Im Augenblick | Teil 04
Ich wollte nicht gehen und Menschen töten

Papa, Papa, spielen“, ruft der kleine Omar und rüttelt an den Knien seines Vaters Ahmed. Mama Ayda lacht: „Immer will er mit Papa spielen.“ Alltägliche, nette Szene in einer jungen Familie, würde man meinen, und doch ist es keinesfalls so selbstverständlich, dass alle drei heute, hier und jetzt zusammen sein können, ja überhaupt noch am Leben sind. Als der Einberufungsbefehl damals in Syrien kam, wusste Ahmed, dass die Zeit gekommen war, zu gehen. „Ich wollte keine Menschen töten oder selbst sterben.“

Der 30-jährige Schuldirektor ging also voran über die damals noch offene Balkanroute. Ayda folgte mit dem kleinen Omar auf einem Boot von der Türkei aus nach Griechenland. Es war ein langer Weg voller Angst. Ayda erinnert sich an die Schwierigkeiten der Reise: „Zweimal ist der Motor ausgefallen, wir sind im Meer getrieben, mussten auf ein anderes Boot“, erzählt sie. Ahmed hat seinen Asylbescheid schon erhalten, seine Frau wartet zur Zeit noch darauf.

Die beiden hatten in ihrer ersten Zeit in Österreich ungewöhnlich viel Glück, haben von vielen Menschen Unterstützung erfahren. Beide berichten erstaunt von den vielen Menschen, die ihnen selbstlos geholfen haben. In Groß St. Florian nahm sie Familie Marchl auf und brachte sie im leer stehenden ersten Stock ihres Hauses unter. Die vier Kinder der Familie verstanden sich gut mit Omar, spielten gern mit ihm und lernten sogar selbst schon die ersten Worte Arabisch. Es war eigentlich ein multikulturelles Zuhause, denn Elen Marchl selbst stammt aus Wales. Sie und ihr Mann Hans nahmen Ahmed und Ayda mit zu Veranstaltungen, holten sie dazu, wenn Besuch kam. So konnten sie sich schnell mit Land und Leuten vertraut machen. „Ja, ich bin Familie Marchl dankbar, dass sie uns so mit hineingenommen haben in ihr Leben. Diese Unterstützung war ganz wichtig“, erklärt Ahmed. Einen „Kulturschock“, von dem andere Flüchtlinge erzählen, haben er und Ayda auch deshalb nicht, weil sie sich schon in Syrien über europäische Werte und Kultur informiert haben.

Also: Ende gut, alles gut? Der Sommer in der Weststeiermark mit verschwenderisch blühenden Blumen lässt die Vergangenheit unwirklich scheinen. Aber nicht immer. Ein Feuerwerk oder Böller reichen aus, und die Angst aus der alten Heimat ist wieder da. Dann kommen die Bilder vom Krieg und den Bomben zurück. Aber ein Anfang ist gemacht. Ahmed versucht einen Job zu finden, absolviert Vorstellungsgespräche. Er selbst hat Wirtschaft studiert und möchte, wenn es möglich ist, „etwas mit Rechnen“ weitermachen. Ayda hat ein Pädagogikstudium abgeschlossen und wünscht sich eine Arbeit mit Kindern.

Ahmeds ältere Schwester lebt in Saarbrücken. Sie leidet an Krebs und wird wahrscheinlich nicht mehr sehr lange leben. Er will sie deshalb bald besuchen. Momentan geht das nicht, weil er jeden Tag für vier Stungen am Deutschkurs in Deutschlandsberg teilnimmt. Im Monat bleiben der Familie 180 Euro zum Leben.

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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