Anfänge. Eine Serie mit Chris Lohner | Interview
Eine Frau mit vielen Talenten

Chris Lohner – eine facettenreiche Künstlerin.
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Chris Lohner ist eine Frau mit vielen Talenten und Neuanfängen im Leben. Ab 19. Oktober wird sie die Herbstserie „Anfänge“ mit Kommentaren begleiten.


Wenn es um Neuanfänge im Leben geht, haben es da prominente Persönlichkeiten leichter oder schwerer?
Chris Lohner: Man hat es einerseits leichter und andererseits schwerer. Leichter geht eine Tür auf mit einem bekannten Namen. Aber das, was man dann tut, wird ganz anders beäugt und bewertet, weil man eine andere Vorgeschichte hat als jemand, der nicht im Rampenlicht steht. Da kommen Neider; da kommen Zweifler; da wird geschaut, was macht sie jetzt wieder. Ich kann mich erinnern, als 1997 mein erstes Buch erschienen ist, hieß es, jetzt schreibt sie auch noch. Wir leben in einem Land, wo man Menschen gerne in eine Schublade steckt. Und wenn man moderiert, Theater spielt und dann auch noch ein Buch schreibt, wird man scheel angesehen. Aber als kreativer, künstlerischer Mensch gibt es eine Bandbreite von Dingen, die man – mehr oder weniger – kann und einfach ausprobieren möchte.

Wie wichtig waren für Sie die sozialen Netzwerke bei beruflichen Neuanfängen?

Das Interessante in meinem Leben ist, dass die Leute sehr oft auf mich ­zugekommen sind. Ein Fotograf hat mich zum Beispiel auf der Straße angesprochen und mich gefragt, ob ich als Model arbeiten möchte. Aber man wird ja nicht über Nacht ­erfolgreich oder berühmt; es gibt einen ­langen Weg, wo niemand zuschaut, wie man arbeitet, was man macht und tut. Irgendwann schaut dann die Spitze des Eisbergs heraus, und die Leute werden aufmerksam auf dich. Doch auf der Strecke bis dahin macht man sein Ding. Dahinter stehen Arbeit, Disziplin und Fleiß. Was die sozialen Netzwerke grundsätzlich betrifft, so ist es mir sehr wichtig, den ­Kontakt zu meinen Freunden zu pflegen, denn sie sind das Netz im Leben. Die Freunde habe ich ein Leben lang. Bei ihnen kann ich auch spätabends im Nachthemd auftauchen, weinend, und sie sagen: „Komm doch rein und erzähl!“


Wo haben Sie gelernt, so diszipliniert zu sein?

Beim Modeln. Da gab es strenge Kontrollen, und man musste sehr diszipliniert auf sich schauen. Wir sind nicht nächtelang auf Partys rumgekugelt, wie man sich das vielleicht so vorstellt. Das hat es nicht gegeben. Das hätte man auf den Fotos auch gesehen. Früher gab es kein Photoshop, mit dem man Bilder bearbeiten konnte. Es war eine sehr anstrengende, aber auch lustige Zeit. Mein erlernter Beruf ist ja Schauspiel, und durch das Modeln habe ich mir meine Schauspielausbildung finanziert. So hat das angefangen. Später habe ich mich dann beim ORF beworben. Es sind immer meine Nebenjobs zu Hauptjobs geworden. Jetzt im Alter schließt sich der Kreis, mache ich wieder das, was ich gelernt habe, und steh auf der Bühne.


An welchen markanten Neuanfang in Ihrem Leben können Sie sich spontan erinnern?

Der war mit fünf Jahren. Ich hatte Masern, habe dadurch eine vereiterte Hornhaut bekommen und konnte plötzlich nichts mehr sehen. Das war 1948, das darf man nicht vergessen. Damals gab es noch keine Impfung dagegen.


