Kirche und Sexualität | Teil 06
Naturrecht und Ehezwecklehre

Die Wurzeln der Auffassung, dass der naturgemäße Zweck der Sexualität in der Zeugung von Kindern besteht, liegen in der stoischen Philosophie, die über die Kirchenväter Eingang gefunden hat in die christliche Theologie. Vor allem nach Augustinus wurde die sexuelle Lust als Folge des Sündenfalls und schließlich selbst als Sünde angesehen.
Obwohl sich die Kirche zu jeder Zeit von einer ausschließlich negativen Bewertung der Sexualität distanziert hat, wie sie etwa in manichäisch-gnostischen Strömungen vorkam, hat sie sich nicht mehr dazu durchringen können zu bejahen, Sexualität auch lustvoll genießen zu dürfen. Im Gefolge des Augustinus wurden das Wohl der Ehepartner und ihre Freude aneinander nur einseitig als Heilmittel und Abhilfe gegen das sexuelle Begehren angesehen.

Ehe als Heilsweg
Dennoch hat die Kirche die Ehe immer auch als Heilsweg verstanden und verteidigt. Die Gültigkeit einer Ehe war in der gesamten christlichen Tradition abhängig von der freien Zustimmung beider Partner, also von Mann und Frau. Allerdings hat sich hierin die Anerkennung der Frau als gleichberechtigte Partnerin auch schon erschöpft.
Es konnte nicht ohne Einfluss auf die Sexualmoral bleiben, dass die Frau als auf den Mann hin- und ihm untergeordnet angesehen wurde, was mit dem Verweis auf „Adams Rippe“ theologisch untermauert wurde. Die Frau galt als zweitrangig, dem Mann unterlegen und auch moralisch labiler, schließlich sei sie im Paradies verführbar gewesen und habe ihrerseits Adam verführt.
Bekräftigt wurde dies durch den Einfluss des Geschlechterdualismus der Antike, wonach der Mann dem Geist und Verstand zugeordnet sei, die Frau hingegen der Materie, dem Körper und der Sexualität. Frauen existierten so zumeist in Bezug auf das Körperliche und damit auch auf das männliche Begehren, verlockend und gefährlich zugleich.

Frauen waren Reakteure, kaum Akteure
Männer, besonders Kleriker, waren allzu oft bestrebt, sich vor der verführerischen Frau zu schützen durch Machtausübung und Kontrolle, nicht zuletzt durch sittliche Vorschriften bis hinein in den Intimbereich. Frauen waren Reakteure, kaum Akteure.
Gewiss, es hat auch Ausnahmen gegeben: herausragende, starke Frauenpersönlichkeiten wie Hildegard von Bingen, Birgitta von Schweden, Katharina von Siena, Teresa von Avila; oder Äbtissinnen, die vom Ortsbischof unabhängig waren und weltliche Gewalt ausübten, oder die in Doppelklöstern von Nonnen und Mönchen auch über Letztere regierten. Diese Frauen haben „ihren Mann gestanden“ in einer patriarchalen und klerikalen Kirche. Doch sie können nicht verdecken, dass die christliche Tradition insgesamt geprägt ist von einer Erniedrigung und Diskriminierung der Frau, obwohl dies der biblischen Botschaft und dem Verhalten Jesu zuinnerst widerspricht.

 Ehefrau musste den Bedürfnissen des Mannes genügen
Die Eigenperspektive der Frau wurde nicht wahrgenommen. Im Hinblick auf die Sexualität wurde sie als passiv und rezeptiv angesehen, ohne Recht auf eigenes Empfinden oder eigene Bedürfnisse. Es gehörte zu den Standespflichten einer Ehefrau, den Bedürfnissen des Mannes zu genügen: Ihm stand das Gebrauchsrecht über den Körper der Frau zu.
Für Thomas von Aquin etwa stellte die Frau eine Form „verminderter Mann“ dar: Erst in Bezug zum Mann war sie ganz Mensch, während der Mann auch ohne Frau ganz Mensch war.

