Ich mit mir. Fastenserie mit Melanie Wolfers | Interview
Ich mit mir

Sr. Melanie Wolfers, SDS., begleitet Sonntagsblatt-Leserinnen und -Leser durch die Fastenzeit. | Foto:  Cathrine Stuckhard/LAIF
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Was veranlasst Sie, über „Freundschaft mit sich selbst“ so intensiv nachzudenken?
Sr. Melanie Wolfers: In meiner seelsorgerlichen Tätigkeit mache ich die Erfahrung, dass wir Menschen uns selbst oft im Weg stehen und uns schwertun mit uns selbst. Wir alle haben Eigenschaften, die wir an uns selbst nicht leiden können, und gehen dann oft hart oder abwertend mit uns um. Daher habe ich mich gefragt: Wie können wir besser mit uns selbst klarkommen und Freundschaft schließen mit uns selbst? Schließlich sind wir selbst der Mensch, mit dem wir vom ersten bis zum letzten Atemzug zusammenleben.

Ist unsere Gesellschaft beziehungshemmend für uns selbst?

In unserer modernen Gesellschaft herrscht ein irrsinniger Optimierungsdruck. Immer weiter, höher, schneller soll es gehen. Wir sollen „effizienter arbeiten“, zugleich „gelassener leben“, und dann auch noch: „Der Bauch muss weg“. So rufen uns Buchtitel und Werbespots ständig entgegen. Wie eine Unternehmerin oder ein Unternehmer sollen wir das eigene Leben managen und für unser Glück sorgen. Doch dieser Druck, sich ständig verbessern zu müssen, ist eine heillose Überforderung!

Klingt irgendwie herausfordernd: Begegnung mit sich selbst – oder?

Nicht nur die Begegnung mit anderen, sondern auch die Begegnung mit sich selbst kann ganz schön herausfordern. Etwa, wenn man sich den dunklen Kapiteln der eigenen Geschichte zuwendet, anstatt sie unter den Teppich zu kehren. Oder wenn man der Sprache der Gefühle, des Körpers, der Träume und Ängste Gehör schenkt. Vor allem aber bereichert die Begegnung mit sich selbst das eigene Leben. Erst wenn ich auf die leise Stimme des Herzens höre, werde ich wissen, worum es mir wirklich geht, und mein eigenes Leben führen.

Manche meinen, die Leute beschäftigten sich viel zu viel mit sich selbst, statt dass sie sich anderen zuwenden. Ist dem nicht so?

Denken Sie an den biblischen Satz „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“. Wenn ein Mensch mit sich selbst befreundet ist, wird er ganz anders beziehungsstark: Er muss dann seine Ich-Grenzen nicht krampfhaft behaupten. Dem anderen ist er dann ein Gegenüber, das „ich“ sagt. Und dann gilt es zu schauen: „Wie geht das miteinander?“ Eine solche Lebenshaltung hat viel damit zu tun, dass ich dem anderen und mir den Heiligen Geist zutraue.

Kann aus einer Selbstliebe nicht trotzdem eine Selbstverliebtheit werden, die von sich nicht mehr absieht – im Egoismus oder im Narzissmus?

Narzissten leiden an einem grundlegenden Mangel an Selbstfreundschaft. Es wird zwar gesagt, dass sie sich nur für sich selbst interessieren, aber es handelt sich um ein Pseudointeresse. Narzissten müssen sich ständig idealisieren und bewundern. Oberflächlich betrachtet scheinen sie selbstverliebt, doch in Wirklichkeit können sie sich nicht leiden.

Was braucht eine gute Beziehung zu sich selbst?

Freundschaft lebt davon, dass man sich Zeit nimmt miteinander. So wie eine Freundschaft Zweisamkeit braucht, lebt eine Freundschaft mit sich selbst von der regelmäßigen Verabredung mit sich selbst. Ich nehme mir Zeit für das, was mir wichtig ist. Und ich versuche, die Sprache meines Körpers und meiner Seele wahrzunehmen.

Was gewinnen wir dabei?
Die Freundschaft mit sich selbst bewirkt, dass wir unsere Stärken und Schwächen, unsere Größe und Unsicherheit realistischer wahrnehmen. So können wir uns immer mehr annehmen, wie wir sind. Eine solche Haltung sich selbst gegenüber ist eine entscheidende Voraussetzung, um tragfähige Beziehungen mit anderen pflegen zu können. Sie ermöglicht uns, dass wir unsere Stärken ins Spiel bringen und unsere Grenzen anerkennen. Wir gewinnen inneren Frieden, Lebensfreude und Liebesfähigkeit. Erst wenn ich mich mehr kennen lerne, kann ich aus meiner inneren Mitte leben und werde heimisch in mir.

Sie sprechen von Grenzen. Worin bestehen sie?

Der Gott der Moderne lautet: „Alles ist möglich.“ Aber das stimmt nicht! Es ist nicht alles möglich. Unsere Lebenszeit, unsere Kräfte, auch die natürlichen Ressourcen haben Grenzen. Wir brauchen eine tiefe Einsicht in unsere Begrenztheit. Für mich war es wirklich eine Erkenntnis, als ich entdeckte: Meine Grenzen sind nicht nur dafür da, dass ich sie ausweite, sondern manche Grenzen sind dafür da, dass ich in ihnen in Frieden leben lerne. Das alte Wort für Grenze ist mir lieb geworden: „Umfriedung“. Eine Grenze markiert einen Lebensraum, innerhalb dessen ich in Frieden leben kann. Als Christen glauben wir an einen Gott, der Mensch wird. Im Konkreten, Endlichen und Begrenzten kommt uns Gott entgegen.

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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