SOMMERSERIE 2021 | Beten mit den Füßen_5: Diözese Graz-Seckau
Auf steirischem Boden pilgern

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Der Steirische Mariazellerweg Nummer 6 hat viele Startpunkte. Drei Fußwallfahrende erzählen von ihrer Motivation, ihren Lieblingsetappen und Erlebnissen auf dem Weg zur Magna Mater Austriae.

Katharina Grager

Aus Dankbarkeit über den Studienplatz hat sich Judith Kremser 2017 auf den Weg nach Mariazell gemacht. Sie ist dem bekannten Mariazellerweg 06 von seinem steirischen Startpunkt aus gefolgt. „Aber der Mariazellerweg beginnt dort, wo du losgehst!“ ist die Medizinstudentin überzeugt. Ihr Antrieb, nach Mariazell zu pilgern, war das Versprechen, das sie sich selbst ein Jahr zuvor gegeben hatte: „Wenn ich einen Studienplatz bekomme, trage ich eine selbstgebastelte Kerze nach Mariazell.“ Gesagt, getan.

Pilgerbegleiter Karl Paar weiß: „Jeder geht mit irgendwelchen Wünschen, Vorsätzen, dem Dank für eine bestandene Prüfung, eine überstandene Krankheit oder mit einer Bitte.“ Und er ist überzeugt: Egal, wo man ankommt, man erfährt Erleichterung, weil man sein Anliegen dort lassen kann. Das Ankommen sei sowieso immer sehr emotional, erzählt der erfahrene Fußwallfahrer. Aber um anzukommen, muss man erst einmal losgehen.

Losgehen, um anzukommen
Silvia und Georg sind den Mariazellerweg von unterschiedlichsten Startpunkten aus schon mindestens 20 oder 25 Mal gegangen. Das erste Mal bereits in der Jugend von Leoben weg. Später mit der Familie ab Graz. „Am schönsten ist es“, erzählt Silvia, „direkt vor der eigenen Haustür loszugehen.“ Der offizielle Startpunkt des 06-Weges ab Graz liegt in Mariatrost im Nordosten der steirischen Landeshauptstadt. Mit Pfarrgruppen oder Freunden starteten die beiden auch schon beim beliebten Ausgangspunkt „Leber“, einer etwas nördlich des Grazer Stadtteiles Andritz gelegenen Anhöhe. Von dort kann man sich das erste „hohe“ Hindernis, nämlich den Grazer Hausberg Schöckl, ersparen.

Judith ist auch vor ihrer Haustür losgegangen. Ihr Heimatort ist Eibiswald, dort trifft der Kärnter Mariazellerweg, von der Soboth – einer Passstraße über die südwestlichen Ausläufer der Koralpe – her kommend, auf den Steirischen Mariazellerweg. Die ersten drei Tagesetappen durch ihre heimatlichen Gefilde hat Judith allein zurückgelegt. Über Bad Schwanberg geht es in die Bezirkshauptstadt Deutschlandsberg. Von dort über Bad Gams, durch Weingärten vorbei am barocken Schloss Stainz nach Mooskirchen und schließlich über die Hügel im Westen von Graz nach Eggenberg. Für den Weg durch die Stadt bietet sich die Straßenbahnlinie 1 an. In Eggenberg zugestiegen, ist man in einer Dreiviertelstunde bequem am anderen Ende der Stadt – inklusive Sightseeing, da die Fahrt mitten durch die Grazer Altstadt führt.

Gut begleitet miteinander unterwegs
Wenn jemand zwar gerne einen Pilgerweg gehen möchte, sich aber unsicher ist, ob er es schaffen kann, rät Karl Paar zu einem Pilgerbegleiter. Menschen mit viel Pilgererfahrung kümmern sich um die Planung, übernehmen die Navigation und bieten auch Gebetsimpulse oder Andachten am Weg an. Gänzlichen Fußwallfahrtsneulingen empfiehlt Paar, sich mit kurzen Etappen körperlich vorzubereiten. Aber auch gutes Material, ein nicht zu schwerer Rucksack, Schuhe, die trockenhalten, und schlussendlich der Wille spielen eine entscheidende Rolle für das Gelingen.

Silvia erinnert sich an ihre erste Fußwallfahrt in der Großgruppe mit gut 60 Leuten: „Zuerst dachte ich, mit so vielen Menschen macht mir das bestimmt keinen Spaß, aber es hat sich dann als unglaublich nett he-rausgestellt.“ Für jeden ist Platz, ob sechs Jahre oder 80 Jahre alt. Wenn einer müde wird, zieht man sich gegenseitig mit, erzählt Silvia.

