Priester - Hobbys | Teil 12
An der Schwelle von zwei Welten leben

Mit Stanley-Messer und Schere. Eine Form, Bilder in Frage zu stellen.
  • Mit Stanley-Messer und Schere. Eine Form, Bilder in Frage zu stellen.
  • Foto: Gerd Neuhold, Sonntagsblatt
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Das SONNTAGSBLATT im Gespräch mit Hermann Glettler, Pfarrer von Graz-St. Andrä.

Ich musste mir die Frage stellen, ob ich neben meinem Volljob Pfarrersein auch ein Künstler unter vielen anderen sein möchte oder nicht primär die Restmenge von Zeit vermittelnd an der Schwelle von zwei Welten einsetzen sollte. Ich weiß, dass es viel Energie abverlangt, die beiden unterschiedlichen Zugänge zur Wirklichkeit miteinander in Berührung zu bringen.“ Das hat sich Hermann Glettler, Pfarrer von St. Andrä und Karlau in Graz, letztlich zum Ziel gesetzt, und durch diese Stromschnellen manövriert er in großem Respekt vor der Kunst auf der einen und der Kirche auf der anderen Seite. „Diese Gastfreundschaft zu leben und zu präsentieren, das sehe ich auch in der Diözese wesentlich stärker als meine Aufgabe an, als selbst künstlerisch tätig zu sein.“[/p]

Geweckt wurde das Interesse des jungen Hermann Glettler an der Malerei durch die spannende Kunsterziehung bei Luis Sammer im Bischöflichen Gymnasium. Während des Theologiestudiums in Graz versuchte er, einen intensiveren Kontakt zu Josef Fink aufzubauen, was ihm am Anfang nicht wirklich gelang. Deshalb ging er einmal ins Ausland. Erst auf der Kunstakademie in Stuttgart bei Rudolf Schoofs kam er zur regelmäßigen und eigenständigen Arbeit. Er wurde sich jedoch im Lauf der Zeit eher unsicher, was die eigene Malerei betraf, weil er meinte, sie sei so „unendlich reproduzierbar“. Mit Fotobearbeitungen, Überarbeitungen, Überkleben von vorgefundenem Bildmaterial und Ausschneiden geometrischer Formen aus Postern und Teppichen fand er einen konzeptuellen Zugang in der eigenen Kunstproduktion. Aber dafür bleibt wenig Zeit. In der Pfarre St. Andrä wird im Rahmen von „Andrä Kunst“ seit 1999 Kunst auch in den Kirchenraum und in die Liturgie mit einbezogen. In diesen Auseinandersetzungen steht nicht anerkannte Kirchenkunst im Vordergrund, sondern die Beschäftigung mit zeitgenössischer Kunst, auch wenn es dabei zu Spannungen kommt und sie nicht in eine Kirche zu passen scheint.

Was kann Kunst erreichen? Kunst hilft, wesentliche Fragen zu stellen. Sie reproduziert nicht einfach nur Antworten. Sie ermöglicht es, sich in einer ganz anderen Art auf das Leben in seiner Schönheit und Abgründigkeit einzulassen. Hier kommt zum Tragen, was Hermann Glettler mit „Provokation, Compassion und Transformation“ umschreibt. Provokation, damit wir lernen, mehr zuzulassen, als wir uns vorerst vorstellen können. Letztlich geht es darum, ein Gespür für das Anders-Sein Gottes zu entwickeln. Compassion meint ein Mitempfinden, ein Anteil-Nehmen an den Fragen und Wunden der heutigen Zeit. Und Transformation ereignet sich von selbst. Wenn die Seele berührt wird, reift sie und wächst.

Als Mitglied der Diözesanen Kunstkommission ist die Freude für den Künstler und Pfarrer schließlich immer dann am größten, „wenn es uns gelingt, qualitätsvolle Beispiele von Gegenwartskunst im kirchlichen Kontext zu realisieren. Aufträge, die auch tatsächlich vergeben werden, sind eine ernsthafte Nagelprobe, ob man die Arbeit von Kulturschaffenden auch wirklich ernst nimmt.“

Gisela Remler

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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