800 Jahre Diözese Graz-Seckau | Teil 15
Seelsorgestruktur im Wandel

Die Mutterpfarren. Dieses weitmaschige Pfarrnetz zeigte sich im Gebiet der heutigen Steiermark zum Zeitpunkt der Diözesangründung 1218..
  • Die Mutterpfarren. Dieses weitmaschige Pfarrnetz zeigte sich im Gebiet der heutigen Steiermark zum Zeitpunkt der Diözesangründung 1218..
  • Foto: Illustration: Alois Ruhri;
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In der Antike war in jeder größeren Stadt ein Bischof zusammen mit Klerikern für einen gewissen Seelsorgesprengel zuständig. Diese Form der Kirchenorganisation hatte die Völkerwanderung zerstört. Im Frühmittelalter spielte dann das Eigenkirchenwesen eine wichtige Rolle. Ein besonders tüchtiger Priester konnte zum Erzpriester bzw. Archipresbyter aufsteigen. Als solcher war er für eine größere Region und deren Priester zuständig und hatte für die Klerikerausbildung in seinem Sprengel zu sorgen. Zudem fungierte er als Zwischeninstanz zwischen Bischof und Eigenkirchenpriester. Im Zuge des Investiturstreites im 11. Jahrhundert wurde das Eigenkirchenwesen vom Patronat abgelöst. Der Bischof nahm nun die Einsetzung des Pfarrers vor.

Als die Diözese Seckau im Jahre 1218 errichtet wurde, existierte schon ein Netz von Kirchen und auch Pfarren in der Steiermark, das noch recht weitmaschig war. Im hohen und späten Mittelalter verdichtete sich allmählich das Pfarrnetz, die Sprengel wurden kleiner. Das setzte voraus, dass jede neue Pfarre über eine ausreichende materielle Grundlage verfügen konnte, die aus Besitz, Pfründen, Stolgebühren und anderem mehr bestand. Die Mehrzahl der Mutterpfarren war erzbischöflich. Es existierten aber auch bedeutende landesfürstliche Pfarren, etwa Pürgg, Riegersburg, Hartberg, Straden, Graz, Pöls, Bruck an der Mur und St. Lorenzen im Mürztale. Im frühen 16. Jahrhundert gab es in der heutigen Steiermark rund 200 Pfarren und Vikariate.

Im Mittelalter entstanden auf beiden Mur-ufern der späteren Landeshauptstadt zwei Großpfarren: auf der linken Uferseite die Stadtpfarre von Graz, die ursprünglich bei der Ägidiuskirche und seit 1585 bei der Kirche zum Heiligen Blut beheimatet war; auf der rechten Seite die Pfarre Straßgang. Die Murvorstadt fand ihr kirchliches Zentrum in einem seit 1340 belegten Gotteshaus mit dem Andreaspatrozinium, heute die Pfarre St. Andrä.

Eine pfarrliche Sonderform bildete das Vikariat. Es handelte sich um eine selbstständige Seelsorgeeinheit innerhalb einer Pfarre. Die Vorsteher solcher Pfarren wurden als „Hauptpfarrer“ bezeichnet, nämlich die Pfarrer von Graz-Hl. Blut, Straßgang, Bruck an der Mur, Hartberg, Haus, St. Lorenzen im Mürztale, Pöls, Pischelsdorf, Riegersburg, Straden und Waltersdorf. Jene besaßen bis in das 20. Jahrhundert das Patronats- und Zehentrecht.

Eine Zwischeninstanz zwischen niederem Klerus und der geistlichen sowie weltlichen Obrigkeit stellte der Archidiakon dar. Er fungierte als Vertreter des Erzbischofs, war für die Klerusaufsicht, die Ehegerichtsbarkeit und das Sendgericht (Gericht über öffentliche Sünder) zuständig und stand den Klerusversammlungen vor. Auch Vorsteher großer Stifte konnten Aufgaben eines Archidiakons wahrnehmen. Bedeutend waren das Archidiakonat des Salzburger Dompropstes (zuständig für das Ennstal), das Archidiakonat Obere Mark (umfasste große Teile der Obersteiermark) und das Archidiakonat Untere Mark (Oststeiermark und ein Teil der Südsteiermark).

Die Archidiakonate büßten seit dem 17. Jahrhundert an Bedeutung ein, nachdem die Seckauer Bischöfe zu salzburgischen Generalvikaren in der Steiermark bestellt und im Jahre 1632 Dekanate eingeführt wurden. Als Ersatz für die unter Joseph II. aufgelösten Archidiakonate traten die Kreisdekanate mit jeweils einem Kreisdechanten an der Spitze. 1894 gab es in der Diözese 44 Dekanate, die auf zehn Kreisdekanate aufgeteilt waren. Die Einteilung der Dekanate und Kreisdekanate wurde mehrmals verändert. Die letzte Neuordnung wurde 1973 mit damals 25 Dekanaten (ohne Kreisdekanate) vorgenommen.

Vom beginnenden 17. Jahrhundert bis in die Zeit der josephinischen Pfarrregulierung kam es aufgrund des wieder aufblühenden Stiftungswesens zu einer großen Anzahl an Kirchenneubauten und -umbauten sowie 56 Pfarr- und Pfarrvikariatserrichtungen. Von der Mitte des 19. Jahrhunderts an bis in die jüngere Vergangenheit wurden in der Diözese 63 Pfarren, vor allem auch in städtischen Zentren und in Industrieorten, neu gegründet, als letzte 1991 Graz-St. Elisabeth.

Angesichts demographischer Umwälzungen und insbesondere des Priestermangels sind aktuell 340 Pfarren (88 Prozent) in insgesamt 121 Pfarrverbänden zusammengefasst. An die Stelle der Dekanate treten mit Herbst 2018 acht Regionen (einschließlich der Stadtkirche Graz). In naher Zukunft soll die Seelsorge für die Pfarren und andere kirchlich relevante Orte in Seelsorgeräumen eine neue Organisationsstruktur erhalten.

Michaela Sohn-Kronthaler

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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