Tatorte der Fastenzeit. Fastenserie 2018 | Teil 02
Der Berg Morija und die dunkle Seite Gottes

Von einem Film, in dem ein Galgen aufgestellt wird, ist in diesem Sonntagsblatt in den „Positionen“ auf Seite 15 die Rede. Die Handlung ist erschreckend – aber es ist eben (nur) ein Film, und die starke Szene regt zum Nachdenken an. Wenn uns hingegen die Bibel Geschichten mit solchen Szenen zumutet, wollen wir das oft gar nicht hören. Bevor uns aber das Evangelium des zweiten Fastensonntags mit Jesus auf den Berg der Verklärung begleitet, führt es uns mit Abraham und Isaak auf den Berg Morija. Dort sollte (nach dem Buch Genesis, Kapitel 22) Isaak auf Gottes Geheiß geopfert werden, ehe Gott dem Einhalt gebietet und ein Widder als Opfertier an Isaaks Stelle tritt.

Im Buch „Österliche Lichtspuren“ (Verlag Bernward bei Don Bosco), das die Lesungen der Osternacht kommentiert, schreiben Heinz-Günter Bongartz und Georg Steins dazu: „Nach unserem Empfinden ist die Art, in der Genesis 22 erzählt, sehr merkwürdig. Da erhält ein Vater einen unglaublichen Befehl. Trotzdem teilt uns der Text nichts über seine Gefühle mit – ganz zu schweigen von einem Protest, den wir erwarten würden. Stattdessen sind andere Dinge wichtig.

Wiederholt wird im Text der Ort des Opfers hervorgehoben. Diesen hat Gott eigens er-wählt. Das Opfer findet also nicht irgendwo statt, sondern Gott legt den Ort fest. Der Ort des Opfers und das Tier zum Opfer werden von Gott bestimmt … Der Ort des Opfers trägt einen Namen, der verschlüsselt auf den von König Salomo gebauten Tempel hinweist. Der Berg Morija bezeichnet den Ort, an dem der Tempel steht. Gen 22 deutet also bereits lange vor der Erbauung auf den Tempel hin, auf den Ort, an dem Gott seinem Volk nahe sein will.“

Im Tempel ist später zweimal am Tag ein Widder geopfert worden. Die Geschichte setzt das Opfertier in Beziehung zu Isaak, der hier nicht als Privatperson steht, sondern als Stammvater des Volkes Israel. Israel brachte seine Opfer nicht dar, um Gott gnädig zu stimmen. Vielmehr hat Gott seinem Volk mit dem Opferdienst von sich aus eine Möglichkeit geschenkt, ihm zu begegnen.

Dass uns die Geschichte trotzdem viele Schwierigkeiten bereitet, ist allzu verständlich. Sie will freilich nicht gehört werden wie eine allgemeine Aussage über Gott (das wäre inakzeptabel gerade für das biblische Gottesbild), sie will nicht neutral gehört werden, sondern aus der Teilnehmerperspektive. Vielleicht spart die Bibel solche kaum nachzuvollziehenden Erzählungen nicht aus, weil Menschen immer wieder die Erfahrung machen müssen, dass ihnen etwas oder jemand genommen wird, dass sie nicht klarkommen damit, wie Gott so etwas zulässt. Auch Abraham macht diese Erfahrung nach einer langen Geschichte mit Gott. Und zur Gottes-
erfahrung gehört eben auch: „So fremd kann Gott werden, dass alles, was bisher galt, wie durchgestrichen erscheint … Geschichten wie die Erzählung Gen 22 wollen gleichsam unsere Erfahrungen mit der Fremdheit Gottes ‚einsammeln‘ und in die Gottesbeziehung ‚eintragen‘. Sie sind so hart und so anstößig – sie müssen so sein –, weil das Leben selbst so ist.“ 

Gekürzt aus: Karl-Heinz Fleckenstein, Berge im Land der Bibel, Verlag Be&Be

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SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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