen aller Konfessionen akzeptieren.

Trotz seines rüden Charakters wie seiner Ausländer- und Frauenfeindlichkeit und seiner Art, wie er mit der Wahrheit umgeht?
Brüntrup:
Trump ist natürlich alles andere als ein christlicher Charakter. Es mangelt ihm an Demut, er redet obszön über Frauen und er ist ein Lügner. Aber ich glaube, so lange er die wichtigsten politischen Ziele dieser Klientel verfolgt, nehmen sie seine Charakterschwächen in Kauf. Wenn die Alternative die Position der Demokraten ist, dass z. B. Abtreibung bis zum Ende des neunten Monats erlaubt ist, wählen sie lieber den Republikaner Trump. Für den demokratischen Kandidaten Joe Biden, der Katholik ist, wird das ein großes Problem darstellen, denn nur wer die Position der Demokraten teilt, darf kandidieren.

Was sagen Sie zu den Protesten gegen Rassismus in den USA und weltweit im Hinblick auf den Tod des Afroamerikaners George Floyd? Dieser Fall ist ja kein Einzelfall von Polizeigewalt gegen Menschen aufgrund der Hautfarbe ...
Brüntrup: Auf der einen Seite ist es gut, dass gegen diese schrecklichen Verbrechen protestiert wird. Auf der anderen Seite sind in den USA die zunächst friedlichen und gerechtfertigten Demonstrationen dann aber völlig aus dem Ruder gelaufen. Mittlerweile hat man dort Unruhen von größerem Ausmaß. Wenn wir uns vorstellen, in Wien oder München würden Nacht für Nacht marodierende Banden durch die Stadt ziehen, Geschäfte plündern und sie in Brand setzen, dann würden wir auch wollen, dass wieder Ordnung und Sicherheit herrscht. Man hätte es nicht so weit kommen lassen dürfen, Polizeipräsenz hätte viel schneller da sein müssen. Aber man wollte den Demonstrierenden entgegenkommen. Jetzt fragt man sich, wie man den Geist, den man rief, wieder in die Flasche bekommt. Die Polizei ist mittlerweile überfordert.

Warum sind die anfangs friedlichen Proteste in Gewalt und Plünderungen umgeschlagen?
Brüntrup: Ich glaube, dahinter steckt eine lange angestaute Aggression. Afroamerikaner und auch andere Gruppen sind in den USA seit Jahrhunderten unterdrückt, sie haben überhaupt erst seit den 1960er-Jahren Bürgerrechte und vergleichbare Wahl- und Schulrechte; aber sie sind heute immer noch ökonomisch schlechter gestellt und haben geringere Aufstiegs- und Bildungschancen. Da ist Dampf im Kessel, der sich über Jahrhunderte aufgestaut hat. Und der Anlass des Todes von George Floyd war Auslöser, diesen Dampf abzulassen.

Welche friedlichen Lösungen braucht es gegen Rassismus und Polizeigewalt in den USA?
Brüntrup: Zunächst muss die Justiz bei den Tätern schnell und gerecht durchgreifen. Das tut sie auch. Die Anklage ist für unsere Verhältnisse sehr hoch – bei Mord zweiten Grades (Totschlag mit Vorsatz ohne Planung) drohen sowohl dem Polizisten, der de facto mit dem Knie die Halsschlagader von George Floyd abgedrückt hat, als auch den anderen drei beteiligten Polizeibeamten, die auf Beihilfe zum Mord zweiten Grades angeklagt wurden, 40 Jahre Haft. In Deutschland beträgt eine lebenslängliche Haftstrafe durchschnittlich 25 Jahre, in Österreich 22,5 Jahre. Hier jetzt einen klaren Kopf zu bewahren ist schwierig. Ich glaube, die Gerechtigkeit muss siegen und dazu gehört auch, dass diese vier Polizisten ein faires Verfahren bekommen.

Was kann die Kirche dazu beitragen, dass es zu friedlichen Lösungen kommt?
Brüntrup: Die Kirche, gerade auch die afroamerikanische Community, muss an die antirassistische Bürgerrechtsbewegung der Afroamerikaner und den gewaltfreien Kampf gegen Unterdrückung und soziale Ungerechtigkeit in den Vereinigten Staaten erinnern. In der Hochphase der Bewegung Ende der 1950- bis Ende der 1960er-Jahre sind auch katholische Bischöfe mit dem Menschenrechtler und Baptistenpastor Martin Luther King in der ersten Reihe marschiert. Zwar weist die katholische Kirche in den USA auch eine dunkle Geschichte auf, da sie ebenfalls Sklaven besaß, aber in den 1960er-Jahren stellte sie sich deutlich auf die Seite der Bürgerrechtsbewegung.

Wie kann sie jetzt an diese Tradition anknüpfen?
Brüntrup: Die Kirche muss nun diesen Spagat schaffen, indem sie sich zum einen klar und deutlich für die Bürgerrechte der Benachteiligten einsetzt; und zum anderen ist es ganz wichtig, dass sie am Erbe Martin Luther Kings festhält, nämlich der absoluten Gewaltlosigkeit und sie somit auch diese Plünderungen verurteilt. Mittlerweile sind dabei auch schon Leute ermordet worden. Die Wahrscheinlichkeit, dass in den USA ein Schwarzer von einem Polizisten getötet wird, ist zwei- bis dreimal höher als bei einem Weißen. Das sind Anzeichen von einem immer noch latent vorhandenen Rassis­mus. Dagegen muss sich die Kirche stellen; und genauso gegen die Gewalt, die jetzt so massiv aufbricht. Ich glaube da ist Martin Luther King ein Vorbild.

Denken Sie, dass Donald Trump wieder zum US-Präsidenten gewählt wird?

Brüntrup: Meiner Meinung nach war für Donald Trump der Sieg noch im Februar vor der Corona-Pandemie so gut wie sicher, da zu diesem Zeitpunkt die wirtschaftliche Situation im Land gut war. Aber jetzt nicht mehr. Zum einen hat er in der Krise zu spät reagiert, aber ein noch wesentlicherer Faktor ist die Wirtschaft. Nun sind so viele Menschen arbeitslos, den Leuten geht es großteils schlecht, weil es der Wirtschaft schlecht geht, sodass seine Wiederwahl offen ist, denke ich. Ob es der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden schafft, wird man sehen. Ich denke, es wird auf jeden Fall knapp werden.

(aus dem KirchenBlatt Nr. 25 vom 18. Juni 2020)

Autor:

KirchenBlatt Redaktion aus Vorarlberg | KirchenBlatt

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