caritas in veritate | Teil 01
Die Löcher in den Fahnen werden gefüllt

Es war auf einer Sozialethik-Sitzung im Jahre 1990: Der Eiserne Vorhang war gefallen, neue Freiheit gewonnen. Es zog die Hoffnung durch die Runde, dass nun die Stunde der katholischen Soziallehre geschlagen habe. Man glaubte, dass die von Sinnleere gekennzeichneten Menschen förmlich danach dürsten. Die Leere zeigte sich in den Fahnen der „ehemaligen Ostblockländer“: Wo auf den nationalen Fahnen das Symbol für den Marxismus zu sehen gewesen war, prangte nun ein Loch. Die Menschen hatten Hammer und Sichel herausgeschnitten, aber es war noch nichts an ihre Stelle getreten. Die katholische Soziallehre als eine wertbesetzte Sozialidee in Ausrichtung auf umfassende Menschenwürde wäre prädestiniert, diese Leerstelle zu füllen – dies war die Hoffnung der Versammelten.

Die Hoffnung wurde nicht ganz erfüllt. Obwohl Johannes Paul II. mit seiner Enzyklika „Centesimus annus“ 1991 wichtige Impulse geben konnte, in Bezug auf die globale Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft blieb ihr Einfluss begrenzt. Die Globalisierung gestaltete sich entlang der so genannten Sachgesetzlichkeiten der Wirtschaft. Man glaubte, auf Theorie in Form einer Lehre verzichten zu können, weil doch alle Theorie grau ist.

Ja, grau ist alle Theorie, aber „gräulich“ ist alles Handeln ohne Bezugspunkt in einer orientierenden Lehre. Das zeigt sich an der aktuellen Krise, die in vielen Bereichen die Menschen bedrückt. Hat jetzt „wieder“ die Stunde“ der katholischen Soziallehre geschlagen? Die Reaktionen auf das Erscheinen der Sozialenzyklika „Caritas in veritate – Die Liebe in der Wahrheit“ von Papst Benedikt XVI. scheinen die Hoffnung zu stärken. Schlagworte wie „Ohne Ethik geht es nicht“ oder „Wirtschaft braucht Ethik“ tauchten in den Schlagzeilen auf.

Und die Liebe, die mit der Wahrheit den Leitwert der Enzyklika bildet, ist es nicht nur, „welche die Menschen drängt, sich mutig und großherzig auf dem Gebiet der Gerechtigkeit und des Friedens einzusetzen“, wie Benedikt betont, die Liebe in der Wahrheit ist es auch, die die Menschen „zusammendenken“ lässt, Sachverstand und Gewissen in eine Wechselwirkung bringt, die sich der Abkoppelung der einzelnen Bereiche vom Ganzen eines geglückten menschlichen Lebens widersetzt. Liebe in Wahrheit bedeutet das Zusammenführen von Wahrheit, die die Wirklichkeit der Welt wahr- und ernst nimmt, und Liebe, die die Entwicklung der Gegebenheiten anstößt und weiterführt. Damit stellt der Papst die Soziallehre in einen Zusammenhang, der dem Offenhalten von Perspektiven, die von der realen Entwicklung nur zu leicht verschlossen werden, dient. Liebe in Gerechtigkeit und Wahrheit wird somit zu einem Richtungsimpuls für die Gestaltung unserer Gesellschaft.

Kann damit das „Loch in den Fahnen“, das heute kaum bemerkt wird, gefüllt werden? Sicher nicht automatisch. Es bedarf der Analyse und der Suche nach einer umfassenden Strategie zur Umsetzung dieser Enzyklika.

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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