heilsam sprechen - Teil 3
Zweifel macht den Menschen menschlich

Unterwegs nach Emmaus. Gemälde von Janet Brooks Gerloff (1992), in der Klosterkirche von Kornelimünster, Deutschland. Der Auferstandene, unterwegs mit den Zweifelnden.
© BILDRECHT, WIEN, 2016
  • Unterwegs nach Emmaus. Gemälde von Janet Brooks Gerloff (1992), in der Klosterkirche von Kornelimünster, Deutschland. Der Auferstandene, unterwegs mit den Zweifelnden.
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Der Zweifel gehört zum Leben. Zweifel macht den Menschen menschlich. Solange der Mensch zweifelt, macht er sich auf den Weg, sucht er weiter nach der Wahrheit und nach dem Leben.

Die Menschlichkeit des Zweifels kommt in dem Gedicht von Erich Fried schön zum Ausdruck:

Zweifle nicht
An dem
Der dir sagt
Er hat keine Angst.

Aber hab Angst
Vor dem
Der dir sagt
Er kennt keinen Zweifel.

Wer meint, er würde keinen Zweifel kennen, erhebt sich über sein Menschsein. Solange wir leben, zweifeln wir. Aber es kommt darauf an, durch den Zweifel hindurch immer wieder zum Glauben zu gelangen.

Der Zweifel gehört zum Leben. Wir zweifeln oft, ob wir richtig liegen, ob wir den rechten Weg gehen. Wir zweifeln vor einer Entscheidung, was die richtige Entscheidung ist. Und Zweifel gehört wesentlich zum Glauben. Manchmal klagen sich alte Leute im Beichtstuhl an, dass sie am Glauben gezweifelt haben. Doch der Glaubenszweifel zwingt uns, zu unterscheiden zwischen den Bildern, die wir uns von Gott gemacht haben, und dem wahren Gott, der letztlich immer der ganz andere und unbegreifliche Gott ist.

Der Glaubenszweifel bewahrt mich davor, mich in Sicherheit zu wiegen. Und er bewahrt mich davor, mich über andere zu stellen. Die Zweifel laden mich ein, solidarisch mit all den Ungläubigen zu werden. Denn meine Zweifel zeigen mir, dass auch in mir Unglauben ist. Wenn ich ihn umarme, verliert er seine destruktive Kraft.

Im Beten zweifeln. Beim Beten und Meditieren kommen mir manchmal Zweifel hoch: „Ist das alles nur Einbildung? Machst du dir deine Theologie zurecht, damit du dich besser fühlst und besser mit deiner Angst vor dem Tod und mit deiner Einsamkeit zurechtkommst?“ Ich lasse dann diese Zweifel zu und sage mir: „Ja, es kann sein, dass alles Einbildung ist. Aber wenn alles nur Einbildung ist, dann können wir letztlich gar nichts erkennen. Dann ist alles absurd.“

Wenn ich die Zweifel zu Ende denke, dann steigt in mir eine tiefe innere Gewissheit auf: „Ich traue der Bibel, ich traue der hl. Teresa, dem hl. Augustinus, der hl. Edith Stein. Ich setze auf diese Karte.“ Dieser Zweifel gehört zu unserem Beten. Aber es gibt auch Menschen, die verzweifelt sind, die keine Hoffnung mehr haben, weil sie zu viele Schicksalsschläge erlebt haben.

Hoffen mit Verzweifelten. Raten heißt nicht: einen Ratschlag geben. Schon im Wort Ratschlag steckt etwas Aggressives. Rat ist ursprünglich der Hausrat, das, was ich zum Leben brauche. Einen Rat zu geben heißt, letztlich den andern in Berührung zu bringen mit dem inneren Vorrat an Weisheit, den er in seiner Seele hat, ihn seine innere Quelle spüren zu lassen, aus der er schöpfen kann, wenn er in Zweifel gerät.

Wenn aber einer verzweifelt ist, können wir ihm keinen Rat geben. Ich kann nur seine Verzweiflung aushalten und trotzdem an der Hoffnung für ihn festhalten. Ich hoffe auf ihn und für ihn. Das kann ihm helfen, dass er mitten in seiner Verzweiflung einen Grund der Hoffnung findet, auf dem er wieder fest stehen kann.

 

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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