Lebensjahr 2008 - Impulse | Teil 02
Christen neigen zu Einheitlichkeit

An der Grazer Theologischen Fakultät: Sebastian Painadath diskutiert mit einer Studentin.
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Sie sind Direktor eines Zentrums für indische Spiritualität, in dem sich Christentum und Hinduismus begegnen. Von Ihrem spirituellen Erfahrungsschatz heraus gesprochen: Wie kann man für das Leben leben?
Ich nehme mir täglich bewusst Zeit, um zu mir zu kommen. Ich versuche stets wahrzunehmen, dass ich ein göttliches Wesen bin, und lege Wert darauf, dass ich jeden Menschen, dem ich im Alltag begegne, respektiere. Meine Grunderfahrung: In der inneren Stille Gott erkennen, nach außen schauen, in den anderen Gott sehen. Außerdem will ich jeden Tag mindestens ein Werk der Barmherzigkeit tun.

In Ihrer Familie sind Sie von Anfang an sowohl der christlichen als auch der hinduistischen Kultur begegnet. Was sagt der Hinduismus zum Leben?
Leben ist Gnade und gleichzeitig Auftrag, zurück zum Ursprung zu kommen. Unsere Seele betrachtet der Hinduismus als Teilchen des Göttlichen. Dieses Teilchen kommt in der Zeit mit der Materie in Verbindung. Durch die Anbindung entstehen negative Kräfte im Menschen. Die Herausforderung ist daher, diese zu entdecken und zu überwinden, um auf den göttlichen Ursprung zurückzukehren. Das kann durch Askese, Meditation und Liebe geschehen.

Was stört auf dem Lebensweg zurück zum Ursprung?
Alles, was das Leben unwürdig macht: Habgier, Festhalten am Ich, Konsum, Anhäufung von Besitz. Das nennt man „Kama“ und ist die Grundursache von Leid, Sünde und Entfremdung. Um zum Ursprung zu kommen, müssen wir dieses Kama bewältigen.

Warum gibt es im Hinduismus mehr als nur ein Leben?
Die Bewältigung des Karmas ist nicht in einer einzigen Lebensphase möglich, daher hat der Mensch mehrere Leben, um sich ganz zu reinigen. Die Wiedergeburt ist nicht schicksalshaft zu verstehen. Sie ist eine Möglichkeit zur vollen Entfaltung. Diese Entfaltung ist aber nicht bloß durch unsere Anstrengung möglich, sondern durch Gott. „Durch die Gnade wirst du mich erreichen“, heißt es.

Auch im Christentum spielt Gnade für das Gelingen des Lebens eine Rolle. Sehen Sie dabei einen nterschied zwischen beiden Religionen?
Ich bin ein Mensch, der Unterschiede wenig wahrnimmt, weil ich von den Gemeinsamkeiten so überwältigt bin. Für beide Religionen gilt: Man soll sich der Gnadenwirkung des Göttlichen öffnen, dann verwandelt Gott das Leben. Unterschiedlich ist, dass das Christentum die Gnade Gottes durch Jesus Christus vermittelt sieht. Für Hindus existieren hingehen verschiedene Gnadenvermittler. Da gibt es einen großen Freiraum, sich zu entscheiden, wem ich mich anvertraue. Aus diesem Grund gibt es Hindus, die sich Christus anvertrauen und durch ihn Gnade finden. Ihre Zahl wächst.

Woher nimmt der Hinduismus seine Erkenntnisse über das Leben?
Der Hinduismus ist breit angelegt, nicht so einheitlich wie das Christentum. Da gibt es unterschiedliche Auffassungen. Wenn ich vom Hinduismus spreche, dann greife ich auf die Hauptquellen zurück: Dazu gehören die Upanishaden (9. bis 4. Jh. v. Chr.) und die Gita (300 v. Chr.). Andere berücksichtigen in ihrer Auseinandersetzung mit dem Hinduismus auch die Veden oder philosophische Richtungen.

Wann spricht der Hinduismus vom Lebensbeginn?
Diese Überlegung wird kaum gestellt. Hindus sehen das Leben als einen Strom, als einen umfassenden kosmischen Prozess. Wir Menschen befinden uns auch in der Vorgeburtsphase in diesem Strom. Man kann daher kaum von einem Augenblick des Anfangs reden.

Wie stehen Hindus dann zu Abtreibung?
Töten, Selbstmord und Abtreibung betrachtet man als unethische Tätigkeiten, weil sich göttliches Leben in uns befindet, das für uns nicht verfügbar ist. Auch in den Tieren befindet sich dieser göttliche Strom des Lebens. Dieser Respekt vor dem Leben ist der Grund, warum in traditionellen Hindu-Familien kein Fisch und Fleisch gegessen wird.

Äußern Vertreter des Hinduismus Angst vor Entwicklungen in Wissenschaft und Politik, die das Leben gefährden könnten?
Der Hinduismus hat grundsätzlichen Respekt für das Leben, daher stellt man natürlich vieles, was passiert, in Frage. Aber die Konsequenzen werden von hinduistischen Meistern mitunter nicht so stark artikuliert, weil man nicht viel von Politik redet.

Haben Hindus einen speziellen Umgang mit dem Leben, von dem Christen lernen können?
Christen neigen dazu, einheitlich zu denken. Für Hindus bedeutet Vielfalt hingegen eine Schönheit für das Leben. Von Hindus kann man Toleranz und Offenheit gegenüber der Vielfalt von Kulturen, Sprachen, Religionen lernen.

Welche Themen sollte man vermehrt in die Diskussion rund um den Lebensschutz einbringen?
Ein Aspekt, der mir oft zu kurz kommt, ist der Respekt für den anderen, auch für das Göttliche im anderen. Man neigt oft dazu, Menschen in Schubladen einzuordnen, aufgrund der Kaste oder Nation, anstatt die Kultur des Einzelnen zu achten und seine Entfaltung zu unterstützen. Diese Vorurteile erschweren den gesellschaftlichen Frieden. Der Lebensschutz ist außerdem eine umfassende Sache: Wir sollten in dieser Diskussion auch ganz besonders unsere Konsumhaltung hinterfragen.

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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