Plädoyer für die Zukunft | Frage 7
Muss ich heute Angst haben?

„Wir alle, denen der Glaube ein so wichtiger fester Boden im Meer der unübersichtlichen Beliebigkeiten unserer Tage ist, müssen vor allem eine Botschaft an unsere spätmoderne Gesellschaft vermitteln: Christsein ist ein sinnvolles und ehrlich vermittelbares Konzept für mehr Resilienz in schwierigen Zeiten!“
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Wir fürchten uns nicht!

No na, ist man versucht, spontan die Frage, ob man (heute) Angst haben müsse, zu beantworten.
Und das „heute“ ist nicht zufällig in Klammer gestellt, denn Angst haben zu können ist auch nach Millionen von Jahren Menschheitsgeschichte unverändert eine der besten Lebensversicherungen. Außerdem, um es mit Borwin Bandelow, Deutschlands renommiertestem Angstforscher, kurz und bündig zu formulieren: „Angst ist überall“ und „Angst ist das Superbenzin für den Erfolg“ (zwei Kapitelüberschriften aus Bandelow: Das Angstbuch. Rowohlt, 2004).
Nun, dass dies alles nicht ganz so einfach ist, scheint offensichtlich. Schon André Heller wusste: „Es gibt eine Angst, die macht klein, die macht einen krank und allein. Und es gibt eine Angst, die macht klug, mutiger, freier von Selbstbetrug.“
Und überhaupt: „The Age of Anxiety“ – das Zeitalter der Angst – ist sowohl der Titel eines berühmten epischen Gedichts von W. H. Auden (1947) als auch von Leonard Bernsteins zweiter Symphonie (1948/49) sowie eines Romans des Rockveteranen Pete Townshend (2019) von der Band The Who.
Selbst ein nur oberflächliches Verfolgen der aktuell medial dominierenden Ereignisse scheint zu bestätigen, dass wir in einem Zeitalter der Angst leben: Ob Klimawandel, Corona-Virus oder Migration, der Diskurs über diese Themen verläuft größtenteils entlang des Themas Angst. Interessengesteuerte Aussagen – nicht nur zu diesen drei Herausforderungen – werden oft auch durch das Schüren von irrationalen Ängsten befeuert. Und es sind ja in der Tat Entwicklungen, vor denen man sich auch rational fürchten kann.

… und der Glaube?
Lassen wir den Aspekt angsterzeugender Religionsvermittlung beiseite, darüber muss nicht weiter gesprochen werden. Gehen wir viel mehr davon aus, dass sich unser christlicher Glaube zumindest im 21. Jahrhundert nicht mehr aus Herrschafts-, sondern vielmehr aus Befreiungsansprüchen speist. Es ist doch offensichtlich so, dass unsere Gesellschaft zunehmend allgemein anerkannte, gemeinsame Werte, Normen und Überzeugungen verliert. Dieser Verlust des Gemeinsamen führt nicht nur in der Politik zu einer beängstigenden Zunahme von Fundamentalismen jeglicher Provenienz. Der – letztlich fundamentale – Anspruch auf alleiniges Rechthaben ist die logische Konsequenz aus einer Weltsicht, in der es nichts verbindlich Anerkanntes mehr gibt. Wo nur mehr Meinungen aufeinanderprallen, aber keine Widersprüche mehr mitgedacht werden, folgt im „besten“ Fall gerade noch eine Haltung der „kultivierten Verachtung“, um hier eine neue Lieblingsformulierung des selbst ernannten kritischen Feuilletons zu verwenden.
Der Atheist Martin Walser hat vor Jahren schon zu Recht darauf hingewiesen, dass es nicht reiche, von einer Welt ohne Gott zu sprechen, ohne dabei mitzudenken, was uns damit fehle.
Mein siebentes Plädoyer: Wir alle, denen der Glaube ein so wichtiger fester Boden im Meer der unübersichtlichen Beliebigkeiten unserer Tage ist, müssen vor allem eine Botschaft an unsere spätmoderne Gesellschaft vermitteln: Christsein ist ein sinnvolles und ehrlich vermittelbares Konzept für mehr
Resilienz in schwierigen Zeiten!

Hans Putzer
In acht Plädoyers deutet Hans Putzer zeitdiagnostisch diese Fragen ein weiteres Mal. Er war zwischen 2009 und 2012 Präsident der Katholischen Aktion Steiermark und von 2010 bis 2018 Direktor im Bildungshaus Mariatrost. Seit 2018 arbeitet er im Bürgermeisteramt der Stadt Graz und ist unter anderem für die Bereiche Menschenrechte, Religionsgemeinschaften und Bürgerbeteiligung zuständig.

Acht Fragen
Jubiläen zu begehen hat nur Sinn, wenn zugleich „nach vorne“ gedacht wird. So hat auch unsere Diözese anlässlich des 800-Jahr-Jubiläums 2018 in einem breiten Diskurs acht Fragen unter das Motto „Glauben wir an unsere Zukunft?“ gestellt.
>Wollen wir noch selber denken?
>Ist Armut unfair?
>Was würdest Du morgen zurücklassen?
>Rettet Schönheit die Welt?
>Wo brauchen wir Grenzen?
>Wer hat die richtige Religion?
>Muss ich heute Angst haben?
>Wie viel Macht hat eine schwache Kirche?

Die Serie wird begleitet durch die Online-Kolumne „Mitten im Leben“, in der Menschen aus ihrem Alltag im Zusammenspiel mit der jeweiligen Frage berichten. – www.katholische-kirche-steiermark.at/mittenimleben

„Wir alle, denen der Glaube ein so wichtiger fester Boden im Meer der unübersichtlichen Beliebigkeiten unserer Tage ist, müssen vor allem eine Botschaft an unsere spätmoderne Gesellschaft vermitteln: Christsein ist ein sinnvolles und ehrlich vermittelbares Konzept für mehr Resilienz in schwierigen Zeiten!“
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SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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