Plädoyer für die Zukunft | Frage 3
Bitte mehr Frohbotschaft!

Frage 3: Was würdest Du morgen zurücklassen?

Was muss schwinden, um Neuem Platz zu geben? Eine 2000-jährige Institution bringt viel althergebrachtes, tiefes Wissen mit, das auch vieles überdauert hat. Wie auf diesem Wissen aufbauen und dabei dennoch Neues zulassen?

Vor 14 Tagen habe ich an dieser Stelle meinen Einspruch gegen die Frage „Ist Armut unfair?“ formuliert. Also ist es nur recht und billig, das heute zur Überlegung stehende Thema „Was würdest du morgen zurücklassen?“ als mich sehr ansprechende Frage zu loben. Mein Interesse daran ist auch nicht weniger geworden, als ich in den Unterlagen zum Diözesanjubiläum 2018 nachgelesen habe, dass es hier nicht so sehr um persönliche Befindlichkeiten, sondern um die Kirche von morgen gegangen ist. Ganz im Gegenteil, mein Interesse ist noch mehr gewachsen. Für mich auf den Punkt gebracht: Was erwarte ich mir von meiner Kirche an Veränderung, an Hinwendung, an Zuversicht? Und ich meine auch ausdrücklich „mir“ und „meine Kirche“!

In meinen mehr als 60 Lebensjahren sind und waren es vor allem zwei große – und ich gestehe es gerne, bei mir immer auch sehr kopflastige – Fragen, die mich nie losgelassen haben: der Mensch als erzählfähiges und als metaphysisch begabtes Wesen. Wir zeichnen uns dadurch aus, dass wir über unsere – auch nie überschreitbaren – Grenzen hinweg denken und zugleich auch alles Gedachte immer wieder neu erzählen können. Gibt es eigentlich einen stärkeren Hinweis auf die Existenz Gottes als diese Fähigkeit? Ich kenne keinen. Und sind nicht gerade die Religionen die wirkmächtigsten kulturellen Hervorbringungen dieser beiden Fähigkeiten?
Es ist doch faszinierend, dass selbst Menschen, die dem Evangelium nicht gläubig zu folgen vermögen, Dantes „Commedia“, Michelangelos „Sixtinische Kapelle“ oder Bachs „Matthäuspassion“ als herausragende Werke des menschlichen Geistes würdigen können. Um wieviel ärmer wäre unser geistiges Leben ohne die Texte, in denen Menschen, gläubige ebenso wie ungläubige, von Augustinus bis Martin Walser, von Novalis und Kierkegaard bis Karl Rahner und Karl Barth, Gott zur Sprache gebracht haben.

Gute Nachrichten?
Vor knapp drei Jahren hat das deutsche Magazin „Cicero“ auf seiner Titelseite die Frage gestellt: „Wie politisch darf Kirche sein?“ Der Grundtenor des Artikels lässt sich in wenigen Sätzen zusammenfassen: Der immer stärker werdende Einsatz der Kirchen in Fragen wie Umweltschutz oder Flüchtlingshilfe haben „Gebet und Bekenntnis“ verdrängt. Die mangelnde Plausibilität der Glaubenslehre für viele Zeitgenossen und die weitgehende Nichtakzeptanz der kirchlichen Moralvorschriften innerhalb einer säkularen Gesellschaft führen im Sinne einer öffentlichen Relevanzerhaltung in ein verstärktes politisches Engagement.
Ich weiß, dass ich nicht der Einzige bin, der unter dieser Entwicklung leidet. Wenn ich zeitgemäßes Nachdenken über Gott suche, werde ich in der Literatur fündiger als in der Theologie, Resilienz aus dem Glauben scheint überhaupt nur mehr für eine kleine Minderheit in der Verkündigung eine Rolle zu spielen. Immer öfter und an verschiedensten Orten predigt meine Kirche den ökologischen Untergang und die sozialen Verwerfungen. Nicht, dass das alles keine Themen wären. Bloß, und das ist mein drittes Plädoyer, redet wieder mehr von Gott und vom Evangelium als der größten Befreiungserzählung der Menschheit.

In acht Plädoyers deutet Hans Putzer zeitdiagnostisch diese Fragen ein weiteres Mal. Er war zwischen 2009 und 2012 Präsident der Katholischen Aktion Steiermark und von 2010 bis 2018 Direktor im Bildungshaus Mariatrost. Seit 2018 arbeitet er im Bürgermeisteramt der Stadt Graz und ist unter anderem für die Bereiche Menschenrechte, Religionsgemeinschaften und Bürgerbeteiligung zuständig.

Die Serie wird begleitet durch die Online-Kolumne „Mitten im Leben“, in der Menschen aus ihrem Alltag im Zusammenspiel mit der jeweiligen Frage berichten. – www.katholische-kirche-steiermark.at/mittenimleben

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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