Das muss furchtbar gewesen sein …

Ich habe das gar nicht tragisch empfunden. Damals gab es ja noch kein Fernsehen, und ich bin von vorne bis hinten bedient worden. Es war mir natürlich nicht bewusst, dass ich blind bleiben könnte; ich dachte, jetzt bin ich halt krank. Aber für meine Eltern war das schon furchtbar. Trotzdem hatten sie damit einen relativ natürlichen Umgang. Vor allem meine Mutter. Sie war als Hausfrau bei uns Kindern, meiner Schwester und mir, zu Hause. Mein Vater ging in der Früh und kam am Abend spät heim. Er musste sich nicht damit herumschlagen. Nach einem halben Jahr hat sich die Blindheit dann gegeben. Ich erinnere mich, als ich das erste Mal wieder einen Lichtschein sah, bin ich ins Schlafzimmer meiner Eltern und habe vor Freude verkündet, ich sehe ein Licht. Da gab’s das große Hurra. Das war eine Zeit, wo meine Eltern, meine Großmutter, meine Schwester und ich noch in Zimmer, Küche, Kabinett gewohnt haben, mit Toilette auf dem Gang. Erst als ich sieben Jahre alt war, sind wir in eine größere Wohnung gezogen, wo wir dann den Luxus eines Bades und einer Toilette in der Wohnung genießen konnten.

Wie war denn das Verhältnis zu Ihren Eltern?

Mitunter schwierig, aber schon von Liebe getragen. Mein Vater war extrem streng, Volkshochschuldirektor in der Stöbergasse. Ich habe auch noch die so genannte „g’sunde Watschn“ bekommen. Allerdings von meiner Mutter, nicht von meinem Vater; sie war sehr locker mit der Hand, muss ich sagen. Zu meiner Zeit wurde man erst mit 21 volljährig. Bis dahin hatte ich um 10 Uhr abends zu Hause zu sein. Obwohl ich ein Jahr dazwischen in Amerika war, wo sie mich gar nicht kontrollieren konnten. Ich habe ein Schüler-Stipendium bekommen – gegen den Willen des Vaters; aber meine Mutter hat das für mich durchgesetzt. Als ich zurückkam, ging der ganze Zauber wieder von vorne los.

Wie groß war der Drang, endlich ein eigenständiges Leben zu führen?

Ungemein groß. Mit 14 habe ich erlebt, wie meine Mutter ständig meinen Vater fragen musste um ein paar Strümpfe oder dieses und jenes. Schon damals wusste ich, das will ich nicht. Das hat mich geprägt. Mit 21 bin ich dann mit meinen Büchern von zu Hause ausgezogen. Und war von diesem Zeitpunkt an immer unabhängig. Ich habe mir alles selber erarbeitet. Ich möchte einen Mann zum Liebhaben oder als Freund; aber nicht als Ernährer. Ich bin ein sehr freiheitsliebender Mensch.


Sie sind vor kurzem 71 geworden. In Ihrem neuen Buch schreiben Sie, Sie fühlen sich jetzt wohler als mit 30 oder 40 Jahren. Woran liegt das?

Ich habe jetzt einen viel besseren Überblick als damals. Ich bin schon so lange auf der Welt, habe so viel gesehen, erlebt und gelernt. Ich bin offen und lasse Dinge zu, ich bin neugierig, ich bin kritisch, ich hinterfrage alles und vertrete meine Meinung. Mag es anecken oder nicht. Ich will ich sein, mich in der Früh im Spiegel sehen können und sagen, ja, das ist authentisch, das ist ehrlich, das ist aufrichtig.

Sie hatten mit 45 Jahren eine Grauer-Star-Operation an beiden Augen. War das mit ein Grund für Ihr ehrenamtliches Engagement als Botschafterin für „Licht für die Welt“?

Ja, es war mir wichtig, eingebunden zu sein in einer Organisation, in der ich meine Prominenz nützen kann für eine wirklich gute Sache. Seit 13 Jahren bin ich nun dabei und setze mich für augenkranke, blinde und behinderte Menschen in den Armutsregionen der Welt ein und bin immer wieder in Afrika, Asien und Südamerika unterwegs. Ich habe ja eine Art Helfersyndrom und halte immer gerne zu den Minderheiten. Den Mehrheiten wird ohnehin geholfen. Als mich Gabriel Müller von „Licht für die Welt“ damals angerufen hat, war das die Gelegenheit. Ich bin demütig genug zu wissen, dass das für mich eine Chance war, etwas zu bewegen und Menschen etwas zurückzugeben. Mittlerweile denke ich immer öfter über den Sinn des Lebens nach. Mein Weg ist, anderen zu helfen und Menschen zu unterhalten. Das ist mein Sinn im Leben für mich.


SUSANNE HUBER

Chris Lohner – eine facettenreiche Künstlerin.
In unserer neuen Serie werden Geschichten von Menschen erzählt, die wieder zu Anfängern wurden. Begleitet wird die Reihe mit Kommentaren von Chris Lohner. Ab 19. Oktober.
Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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