SONNTAGSBLATT_Diözesanwallfahrt nach Israel (Februar 2020) - Teil01
Einfache Fragen über Israel

Wolfgang Sotill und ein Blick auf Jerusalem.
  • Wolfgang Sotill und ein Blick auf Jerusalem.
  • Foto: Fotomontage: wmc und privat
  • hochgeladen von SONNTAGSBLATT Redaktion

Zur Einstimmung auf unsere SONNTAGSBLATT_Diözesanwallfahrt nach Israel (Februar 2020) starten wir mit dem Theologen und Israel-Experten Wolfgang Sotill eine Serie über sein jüngstes Buch. Lesen Sie diesmal im Interview, wie es zu diesem Buch gekommen ist.

Kürzlich ist Ihr Buch „ISRAEL. 40 einfache Fragen – 40 überraschende Antworten“ erschienen. Was hat Sie zu diesem Buch bewogen?
Ich habe katholische Theologie in Graz und Jerusalem studiert. Meine Diplomarbeit habe ich über Juden im heutigen Israel geschrieben, die zur katholischen Kirche konvertieren. Dann habe ich als Journalist sehr viele Menschen interviewt, die in Israel leben und wirken oder eng mit der Region verbunden sind. Dazu gehören etwa der Schriftsteller Amos Oz, dann israelische Siedler in Palästina, ich habe mit Überlebenden des Holocaust gesprochen, aber auch mit dem palästinensischen Außenminister und anderen Politikern und Kirchenführern.

Es fällt auf, dass Sie bei Ihren Antworten oft den Blickwinkel des katholischen Theologen verlassen und die Dinge aus jüdischer Sicht erklären. Warum dieser Perspektivenwechsel?

Ich möchte schon betonen, dass ich als katholischer Theologe schreibe. Aber es gibt so viele Publikationen, die den katholischen Standpunkt erklären. Gerade wenn es um die Person des Jesus von Nazaret geht, halte
ich es für interessant, einmal die jüdische
Perspektive aufzuzeigen.

Das Verhältnis des Judentums zu Jesus Christus nimmt einen größeren Teil des Buches ein. Wie lässt es sich – in aller Kürze – schildern?
Auf die Frage: „War Jesus ein Jude?“ antworte ich mit einer kurzen Erzählung. Ich war mit einigen jüdischen Freunden in Jerusalem beisammen, und wir sprachen darüber, wer der berühmteste Jude ist. Am Ende einigten sich meine Freunde auf Einstein. Ich fragte dann: „Und was ist mit Jesus von Nazaret?“ Die Freunde sagten: „Jesus ist doch Christ.“ Aber Jesus war nie in einer Kirche und hat niemals das Kreuzzeichen gemacht. Noch am Kreuz rezitiert er den 22. Psalm in jüdischer Tradition. Der Psalm ist eine wunderbare Lobpreisung aus der Tiefe eines verzweifelten Menschen. Das hat nichts mit Gottverlassenheit zu tun. Selbst in der schwersten Stunde denkt er noch an den Lobpreis Gottes. Also: Jesus war kein Christ – er war Christus.

Wie beurteilen Sie die Palästina-Frage?

Das ist ein so schwieriges Thema, dass ich nur einen einzigen Aspekt herausgreife. Vergleichen Sie, wie die Westbank 1967 ausgesehen hat und was sie heute ist. Damals gab es keine Universität, heute sind es sechs. Die medizinische Infrastruktur ist fantastisch. Zugegeben, vieles fehlt. Aber am besten reden Sie mit einem Araber in Jerusalem. Das sind keine vollberechtigten Israelis, haben aber alle Annehmlichkeiten des israelischen Sozialsystems. Ich glaube kaum, dass Sie einen finden, der gerne in einem künftigen Staat Palästina leben möchte. Aber ich gebe zu, dass Anhänger der radikalen Palästinenserorganisation Hamas anders denken.

In Ihrem Buch fragen Sie auch: Sind Juden intelligenter als andere?
Wenn wir die Statistiken anschauen, könnte man das annehmen. Weltweit machen die Juden 0,2 Promille der Bevölkerung aus, aber ein Drittel aller Nobelpreisträger ist jüdisch. Dennoch lautet die Antwort: Nein, Juden sind nicht intelligenter. Sie lehren und lernen aber anders als wir. Juden – auch Jüdinnen – haben schon vor 2000 Jahren von Kind auf lesen und schreiben gelernt. In Österreich wurde die allgemeine Schulpflicht erst im 18. Jahrhundert eingeführt. Aber auch in der Auseinandersetzung mit dem Glauben gibt es wesentliche Unterschiede. Bis zum Zweiten Vatikanum haben wir Christen vorgefertigte Floskeln gelernt. Im Gegensatz dazu gibt es im Judentum keine fixen dogmatischen Glaubenswahrheiten, sondern auf jede Frage sieben mal sieben Antworten. So lernt man selbstständiges Denken und Argumentieren.

Interview: Gerald Heschl

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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