Im Augenblick | Teil 07
Heut’ kann er endlich ein wilder Hund sein

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Jetzt hat’s mich doch erwischt“, sagt Wolfgang Fritsch und wischt sich die Augen. Es ist deutlich, dass der 52-Jährige sich gern mit einer flotten Formulierung über Dinge drüberschummelt, die ihn emotional zu stark berühren könnten. Wenn jedoch die Sprache darauf kommt, wie sehr die Arbeitskollegen ihn nach seiner Operation wieder in ihre Gemeinschaft hineingenommen haben, dann ist er gerührt.

Gesundheitliche Schwierigkeiten begleiten Wolfgang Fritsch schon länger: eine Hodenkrebserkrankung und eine bipolare Störung, die erst sehr spät erkannt wurde. Lange als Depression fehldiagnostiziert, blieb die Manie, die zum Krankheitsbild gehört, sogar für ihn selbst unverständlich. Auch für sein privates Umfeld, das immer wieder aufatmete, als es ihm scheinbar besser ging. Der Höhenflug wurde nicht als Teil des Krankheitsbildes erkannt, sondern als Anzeichen einer Gesundung gedeutet. „In der Manie ist alles einfach, die Wiesen sind grün und alle Frauen schön. Das sind natürlich dann keine Gründe, um zum Arzt zu gehen.“

Rückblickend betrachtet scheint es beinahe so, als hätten ihm erst eine schwere Operation und das Ileostoma, das er heute hat, möglich gemacht, Dinge auszuprobieren, die für ihn immer schon ein Traum waren. Die Berge sind nur ein Teil davon. Zwar ging er schon früher gern lange Touren und übernachtete am Berg, aber der Kampf mit der Höhenangst machte das Unterfangen Gipfelsieg nicht gerade einfach. Nach der Operation entschloss er sich, es auch mit dem Klettern zu probieren. Nicht ganz leicht, doch ist die frühere Panik zu einer Art Nervenkitzel geworden, der sich bewältigen lässt.

Dankbar ist er auch den Stomaschwestern im LKH und auf der GKK. „Sie haben mich so aufgemuntert.“ Als er eine von ihnen fragte, ob denn das Wandern wieder möglich sein würde, hat sie geantwortet: „Natürlich werden Sie wieder Touren gehen.“ Heute ist es so weit, dass Wolfgang Fritsch auch im Biwaksack sein Stoma ohne Probleme versorgen kann. Anfangs war das nicht so einfach. Das Internet war ihm eine große Hilfe, da man dort leichter Einblick erhält, wie andere Menschen mit der Beeinträchtigung leben. „Vor allem Amerikaner gehen mit diesen Dingen offener um, da kann man sich informieren und sehen, was körperlich trotzdem möglich ist.“

Natürlich gibt es klare Grenzen durch die Folgen der Operation. „Eine 31 Zentimeter lange Narbe über den Bauch von oben nach unten hat eben Auswirkungen auf die Muskelspannung, die man beim Klettern braucht.“ Eine Rückoperation, die grundsätzlich möglich wäre, lehnt Wolfgang Fritsch ab.

Er betrachtet seine Geschichte als Herausforderung, die es zu meistern gilt: „Auch ein grundsätzlich nicht religiöser Mensch wie ich kann religiöse Gefühle haben. Dass alles so ausgegangen ist, ist eine Gnade und ein Geschenk. Ich weiß zwar nicht von wem, aber ich bin dankbar dafür. Was für mich noch möglich sein wird, lässt sich nicht abschätzen. Aber die Segel sind gesetzt, und ich bin guter Dinge.“

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SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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