Christentum - Ein Reiseführer | Etappe 058
Ins 20. Jahrhundert

Die Weltkriege des 20. Jahrhunderts haben viele Kirchen und die Gemeinschaft der Kirche schwer beschädigt. Gleichzeitig „erwacht die Kirche in den Seelen“.
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Zwischen den Weltkriegen

In Deutschland gewährte die Weimarer Verfassung den großen Religionsgemeinschaften den bis heute gültigen Status einer „Körperschaft des öffentlichen Rechts“. Die Kirchen dürfen vom Staat einzuziehende Steuern erheben, der Religionsunterricht wird unter kirchlicher Aufsicht in der öffentlichen Schule erteilt und vom Staat besoldet, an den Universitäten werden staatliche theologische Fakultäten eingerichtet usw.

Der Religionsphilosoph Romano Guardini wurde zum geistlichen Wortführer der Zeit. Sein Wort „Die Kirche erwacht in den Seelen“ definiert ein neues Bewusstsein von Kirche. Wenn bis dahin ein von Strukturen, Ämtern und Institutionen bestimmtes Verständnis von Kirche vorherrschte, brach die Einsicht auf: Wir selber sind Kirche, sie ist etwas Lebendiges in uns, etwas, was uns alle umgreift und über die Jahrhunderte hindurch trägt und über alle Katastrophen der Zeit weitergeht. Die Gründung zahlreicher neuer Akademiker-, Studenten- und Arbeiterverbände begleitete diese fruchtbare Epoche, aus der heraus das II. Vatikanische Konzil entstehen konnte.

Die Rolle der Kirchen im Dritten Reich
... ist ein emotional hoch besetztes Thema, dem man auf knappem Raum nicht annähernd gerecht werden kann. Der evangelische Kirchengeschichtler Klaus Schilder hat einmal treffend zusammengefasst: „Wer nach Beweisen für Schuld und Versagen des christlichen Glaubens in dieser Zeit sucht, wird sie ebenso finden wie Beweise für Standhaftigkeit und Bewährung: Es gab blinde Gutgläubigkeit, fanatischen Nationalismus und hemmungslosen Opportunismus ebenso wie hellsichtige Warnungen, freimütiges Bekennen und entschlossenen Widerstand.“

Auch der Katholizismus bietet kein geschlossenes Bild und schwankt zwischen Widerstand und Anpassung: Nach kirchenfreundlichen Vorgaben in Hitlers Regierungserklärung wurden die Stimmen leiser, nicht zuletzt um den Konkordatsabschluss (Vertrag zwischen Staat und Kirche) nicht zu gefährden.

Mit Kriegsbeginn 1939 begann unter der Bezeichnung „Euthanasie“ die systematische Ermordung Kranker und Behinderter. Nach Predigten des Münsteraner Bischofs Clemens August von Galen im Sommer 1941 nahmen Proteste unter der Bevölkerung derart zu, dass die Aktionen vermindert und nur noch heimlich weitergeführt wurden. Zur Verfolgung und Vernichtung der Juden finden sich hingegen bei den christlichen Kirchen keine ähnlich deutlichen öffentlichen Stellungnahmen.

Papst Pius XII. und seine Mitarbeiter waren fest davon überzeugt, dass ein flammender Protest die Vernichtung beschleunigen und die Kirchen in die Verfolgung stürzen würde. Die wenigen verbliebenen diplomatischen Möglichkeiten wären dann ganz verloren gewesen. Bereits 1937 hatte er als Kardinalstaatssekretär seinem Vorgänger Pius XI. die Schlussfassung der Enzyklika „Mit brennender Sorge“ vorgelegt, an der auch der Münchener Erzbischof Kardinal Faulhaber mitgearbeitet hatte. Die in deutschen Kirchen verlesene kritische Sicht des Nationalsozialismus hatte sofort Verhaftungen von Geistlichen und Enteignungen zur Folge. Ein endgültiges Urteil wird wohl erst nach Öffnung der einschlägigen Vatikanischen Archive möglich sein, die für diesen Zeitraum etwa auf das Jahr 2014 anberaumt ist. Historische Tatsache ist darüber hinaus, dass der Papst im Verborgenen viele Juden und vom Regime Verfolgte gerettet hat.

Mit eindrucksvollen Gesten baten die Kirchen um Vergebung für alles Versagen auch in der Zeit des Nationalsozialismus.

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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