Werke der Barmherzigkeit mit P. Anselm Grün | Teil 06
Ich war im Gefängnis. Ihr seid zu mir gekommen.

Entscheidend ist, dass ich zu dem Gefangenen gehe, ohne ihn zu verurteilen oder zu rechtfertigen, sondern in dem Glauben, dass auch in ihm ein guter Kern liegt, an den ich glaube.
  • Entscheidend ist, dass ich zu dem Gefangenen gehe, ohne ihn zu verurteilen oder zu rechtfertigen, sondern in dem Glauben, dass auch in ihm ein guter Kern liegt, an den ich glaube.
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Ein Gefängnisseelsorger erzählte mir, wie wenig Besuch Gefangene bekommen. Viele Freunde genieren sich, den Gefangenen zu besuchen. Sie haben Angst, mit dem Gefängnis in Verbindung gebracht zu werden. Oder sie haben Angst, von ihren Nachbarn schief angesehen zu werden, wenn sie einen Gefangenen besuchen. Sie könnten ja etwas mit diesem Gefangenen und seinen krummen Sachen zu tun haben. Gefangene werden oft wie Aussätzige behandelt. Und wenn sie freikommen, dann sind sie für ihr Leben stigmatisiert.

Urteile und Vorurteile aufgeben. Das Wort Jesu, zu den Gefangenen zu gehen, fordert uns auf, unsere eigenen Urteile und Vorurteile aufzugeben. Wir haben auch für uns keine Garantie, dass wir nicht mit den Gesetzen in Konflikt geraten und in eine Situation kommen, dass wir verurteilt werden und ins Gefängnis müssen. Die Weigerung, Gefangene zu besuchen oder mit ihnen Gemeinschaft zu haben, entspringt oft der Angst vor dem Dunklen in uns selbst. Wir wollen das Dunkle in uns verdrängen. Wenn wir den Gefangenen besuchen würden, dann würde all das Verdrängte in uns heraufkommen. Wir müssten uns damit konfrontieren, dass wir selbst immer auch schuldig sind und schuldig werden können. Diese ehrliche Selbstbegegnung ist unangenehm und schmerzlich. Dem wollen wir aus dem Weg gehen. Daher schreiben wir die Gefangenen ab und projizieren auf sie all das Dunkle, das wir bei uns selbst nicht wahrhaben wollen.

Gefangen in den eigenen Gesetzen. Im Gang vor unserer Krypta haben wir fünf Bilder des Priestermalers Herbert Falken aufgehängt. Ein Freund von Herbert Falken war ins Gefängnis gekommen, weil man ihm sexuellen Missbrauch vorgeworfen hat.

Herbert Falken hat seinen Freund im Gefängnis besucht und mit ihm gesprochen. Er kam zur Überzeugung, dass sein Freund unschuldig im Gefängnis saß. Irgendjemand wollte Rache an ihm nehmen. Falken hat sich in die Situation seines gefangenen Freundes hineinversetzt. Er hat ihn nicht fallen lassen. Er hat sehr dunkle Bilder gemalt. Auf dem ersten sitzt der Richter vor dem Gefangenen und baut sich auf. Der Gefangene ist gefesselt vor ihm, hilflos, ohnmächtig, gebunden. Doch dann kommt Bewegung in die Bilder. Der Stuhl des Richters wird in die Höhe gehoben. Der Gefangene beginnt zu tanzen. Und zuletzt ist der Richter nicht mehr auf dem Richterstuhl, sondern sitzt auf dem Stuhl des Angeklagten. Der Angeklagte aber tanzt so heftig, dass der Richter sich an seinem Stuhl festhalten muss, um nicht in den Wirbel hineinzugeraten. Der Richter wird zum Gefangenen seiner eigenen Richtlinien und Gesetze.

Herbert Falken hat in diesen Bildern seine Hoffnung ausgedrückt, dass sein gefangener Freund dem Leben in sich traut und dass diese Lebensfreude stärker wird als alle Verurteilung von außen. Er ist zu seinem Freund ins Gefängnis gegangen und hat ihm mit seinen Bildern einen Liebesdienst erwiesen. Er hat ihm die Hoffnung vermittelt, dass er durch die Zeit der Dunkelheit und des Gebundenseins in ein neues Licht und eine neue Lebendigkeit gelangen wird. Es gibt viele Weisen, die Verbundenheit mit einem Gefangenen auszudrücken: durch Briefe, durch Besuche, durch Gespräche, durch Gedichte oder Bilder. Entscheidend ist, dass ich zu dem Gefangenen gehe, ohne ihn zu verurteilen oder zu rechtfertigen, sondern in dem Glauben, dass auch in ihm ein guter Kern liegt, an den ich glaube.

Im Kerker der Angst. Dabei muss es nicht immer ein Mann oder eine Frau sein, die im öffentlichen Gefängnis sitzen. Es gibt auch andere Weisen der Gefangenschaft. Da ist einer im Kerker seiner Angst eingeschlossen und wartet darauf, dass ihn einer besucht. Er ist gehemmt und blockiert. Er traut sich nicht mehr auf die Straße. So igelt er sich immer mehr in das Gefängnis seiner Angst ein und meidet den Kontakt mit der Öffentlichkeit.

Gefangen in der Depression. Viele kennen heute das Gefängnis der Depression, aus dem sie nicht ausbrechen können. Sie sehnen sich nach einem, der sie in ihrem dunklen Kerkerloch besucht. Ein anderer ist von seinen inneren Zwängen gefangen genommen und gleichsam gefesselt.

Wir können die Fesseln des Zwangs kaum von ihm nehmen. Aber ihn nicht zu meiden, sondern ihn trotz seiner vielleicht auffälligen Ticks oder Zwänge anzusprechen und ihn ernst zu nehmen, ihn nicht zu beurteilen, sondern ihn in seiner Not zu verstehen, darin würde für uns das Werk der Barmherzigkeit bestehen, Gefangene zu besuchen.

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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