Sehnsucht. Herbstserie 2016 | Teil 06
Wenn es nicht so geht, dann schimpfe ich auch

Wo alles sein kann. In der Stille der Franziskanerkirche hat für Brigitte Maier alles Platz: bis hin zu bösen, wütenden Gedanken – oder auch gar keinen Gedanken. | Foto: Neuhold
  • Wo alles sein kann. In der Stille der Franziskanerkirche hat für Brigitte Maier alles Platz: bis hin zu bösen, wütenden Gedanken – oder auch gar keinen Gedanken.
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Nach einem Unfall, bei dem Brigitte Maier im Jahr 2000 aus dem Rollstuhl gestürzt ist, war sie drei Tage lang bewusstlos. „Damals stand bei mir wirklich alles auf der Kippe. Ich hatte das Gefühl, mich in einem finsteren Tunnel auf ein Licht zuzubewegen. Ich bin in dieser Situation nicht Jesus begegnet, sondern Gott.“

Seither hat sie sich immer stärker angewöhnt, mit Jesus von Angesicht zu Angesicht zu sprechen, wenn sie mit Dingen und Situationen nicht zurechtkommt. Wobei es dabei nicht immer nur freundlich zugeht, wie es beim Gespräch mit einem guten Freund schon einmal sein kann. „Natürlich danke ich für vieles, aber wenn etwas nicht so geht, wie ich es gerne hätte, komme ich auch mal in Clinch mit Jesus.“ Sie fragt Jesus dann, warum muss das gerade jetzt so sein und kann nicht anders, besser laufen. „Mein zweiter Name ist ,Frau Ungeduld‘“, sagt die 48-Jährige lachend, „mir geht oft alles zu langsam.“

Trotz ihrer Einschränkung, Folge eines Sauerstoffmangels bei der Geburt, führt sie heute ein sehr selbstständiges, selbstbewusstes Leben. Eine Ausbildung zur angelernten Bürokauffrau in Linz war wohl der Grundstock für ihre berufliche Tätigkeit. 13 Jahre lang arbeitete sie bei der Arbeitsberatung der Chance B in Gleisdorf. Nach einer Pause fragte sie bei der Caritas, ob sie im Zusammenhang mit MOHI (Mobile Hilfe) die Stelle als Peerberaterin übernehmen könne. Im Rahmen dieser Tätigkeit berät sie Menschen mit Einschränkungen zu verschiedenen Fragen der Leistungen nach dem Steirischen Behindertengesetz. Politisch war Brigitte Maier seit jeher sehr engagiert. Nun macht sie eine Ausbildung zur Lebens- und Sozialberaterin.

Das Gebet erschloss sich ihr immer stärker ab 2013, als sie nach dem Tod ihres Großvaters den Kontakt zum Orden der Franziskaner in Graz fand. Sie ist auch heute immer noch sehr gern allein in der Kirche, kann dort Ruhe finden und sich vertiefen. „Da kann einfach alles sein: Stille, Ruhe, Nachdenken, bewusstes Denken genauso wie böse, verletzende, wütende Gedanken oder gar keine Gedanken und nur die Erfahrung der Leere, es hat alles Platz.“ Beim einmal im Monat stattfindenden Taizégebet spielt die Erfahrung der Stille eine große Rolle. Diese Dimension auszuhalten war für Brigitte Maier anfangs nicht ganz einfach, aber es wird immer leichter. „Ins stille Gebet ohne Worte muss man hineinwachsen, das dauert. Ich muss mich als hektische Person dann erst einmal herunterholen, das ist nicht immer ganz einfach.“

Momente, wo das einfach nicht gelingt, kommen vor, stellen aber kein Problem dar, man müsse es eben wieder versuchen. „Manchmal spüre ich, jetzt geht es nicht, aber schon zehn Minuten später kann es funktionieren. Es gelingt mir im Lauf der Zeit, immer mehr Rituale zu entwickeln, die mich stärken.“ Manchmal beim Abend- und Morgengebet zeigt sich das tiefe Vertrauen, das Brigitte Maier in die Zuwendung des Höchsten hat: „Ich bitte Jesus dann, er soll mir ein passendes Gebet geben, und schlage das Gotteslob auf. Weiß ich nicht mehr weiter, ruf ich Gott an. Tun Sie es doch auch!“

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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