Liturgie neu entdecken
Verschüttete Quellen, verwandelnde Kraft

Licht in der Dunkelheit: Die archaischen Symbole von Ostern sprechen für sich.
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  • Licht in der Dunkelheit: Die archaischen Symbole von Ostern sprechen für sich.
  • Foto: Haral Oppitz/KNA
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Nie sonst im Kirchenjahr entsteht eine solche liturgische Dichte wie an den Kar- und Ostertagen. Traditionen und liturgische Formen können tragen, aber auch befremden. Der Benediktiner P. Gottfried Meier plädiert dafür, den alten Formen neues Leben einzuhauchen. Ein Gespräch über die Beständigkeit des Wandels, lebenslanges Lernen und Ostern als Gipfelerfahrung.

Die Liturgie von Palmsonntag bis Ostern ist dicht und voll gehaltvoller Gesten – vom Tragen der Palmbuschen über die Kreuzverehrung bis hin zum Osterfeuer. Wie können sie uns helfen, die Botschaft von Ostern besser zu verstehen?
P. Gottfried Meier: Hier tut ein kleiner historischer Rückblick gut: Unsere liturgischen Formen und Traditionen sind erst mit der Zeit entstanden. Am Anfang des Christentums wurde nur am Sonntag Liturgie gefeiert. Jeder Sonntag war ein kleines Osterfest. Ab dem 4. Jahrhundert entstand ein größeres Interesse daran, Ostern so zu feiern, wie es damals in Jerusalem stattgefunden hat: mit dem Einzug, dem letzten Abendmahl, der Kreuzigung… Das wurde immer mehr in Formen gegossen, Traditionen und Bräuche entstanden und breiteten sich über Jerusalem und Rom aus. Das Grundprinzip der Liturgie ist, dass äußere Formen mit ihren Symbolen, Texten und dramatisch-szenischer Darstellung versuchen, den Menschen in dieses Geschehen hineinzunehmen, damit er es nachvollziehen kann. Heute gilt es, diese Traditionen nicht nur als Tradition beizubehalten, sondern sie innerlich neu zu entdecken, gerade an Ostern.

Die Liturgie von Palmsonntag bis Ostern ist dicht und voll gehaltvoller Gesten – vom Tragen der Palmbuschen über die Kreuzverehrung bis hin zum Osterfeuer. Wie können sie uns helfen, die Botschaft von Ostern besser zu verstehen?
P. Gottfried Meier:
Hier tut ein kleiner historischer Rückblick gut: Unsere liturgischen Formen und Traditionen sind erst mit der Zeit entstanden. Am Anfang des Christentums wurde nur am Sonntag Liturgie gefeiert. Jeder Sonntag war ein kleines Osterfest. Ab dem 4. Jahrhundert entstand ein größeres Interesse daran, Ostern so zu feiern, wie es damals in Jerusalem stattgefunden hat: mit dem Einzug, dem letzten Abendmahl, der Kreuzigung… Das wurde immer mehr in Formen gegossen, Traditionen und Bräuche entstanden und breiteten sich über Jerusalem und Rom aus. Das Grundprinzip der Liturgie ist, dass äußere Formen mit ihren Symbolen, Texten und dramatisch-szenischer Darstellung versuchen, den Menschen in dieses Geschehen hineinzunehmen, damit er es nachvollziehen kann. Heute gilt es, diese Traditionen nicht nur als Tradition beizubehalten, sondern sie innerlich neu zu entdecken, gerade an Ostern.

Wie geht das – die Liturgie innerlich neu entdecken?
Meier:
Das Wichtigste an der Liturgie ist: Man muss mitmachen! Denn sie ist darauf ausgerichtet, im Vollzug das Geheimnis des Glaubens zu vergegenwärtigen. Es geht nicht darum, etwas nachzuspielen oder zu imitieren, sondern sich in eine Situation hineinzuversetzen. Wenn du versuchst, es innerlich mitzuvollziehen, verändert es dich. Es muss nicht perfekt sein. Aber du musst dich darauf einlassen.

Was hilft dabei, sich mehr darauf einzulassen?
Meier:
Dafür sind zwei Pole nötig: das, was der/die Einzelne oder die Gemeinschaft erlebt und das, was durch die äußere Form vorgegeben ist. Im Idealfall gehen diese beiden Pole eine innere Verbindung ein und die Vorgabe durch die Liturgie öffnet einen inneren Raum, der eine tiefere Erfahrung ermöglicht. Es passiert natürlich auch, dass die beiden Pole auseinanderdriften – dass die Form da ist, aber man es innerlich nicht nachvollziehen kann.

Wie kommt es zu diesem Auseinanderdriften? Was kann helfen, eine neue Verbindung herzustellen?
Meier:
Wenn uns die Form nichts mehr sagt, können wir entweder das Alte radikal dekonstruieren und neu gestalten. Oder bei der traditionellen Liturgie bleiben und versuchen, sie von innen her aufzubrechen. Wir haben diesbezüglich in der Kirche ein sehr breites Spektrum an verschiedensten Formen – von total traditionsgebunden bis dahin, keinen Bezug mehr zur überlieferten Form zu haben. Viele sehen dabei etwas Richtiges, aus verschiedenen Perspektiven. Wenn wir nicht den Fehler machen, diese Vielfalt als Entweder-Oder zu sehen, sondern als Kaleidoskop aus Farben und Formen, wird etwas von der großartigen Weite unseres Glaubens sichtbar, die im besten Sinne katholisch ist.

