In 3195 m Seehöhe: Tiroler Sonntag
Eine Kapelle über dem Abgrund

Die zerklüfteten Gletschermassen des Übertalferners und etliche, bekannte Bergspitzen wie Wilder Freiger, Pfaff und Zuckerhütl vervollständigen das raue und dennoch wunderschöne Hochgebirgspanorama. Schier unglaublich waren Leistung und Idealismus jener, die diesen Bau vor 125 Jahren ermöglicht haben und die mehr als 25 Tonnen Baumaterial über 1.800 Höhenmeter von Meiern aus, am Talschluss von Ridnaun (Südtirol), mit Leibeskraft hinaufbeförderten. Ein Wunder, dass die Bauphase ohne nennenswerten Unfall bewältigt wurde. 
Die Errichtung stieß zur damaligen Zeit in eine neue Dimension vor, die mit keiner anderen im Alpenraum erbauten Schutzhütte vergleichbar war. Aus diesem Grund richtete die sich für den Bau verantwortlich zeichnende Sektion Hannover ein Gesuch an Kaiser Franz Josef I., ob es ihnen gestattet sei, das Haus nach „Ihrer Majestät Kaiserin Elisabeth“ zu nennen. Der Name Becherhaus hielt also erst später Einzug.

Maria im Schnee.
Die heute 100 Betten fassende Hütte beherbergt eine der höchstgelegenen Kapellen in den Alpen. Ursächlich für den sakralen Bau namens „Maria im Schnee“ war der Wunsch der Bergführer, dass sie sonntags nicht den beschwerlichen Abstieg ins Tal auf sich nehmen mussten, sondern einen Pfarrer über den Sommer hinweg zahlen konnten, der ihnen die Messe las. Genutzt wird die Kapelle auch heute noch. Dass eine Hochzeit stattfindet, ist eine sehr seltene Ausnahme. Dies ist hauptsächlich der Wetterunsicherheit und der damit
verbundenen Lebensmittelplanung geschuldet, sowie dem anfallenden Extraaufwand, der zusätzlich zu einer speziell an Wochenenden voll ausgelasteten Hütte anfällt.

Minzeblätter für die Hochzeit.
Zwei Tage nach meinem Besuch auf dem Becherhaus war eine dieser glorreichen Ausnahmen für ein befreundetes Paar des Pächters. Eine Kellnerin versuchte noch Minzeblätter für den Aperitif zu organisieren – ein schwieriges Unterfangen, wenn man auf Lebensmittellieferungen durch den Helikopter angewiesen ist. Leider war es vergebens, denn wie ich später erfuhr, musste der „Hugo“ ohne grüne Note im Glas auskommen.
Unglücklicherweise bewahrheitete sich die Wetterunsicherheit wieder einmal: Schneefall und schlechte Sicht hätten die Trauung nämlich fast vereitelt. Eine Hochzeitsnacht mit Haube, doppelter Bettdecke und Wärmflasche ist für viele vermutlich nicht sehr reizvoll, etwas Besonderes ist es aber allemal.

Aushilfe aus Matrei.
Sigrid Plank, Volksschullehrerin in Matrei am Brenner, verbringt heuer bereits den 13. Sommer als Aushilfe am Becherhaus. Sie erzählt mir von den gelegentlichen Messen in der Kapelle, wenn sich zufällig ein Pfarrer unter den Bergsteigern findet und den vorhandenen Messgewändern Leben einhaucht. Heuer war dies bereits zwei Mal der Fall.

Die Messen seien stets etwas Spezielles hierauf über 3000 Meter, meint Sigrid – nicht nur wegen des Ambientes, sondern auch, weil die Priester einen etwas anderen Zugang haben als im Tal.
Die Holzbänke in der kleinen, liebevoll eingerichteten Kapelle seien bei solchen Messfeiern dicht gefüllt – das geschlossen teilnehmende Personal vom Becherhaus reiht sich neben die Bergsteiger. Warm eingepackt
sind sie alle, denn sogar an sonnig angenehmen Tagen ist es drinnen sehr kühl.  
Hin und wieder wird das holzvertäfelte Innere zudem noch von den melodischen Klängen des Harmoniums erfüllt, wenn sich gerade ein Klavierspieler unter den Messbesuchern befindet. So geschehen beispielsweise heuer, als sich eine Wanderin der Tasten und des Blasebalgs des Instruments annahm.
In Gedanken an diese Messe kommt Sigrid ins Lachen: Die geweihten Hostien, die an diesem Tag verwendet wurden, hätten derart „getebelet“, dass nach dem Gottesdienst für alle ein Stamperle Schnaps ausgegeben worden sei.

„Vermissen tu ich nix".
Eine Messe zum besonderen Jubiläum fand übrigens vor wenigen Wochen statt, als 125 Jahre Becherhaus gefeiert wurden. Zum Abschluss fragte ich Sigrid noch, ob es etwas gibt, das ihr während der Sommer hier heroben fehlt. „Nein, vermissen tu’ ich nichts“, meint sie, fügt aber nach kurzer Pause hinzu: „Ich freu’
mich nach der Zeit am Becherhaus aber immer auf das Grün der Wiesen im Tal, denn hier ist es halt durch Schnee und Felsen vorwiegend weiß, grau und schwarz.“

Autor:

Elisabeth Wimmer aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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