Plädoyer für die Zukunft | Frage 3 | Interview
Was würdest du morgen zurücklassen?

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Prägnanz statt Beliebigkeit

Durch das Corona-Virus machen wir gerade eine kollektive Krisenerfahrung durch. Krisen sind immer Signale, dass Veränderungen nötig sind. Was müssen wir mit dieser Krise hinter uns lassen?
Ich nehme sogar mehr mit als ich zurücklasse. Zurück lasse ich die persönliche Unendlichkeit des Daseins, also die Haltung, dass ich die Endlichkeit nicht an mich heranlasse und um sie einen großen Bogen mache mit der Gefahr, dass in diesem großen Bogen viele Dinge auf die lange Bank geschoben werden, dass ich nicht zeitgemäß reagieren muss aus einem Lebensgefühl heraus, dass keine Endlichkeit gibt. Diese Krise gibt mir genauso wie auch die Klimakrise einen Ruck, der mir auf eine gute Art und Weise meine Endlichkeit in Erinnerung ruft. Ich bin verletzbar und stelle mich dieser Verletzbarkeit. Das hilft der Prägnanzbildung und fördert meine Wachheit. Ich kann mich nicht mehr in diese träumerische Unendlichkeit hineinbegeben. Die Krise war in Österreich nicht so, dass wir das Gefühl haben, in ständiger Angst zu leben. Die Prägnanz nehme ich mit und die Beliebigkeit lasse ich zurück. Es ist eine Konfrontationshaltung entstanden, die mir gut tut. Dinge werden konkreter. Diese Krise hat uns die Augen geöffnet, dass es eine Begrenzung gibt. Dieses Gefühl des Einlullens, es sei eh alles gut, ist jetzt weg. Die Klarheit tut nicht weh.

Sie haben in der Drogentherapiestation „Walkabout“ Menschen begleitet, für die es eine Frage auf Leben und Tod ist, ob sie loslassen können. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?
Eine Erfahrung war, zu verstehen, warum Menschen zu Tode kommen. Es ist das Sich-Freigeben für die Möglichkeit, entweder zu leben oder zu sterben. Jemand nimmt eine bestimmte Dosis an Drogen in dem Bewusstsein, es kann gut ausgehen, aber auch schlecht. Die Nähe zum Tod ist bei vielen präsent.
Es war immer auch ein unbändiger Wunsch da, etwas zurückzulassen, nämlich die Droge. Dafür braucht es eine klare Entscheidung. Was aber nicht zurückgelassen werden kann, ist der rote Faden im Leben, weil auch die Zukunft, die Entwicklung eines Menschen damit zu tun hat. Ich kann mich nicht selber zurücklassen. Es braucht sehr viel, um sich neu zu organiseren. Ich brauche auch soziale Bindungen, Freundschaften. Wenn ich mein ganzes früheres Leben zurücklasse, habe ich nichts mehr, was mir Halt gibt, dann bin ich ganz auf mich allein gestellt. Oft ist es so, dass das Neue noch nicht da ist. Diese Zwischenwelt muss ich aushalten.

Welche Fähigkeiten und Ressourcen brauche ich dafür und was hilft mir dabei?
Da fällt mir Vergeben als erstes ein. Mir selbst und andern vergeben. Weiters, dass ich unterscheiden kann, was ich bekommen habe und was ich nicht bekommen habe – auch von Menschen. Und das, was ich bekommen habe, als eine Geschichte zu betrachten, die in der Vergangenheit gespielt hat. Daraus lässt sich nicht zwingend etwas für die Zukunft ableiten. Kann ich das sehen und annehmen, was gut war, ohne in eine Sehnsucht zu verfallen, das Vergangene ständig wiederholen zu wollen? Kann ich darauf vertrauen, dass es frei macht, mich von dem zu verabschieden, was nicht gepasst hat? Ich darf nicht ständig meiner Trauer über das, was ich nicht bekommen habe, Nahrung geben. Diese verpassten Möglichkeiten muss ich zurücklassen. Aber die Traurigkeit ist ein gutes Gefühl. Sie darf sein und gibt dem, was ich zurücklasse, einen Wert. Sie soll jedoch nicht auf Dauer mein Leben bestimmen. Wenn sie einen Platz bekommt, geht sie von selbst wieder weg. Die Traurigkeit ist ein guter Begleiter. Zurücklassen ist nicht immer etwas Befreiendes und Schönes. Wenn ich zu diesen Episoden der Vergangenheit stehe und ihnen einen Wert gebe, kann ich mich leichter davon verabschieden.

Warum fällt es uns so schwer, etwas zurückzulassen?
Weil man den Eindruck hat, dass man etwas verliert. Leichter fällt es mir, wenn im Fluss des Lebens andere Wichtigkeiten entstanden sind. Wenn ich im Jetzt defizitär lebe, kann es sein, dass das Zurückgelassene immer wieder dazwischenfunkt. Wenn ich aber neue Reichtumserfahrungen mache, dann kann das Frühere in die Erinnerung gehen, ich bleibe nicht darin verhaftet. Also bewusst auf das Neue zugehen, ohne das Frühere zu verdrängen, aber sich auch nicht davon stören lassen. Das geht gut in Phasen, wo man reich oder halbwegs gut lebt. Wenn Trauer da ist, dann bin ich eben traurig, aber es kommt auch wieder etwas anderes. Das hilft auch beim Loslassen.

Was sollen wir als Kirche hinter uns lassen?
Als einfacher Gläubiger wünsche ich mir für die Kirche, dass sie das Zuviel an Überbau zurücklässt. Ich wünsche mir mehr Unmittelbarkeit. Ich interessiere mich schon für die Vorgänge und Strömungen in der Kirche, aber das hilft mir nicht in meinem Glauben. Was mir hilft ist, wenn ich etwa in einem Gottesdienst die Unmittelbarkeit in der Begegnung mit Gott erlebe, wenn alle Sinne und mein Dasein so angesprochen werden, dass ich eine Verbindung zu Gott, zu Jesus spüren kann.

Dr. Werner Friedl ist Psychiater und Gestalttherapeut. Er wurde 2003 mit dem Aufbau des „Walkabout“, einer Therapiestation für Drogenkranke bei den Barmherzigen Brüdern in Kainbach bei Graz, betraut und hatte zwölf Jahre lang die ärztliche Leitung dieser Einrichtung inne.

Acht Fragen
Jubiläen zu begehen hat nur Sinn, wenn zugleich „nach vorne“ gedacht wird. So hat auch unsere Diözese anlässlich des 800-Jahr-Jubiläums 2018 in einem breiten Diskurs acht Fragen unter das Motto „Glauben wir an unsere Zukunft?“ gestellt.
>Wollen wir noch selber denken?
>Ist Armut unfair?
>Was würdest Du morgen zurücklassen?
>Rettet Schönheit die Welt?
>Wo brauchen wir Grenzen?
>Wer hat die richtige Religion?
>Muss ich heute Angst haben?
>Wie viel Macht hat eine schwache Kirche?

Die Serie wird begleitet durch die Online-Kolumne „Mitten im Leben“, in der Menschen aus ihrem Alltag im Zusammenspiel mit der jeweiligen Frage berichten. – www.katholische-kirche-steiermark.at/mittenimleben

Dr. Werner Friedl ist Psychiater und Gestalttherapeut. Er wurde 2003 mit dem Aufbau des „Walk­about“, einer Therapiestation für Drogenkranke bei den Barmherzigen Brüdern in Kainbach bei Graz, betraut und hatte zwölf Jahre lang die ärztliche Leitung dieser Einrichtung inne.
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SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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