Wozu tendieren Sie?
Meier:
Als Benediktiner ist mir der bewusste Vollzug der alten Formen wichtig. Aber nicht als liturgisches Museum, in dem die alten Formen um ihrer selbst willen erhalten bleiben. Sondern indem ich versuche, die Liturgie mit denen, die mitfeiern, und ihren Anliegen in Dialog zu bringen. Denn Liturgie war und ist immer im Wandel, es geht immer um Verheutigung, um Feiern im Hier und Heute.
Darin bin ich der „liturgischen Bewegung“, verbunden, die im deutschsprachigen Raum schon über hundert Jahre andauert. Ihr Anliegen ist es, in die Tiefe zu graben und die alten Quellen für uns wiederzuentdecken, die im Laufe der Kirchengeschichte von vielen Schichten überlagert wurden, so dass der Grundkern der Liturgie manchmal gar nicht mehr zu entdecken ist.

Wie kann dieses Wiederentdecken der Quellen konkret aussehen?
Meier:
Schauen Sie zum Beispiel auf das Element des Lichtes in der Osternacht! Wenn in der völligen Dunkelheit ein Licht angezündet wird, muss man nicht mehr viel erklären. Das Erleben von Licht und Dunkelheit ist etwas Archaisches. Wenn wir diese Symbole aus sich sprechen lassen, sind die Menschen gebannt, lassen sich in die Atmosphäre hineinziehen. Wir können ihnen das zutrauen, zumuten! Wir müssen nicht ständig etwas erklären, das macht alles kaputt. Vertrauen wir darauf, dass die Formen und Gesten, die Worte der Gebete und der Schrift aus sich selbst wirken.

Da sind wir wieder dabei, dass es vor allem darum geht, sich einzulassen und mitzumachen?
Meier:
Ja, besonders an Ostern wird das spürbar. Denn Pascha bedeutet: Vorübergang des Herrn. Das Feiern der österlichen Geheimnisse ist ein Durchgang, eine Verwandlung, ein Sich-verwandeln-lassen. Die Liturgie lädt uns jedes Jahr neu ein: Geh innerlich mit auf dem Weg Jesu und du wirst selbst verwandelt werden. Das Schöne dabei ist, dass man nicht alles auf einmal verstehen muss. Vielleicht verstehe ich ein bestimmtes Wort oder einen Gestus erst, wenn ich zwanzig Mal Ostern gefeiert habe. Wir wissen nicht alles auf einmal. Liturgie ist letztlich ein lebenslanger Lernprozess. Sie ist ein Angebot, das Geheimnis des Glaubens aus den alten Formen immer neu zu entdecken. Und wenn ich es dieses Jahr nicht begriffen habe, kann ich es nächstes Jahr wieder versuchen. Darin steckt auch eine große Verheißung. Und es relativiert mich: Ich bin nicht absolut und in meinem Beten nicht allein. Ich bin rückgebunden an unvordenkliche Zeiten und Rhythmen, eingebunden in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Welchen Rat haben Sie für Menschen, die sich mit der Liturgie schwertun und nach einem lebendigen Zugang suchen?
Meier:
Dass sich viele Menschen in unseren Gottesdiensten nicht mehr wiederfinden, ist sehr ernstzunehmen und ein Warnsignal. Helfen können zum einen „Tiefenbohrungen“, wie wir es z.B. in der gemeinsamen Feier der Kar- und Ostertage auf dem Georgenberg anbieten. Vielleicht ist es ein bisschen wie bei einem modernen Kunstwerk, das viele Menschen ratlos macht. Zugänge können sich auftun, wenn man Hinweise gibt und Fragen stellt: „Könnte es vielleicht das und das bedeuten – was denkst du dabei, was fühlst du dabei? Was verstehst du nicht, was ist dir fremd?“ Liturgie stellt Fragen an uns. Benennen, was uns fremd ist, den Widerständen nachgehen, ihnen Raum geben, z.B. durch Stille im Gottesdienst, kann neue Zugänge öffnen.
Zum anderen ist es wichtig, Liturgie bewusst zu dosieren und sich zu fragen, wieviel mir gut tut. In der Ostkirche ist das einfacher, im Gottesdienst herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. Liturgie ist kein Muss, sondern ein Angebot – lass dich darauf ein! Suche dir die Form und die Dosis aus, die hilfreich für dich ist.

Erleben Sie die Feier der Kar- und Ostertage als anstrengend?
Meier
: Natürlich schlaucht eine intensive Liturgie, aber sie hat auch etwas Belebendes an sich. In den Tagen nach Ostern brauche ich ein bisschen Ruhe, aber trotzdem sind die inneren Kraftreserven gefüllt. Das hat etwas von einer Bergtour: Sie ist sehr anstrengend, aber wenn ich am Gipfel stehe und in die Weite schaue, blühe ich auf. Ich bin erschöpft und doch voller Kraft. Das ist mein Gefühl, wenn ich
Ostern feiere. «

Zur Person: 
P. Gottfried Meier OSB, geb. 1962, trat 1982 in die Benediktinerabtei Gerleve im Münsterland/D ein. Er studierte in Salzburg und Rom Theologie und wurde 1990 zum Priester geweiht. In Gerleve war er erster Kantor und wirkte in der Jugendbildung. Von 2004 bis 2019 war er als Seelsorger in der ehemaligen Zisterzienserabtei Marienfeld/D u.a. mit Schwerpunkten in der Erwach­se­nen­ka­te­chese, Taufvor­bereitung, liturgischen Spiritualität und Gregorianik. Seit dem Frühjahr 2022 ist das Kloster St. Georgenberg sein neuer Wirkungsort.

Autor:

Lydia Kaltenhauser aus Tirol | TIROLER Sonntag

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