SONNTAG. Der Tag zum Leben | Teil 10
Alles für die Erbauung

Marc Chagall hat in seinem Bild „Shabat“ (1910) die Stimmung dieses Tages festgehalten. | Foto: IKF
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Ein Interview mit Sara-Ruth Schumann, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Oldenburg.

Frau Schumann, welche Bedeutung hat für Sie der Sabbat als wöchentlicher Tag der Unterbrechung?
Ich denke, der Schabbes (jiddisch für Sabbat) ist im Hinblick auf Regeneration und Erneuerung das Beste, was die jüdische Religion zu bieten hat. Dieser wöchentlich wiederkehrende hohe Feiertag, an dem man innehält und – wie wir das nennen – sich Gottes heiliger Zeit bewusst wird, ist mir sehr wichtig geworden.

Wie bereiten Sie den Sabbat vor?
Das ist nach Fest und Jahreszeit verschieden. Meist herrscht bis Freitag Mittag eine große Hetze, bis das Haus fertig ist, die Einkäufe getätigt sind und das Abendessen gerichtet ist. Der Schabbes beginnt am Freitag Abend mit dem Sonnenuntergang. Im Winter, wenn es früh dunkel wird, haben wir noch weniger Zeit, alles vorzubereiten.

Wie gestalten Sie Freitag Abend und Samstag?
Wenn kein Gottesdienst in der Synagoge stattfindet – wir haben hier in Oldenburg nur alle 14 Tage Gottesdienst –, wird am häuslichen Tisch „Kabbalat Schabbat“ (Empfang des Sabbats) gefeiert. Dazu lade ich meistens Gäste ein, und wir begrüßen den Schabbes fröhlich in großer Runde. Zunächst werden die Lichter entzündet, der Segen über Brot und Wein wird gesprochen, und dann haben wir ein schönes Schabbes-Essen. Wir unterhalten uns und sind einfach beieinander – mit Freunden, mit der Familie, eben in dem Kreis, der zusammenkommt. Schabbesmorgen genießen wir ein schönes Frühstück. Wenn wir keinen Gottesdienst haben, werden die Gebetszeiten zu Hause eingehalten. Wie an jedem anderen Tag gibt es drei Gebetszeiten: morgens, mittags und abends. Die Besonderheit der Gebete am Schabbes ist, dass die Bitten wegfallen und stattdessen der Dank steht. Das Trauern ist an diesem Tag ebenfalls in den Gebeten verboten.
Der Schabbes ist dann ein Tag der Ruhe für all das, was man gerne tut. Ich musiziere gern, spiele Querflöte, ich lese, gehe gern schwimmen, ich unternehme Dinge mit meiner Familie, mit Freundinnen und Freunden. Ich würde nicht in die Stadt gehen und einkaufen. Ich würde keine große Wäsche waschen oder sonstige Arbeit tun. Alles, was der Erbauung dient, ist schön – und das tue ich am Schabbes. Am Abend des Schabbes findet dann die Havdala-Zeremonie statt – Havdala heißt Trennung –, die den Feiertag von der neuen Woche unterscheidet. Sie findet in der Vorfreude und der Gewissheit statt, dass der nächste Schabbes kommt.

Der Samstag ist für viele der Haupteinkaufstag. Ist es da schwer, den Sabbat zu halten?
Es ist ein gegen den Strom gelebter Tag in diesem Land. Für mich ist es immer erstaunlich, die Hektik zu sehen, wenn ich am Schabbes aus der Synagoge komme. Sie erschreckt mich, weil ich meine, alle Menschen müssten den Tag heute so sehen wie ich. Ich bin manchmal traurig, weil viel verloren geht. Es ist wichtig, einen Tag zu haben, den man weder mit Trauer noch mit Geschäftigkeit oder finanziellen Dingen belastet, sondern einfach einen Tag frei von Zwecken sein lässt. Nicht weil die Geschäfte geschlossen sind und ich nichts anderes tun kann, sondern weil ich freiwillig sage: Nein!

Wie sieht der Sabbat in Ihrer Gemeinde aus?
Alle, die religiös leben, halten den Schabbat ein. Wir in der Gemeinde versuchen unseren Kindern und unseren neuen Mitgliedern aus der ehemaligen Sowjetunion zu vermitteln, welche Wertigkeit dieser Tag hat. Die Entscheidung, ob jemand den Schabbes hält oder nicht, trägt jeder allein, obwohl es uns aufgegeben und geboten ist. In unserer nicht-orthodoxen Gemeinde beten Frauen am Schabbes genauso und werden zur Toralesung aufgerufen. Wir haben eine Frau als Rabbinerin, die uns Gottesdienste organisiert. Viele Mitglieder der Gemeinde übernehmen Teile des Gottesdienstes.

Was tun Sie eigentlich am Sonntag?
Der Sonntag ist für mich der Beginn der Woche. Ich nutze diesen Tag, um zu bügeln, Papiere zu ordnen oder Schreibarbeiten zu erledigen. Man muss in einer christlichen Umwelt nicht unbedingt am Sonntag Rasen mähen und die Wäsche raushängen. Man kann sich sehr wohl mit Dingen beschäftigen, die kein Ärgernis für Andersgläubige sind.

Welchen Impuls gibt der Sabbat der Gesellschaft?
Hätten wir alle einen solchen Tag in der Woche, dann bräuchten wir die ganzen Meditationskurse nicht. Am Sabbat ist Zeit, sich zu besinnen: Was ist gewesen, was kann werden, und wie kann es weitergehen? Ein solcher Tag, den der Mensch für sich selbst und für Gott hat, bringt der Seele und dem Miteinander viel Gutes.

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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