Petrus Abaelard
Zu den wenigen Theologen, die die Frau als dem Mann ebenbürtig anerkannt haben, gehört Petrus Abaelard. Er hatte sich einer leidenschaftlichen Beziehung mit seiner begabten Schülerin Héloise hingegeben. Als sie schwanger wurde und ein Kind zur Welt brachte, ehelichte er sie, doch ihr Onkel ließ Abaelard zur Strafe entmannen. Sie mussten sich trennen; er wurde Mönch, sie Nonne. Nach Jahren traten sie brieflich wieder in Kontakt. Die Briefe bezeugen, wie ihre erotische Anziehung, deren Wert und Schönheit sie bis zuletzt nicht in Frage stellten, zur seelischen Vereinigung gereift ist, und wie sehr Abaelards Denken befruchtet worden ist vom intellektuellen Austausch mit Héloise.
Wie viel positiver und unbekümmerter der Umgang mit der Sexualität hätte sein können, wenn das Empfinden und Erleben von Frauen ernst genommen worden wäre, zeigen auch Mystikerinnen wie Gertrud und Mechthild von Hackeborn, Gertrud von Helfta, Mechthild von Magdeburg u. a. Sie legten größten Wert auf Keuschheit und kritisierten den Klerus ihrer Zeit wegen dessen Doppelmoral. Aber Sexualität als solche sahen sie weder als sündhaft noch als anrüchig an. So scheuten sie sich nicht, in oft kühnen erotischen Bildern ihre Liebe zu Christus zu besingen und die geistige Vereinigung mit ihm, die in Ekstasen für sie auch leiblich erfahrbar war, auf eine Weise zu beschreiben, die sich an die Beschreibung sexuellen Erlebens annähert.
Die Inquisition nahm an dieser Sprache keinen Anstoß, jedoch sah sie das Bekenntnis des rechten Glaubens durch die Verdunkelung der Gottheit Christi in Gefahr, weil er zu sehr als Mensch und Partner auf Augenhöhe angesehen wäre.
Natürlich spielte wieder eine Rolle, dass für diese Frauen nicht mehr die kirchliche Autorität, sondern ihr eigenes inneres Erleben maßgeblich war, womit sie sich der kirchlichen Kontrolle entzogen hatten, was viele mit Zucht und einige mit dem Tod bezahlen mussten.

Die Kirche – ein Kind ihrer Zeit
Die Kirche war immer auch Kind ihrer Zeit, etwa was die empirischen Kenntnisse angeht. Beispielsweise sei die bis zur Entdeckung der Eizelle (1827) vorherrschende irrige Annahme angeführt, dass im Samen des Mannes ein fertiger kleiner Mensch vorhanden sei, der – gleichsam wie in einen zu pflügenden Acker – in den Schoß der Frau gelegt werden müsse, damit er dort wachsen könne.
Kind ihrer Zeit war die Kirche auch in Bezug auf philosophische Strömungen, nicht nur in der Antike. Rigoristische sexualethische Tendenzen in der Neuzeit etwa hatten vielfach philosophische Wurzeln und wurden erst nachträglich theologisch begründet.
Auch ist zu bedenken, dass in der Regel die Theorie strenger war als die Praxis, und dass die sittliche Praxis nicht nur kirchlich bestimmt war, sondern je nach Kultur und Mentalität unterschiedlich war. Deutsche Reiseberichte aus dem 17. und 18. Jahrhundert etwa beklagen sich bitter über die laxen Sitten im katholischen Italien.
Diese Streiflichter mögen genügen. Sie unterliegen sowieso der Gefahr der Verkürzung. Sie wollen aber ein Problembewusstsein schaffen und den Blick dafür schärfen, dass das Urteil, die Kirche sei immer und ausschließlich leib- und sexualfeindlich gewesen, so nicht stimmt, trotz aller angesprochenen Desiderate, die bis heute fortwirken. Wie ein roter Faden zieht sich aber durch: Leib- und Sexualfeindlichkeit gehen einher mit einer Minderbewertung der Frau. Beides ist Verrat am Evangelium!

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SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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