Freudentränen an der Kirchenstiege
Die schönste Tagesetappe brachte Judith Tag fünf ihrer Fußwallfahrt. Vom Schöckl zwar erstmal steil bergab, aber nicht sehr lang, führt der Weg ab Arzberg relativ flach weiter, und in Passail angekommen, kann man sich am Hauptplatz ein kühles Getränk oder ein Eis gönnen. Zum Nachtquartier auf die Sommeralm ist der Aufstieg nicht extrem, aber er wird Judith noch lange in Erinnerung sein: „Es hat angefangen zu regnen, und dann ist Nebel eingefallen, sodass man fünf Meter vor der Hütte die Hütte nicht sehen konnte!“ Der Hüttenwirt war zur Stelle und versorgte die Pilgerin nicht nur mit einer stärkenden Suppe, sondern auch mit vielen praktischen Informationen zur nächsten Tagesetappe. So pilgert es sich behütet.

Nach der Sommeralm führt der Weg über den Straßegg, die Schanz und die Stanglalm ins Mürztal hinunter nach Mitterdorf. Dort beginnt die Lieblingsetappe von Silvia und Georg. Hinauf zur Hundskopfhütte, einen Bergrücken entlang zur Rotsohlalm – ein wunderbarer Ort zum Rasten, bei jedem Wetter –, und dann klingt der Wallfahrtstag entspannt fast durchwegs eben und fallend bis zum Niederalpl aus.

Für den Pilgerbegleiter Karl Paar hat jede Etappe etwas Besonderes an sich. Doch ein persönliches Highlight ist der Weg von Dorf-Veitsch über das Veitscher Pilgerkreuz hinauf Richtung Hohe Veitsch. „Es geht dort ordentlich bergauf, also geht man nicht so schnell und hat Zeit, den wunderbaren Ausblick zu genießen.“ Viele schöne Wegkreuze und Andachtsstellen begleiten einen. Besonders sehens- und riechenswert ist die Blumenpracht der Alpenflora im Gebiet der Hohen Veitsch.

So schön der Weg ist, umso schöner das Ziel. Wenn die Basilika Mariazell näherrückt und man es langsam wirklich begreift, dass man bald da ist, wird jeder ein wenig emotional, erzählt Karl Paar. „Ein paar Freudentränen kullern immer“, wenn die Stiegen zur Basilika erklommen sind. Dann noch Erinnerungsfotos vor dem Kirchenportal schießen, ein Gebet oder Gottesdienst beim Gnaden-altar, in der Kerzengrotte ein Licht entzünden, Wallfahrtsandenken besorgen und im Glück schwelgen, es geschafft zu haben.

AM WEG

Schloss Stainz: „Es lässt sich wenig Schöneres denken.“ So habe bereits Erzherzog Johann für das barocke Schloss im Herzen der Weststeiermark geschwärmt. Ursprünglich 1229 als Augustiner-Chorherrenstift erbaut, im Josefinismus säkularisiert, erwarb es 1840 der steirische Erzherzog. Heute ist es im Privatbesitz, als Hochzeitslocation buchbar und beherbergt ein Jagd- und Landwirtschaftsmuseum.

Basilika Mariatrost: 216 Stufen führen über die Angelusstiege zu der am Purberg nordöstlich von Graz in den Himmel ragenden zweitgrößten Wallfahrtskirche der Steiermark. Die Grazer nennen sie liebevoll ihr „Barockjuwel im Grünen“. Die „Trösterin der Betrübten“ gilt seit Jahrhunderten als Sehnsuchtsort vieler Pilgernder.
Veitscher Pilgerkreuz: Das weltgrößte begehbare Holzkreuz (40,7 m hoch, 22 m breit) ist innen künstlerisch gestaltet von Prof. Adolf Osterider und Heide Osterider-Stibor. In 27 m Höhe, wo sich die beiden Kreuzbalken treffen, befindet sich ein Aussichtspunkt mit Andachtsraum.

AM ZIEL

Basilika Mariazell: Inmitten der Gebirgslandschaft des nordsteirischen Alpengebietes auf einem Hang der Bürgeralpe liegt der zu den „Shrines of Europe“ zählende weltbekannte Wallfahrtsort Mariazell. Die Gründungslegende erzählt von Mönch Magnus, der von seinem Abt zur Seelsorge ausgesandt wurde. Als ein Felsblock ihm den Weg versperrte, betete er verzweifelt, bis sich dieser plötzlich spaltete. An seinem Ziel angekommen, baute der Mönch eine „Zelle“, wo er eine Marienstatue aufstellte. Dort steht heute der Gnadenaltar. Maria in der Zelle gab dem Ort seinen Namen. Die Gnadenstatue wird heute als Magna Mater Austriae, als große Mutter Österreichs, aber auch der Ungarn und Slawen verehrt.

Buchtipps

  • Österreich: Wallfahrten nach Mariazell von Reinhard Dippelreither, Conrad Stein Verlag.
  • Pilgerwege in Österreich von Roland Stadler, Verlag Anton Pustet Salzburg.
  • Pilgern mit der Bibel von Reinhard Stiksel, Tyrolia Verlag.
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SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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