SONNTAGSBLATT_Diözesanwallfahrt nach Israel (Februar 2020)- Teil 02
Vom Anfang bis zum Ende: Jerusalem

Die religiösen Wurzeln machen Jerusalem so vielfältig, aber auch so widersprüchlich.
  • Die religiösen Wurzeln machen Jerusalem so vielfältig, aber auch so widersprüchlich.
  • Foto: Foto: Bäckenberger
  • hochgeladen von Florian Heckel

Jerusalem ist eine faszinierende, wenn auch widersprüchliche Stadt.

Jerusalem ist eine Stadt mit etwa 900.000 Einwohnern. Was wir als europäische Pilger suchen, ist aber nicht so sehr die jüdische Neustadt und auch nicht ihr arabisches Gegenstück, sondern was uns an Jerusalem begeistert, ist die Altstadt. Sie ist nicht mehr als einen Quadratkilometer groß. Dort befinden sich die heiligen Stätten der drei monotheistischen Religionen: die Westmauer (auch: Klagemauer) als Relikt des im Jahre 70 nach Christus von den Römern zerstörten jüdischen Tempels, die Via Dolorosa mit der Grabeskirche an ihrem Ende sowie der frühislamische Felsendom und die Al-Aqsa-Moschee. Mit diesen Heiligtümern auf engstem Raum ist so mancher religiöse, aber auch politische Konflikt zu erklären. Zugleich ist die Stadt die spirituelle Hauptstadt von mehr als der halben Menschheit und damit weltweit eine einzigartige Adresse. Eine, in der jedes Gespräch mit Gott „ein Ortsgespräch“ ist, wie Israelis gerne witzeln.
Die verschiedenen Religionen und die reiche Geschichte machen diese Stadt so vielfältig, aber auch so widersprüchlich. So wird verständlich: Es gibt nicht nur eine Sicht auf Jerusalem, sondern deren viele. Jede Glaubensrichtung – allein wir Christen sind mit etwa 50 unterschiedlichen Konfessionen dort vertreten – sieht ihr ganz eigenes Jerusalem. In zwei Punkten sind sich das Judentum, das Christentum und der Islam einig, wenn sie von Jeruschalajim, von Jerusalem oder Al Quds sprechen, wie die Stadt im Arabischen genannt wird: beim Mythos der Erschaffung des Adam und bei der Vorstellung des Jüngsten Tages.
Alle drei Religionen kennen die Erzählung, dass Gott vom Berg Moria den Lehm genommen habe, um den ersten Menschen zu formen. Von jenem Berg Moria, an dem später Abraham bereit war, seinen Sohn Isaak zu opfern, wo der erste und der zweite jüdische Tempel gestanden haben und wo heute die goldene Kuppel des Felsendoms der Stadt ihr Gepräge gibt. Diese reichen religiösen Traditionen haben dazu geführt, dass Jerusalem bis ins Mittelalter von Christen als der „Nabel der Welt“ gesehen wurde. Gezeigt wird dieser im Katholikon, dem griechisch-orthodoxen Teil der Grabeskirche, gegenüber vom Heiligen Grab.
Jerusalem stand also am Anfang der Menschheitsgeschichte, und es steht auch an deren Ende. Denn der Messias, auf den die Juden und die Christen hoffen, wird am Jüngsten Tag mit der aufgehenden Sonne im Osten der Stadt am Ölberg erscheinen. Nachzulesen ist dies bei den Propheten Ezechiel (37,12) und Sacharja (14,3). An diesem Tag wird sich sogar die Kaaba von Mekka nach Jerusalem bewegen, und auch die Gebeine des Propheten Mohammed werden auf mythische Weise erscheinen, obwohl im Islam Jerusalem nach Mekka und Medina nur die drittheiligste Stadt ist.
Jerusalem ist einzigartig, aber sicher keine leicht zu bereisende Adresse. Ein Teil seiner Faszination mag auch dem Umstand geschuldet sein, dass es die einzige Stadt der Welt ist, die es auf der Erde und – den heiligen Schriften folgend – auch im Himmel gibt.

Was macht Jerusalem so heilig, so schwierig, so einzigartig?
Jerusalem ist mehr als nur eine Adresse – es ist eine Chiffre. Eine Chiffre für das Göttliche in der Welt, für Reinheit, Schönheit und für den „wahren Glauben“. Aber auch für Aberglauben, für Bigotterie, für zerstörerischen Fundamentalismus. Jerusalem ist eine beliebte Adresse für alle Sehnsüchte, die Menschen bewegen, und für die Beschwernisse des Lebens, die sie hier hoffen abladen zu können.
Pilger aller drei monotheistischen Religionen kommen, um an ihren jeweiligen heiligen Stätten zu beten. Nicht selten haben sie auch noch die Bitten und Gebetswünsche jener im Gepäck, die zu Hause geblieben sind: „Zünde für mich am Heiligen Grab eine Kerze an!“, „Steck einen Zettel in die Ritzen der Westmauer!“ Flehentliche Bitten, die davon ausgehen, dass ein Gebet in Jerusalem von Gott eher erhört werde als anderswo.
Säkulare Israelis witzeln: „Jedes Gebet in Jerusalem ist ein Ortsgespräch mit Gott.“ Als Beobachter kann man sich freilich nie ganz sicher sein, ob der Enthusiasmus der irdischen Stadt oder nicht doch dem himmlischen Jerusalem gilt. Diese Frage stellt sich bei Christen und auch bei Juden.

Von Wolfgang Sotil

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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