Advent mit Anselm Grün - Teil 2
Wenn es einmal 
ganz still wäre

 

Advent ist die Zeit, in der wir mit unserer Sehnsucht in Berührung kommen. Wenn ich mich im dunklen Zimmer vor eine brennende Kerze setze und ihr mildes Licht in mein Herz fallen lasse, dann spüre ich in mir die Sehnsucht nach Geborgenheit, nach Heimat. Es ist sicher auch die Sehnsucht nach der verlorenen Kindheit. Aber letztlich ist es die Sehnsucht nach dem, was wir als Kinder als Heimat erahnt haben.

Ernst Bloch hat am Ende seines großen Werkes „Prinzip Hoffnung“ eine schöne Defini­tion von Heimat gegeben. Heimat ist für ihn, „das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war“.

 

Wir verbinden Heimat mit unserer Kindheit. Aber die Kindheit ist nicht mit der Heimat identisch. Vielmehr leuchtet etwas in die Kindheit hinein, was den Geschmack der Heimat hat. Heimat ist für Bloch nie nur etwas Vergangenes, sondern etwas, was in die vergangene Kindheit hineinleuchtet, was uns aber erst in der Zukunft erwartet. Denn niemand war schon in dem, was wir Heimat nennen. Heimat ist somit eine Utopie, ein Nicht-Ort, den wir aber gerne mit den Orten unserer Kindheit identifizieren. Die deutsche Sprache sagt uns, dass die Heimat immer auch mit dem Geheimnis zu tun hat. Daheim sein kann man nur, wo das Geheimnis wohnt.

 

In der Adventzeit kommen wir mit unserer Sehnsucht nach dem Geheimnis in Berührung. Heute beobachten wir viele Süchte, nicht nur die Alkohol- oder Drogensucht, sondern auch Arbeitssucht oder Beziehungssucht. Sucht ist immer verdrängte Sehnsucht. So wäre die Adventzeit die Zeit, unsere Süchte wieder in Sehnsucht zu verwandeln. Aber dazu braucht es Zeiten der Stille, in denen wir der Sehnsucht nachspüren.

 

Sich von den Weihnachtsliedern am Weihnachtsmarkt beschallen zu lassen, weckt zwar in uns die Sehnsucht. Aber sie bleibt so vage und unbestimmt, dass es uns nicht guttut, sondern nur einlullt. Um die Sehnsucht zu spüren, braucht es Zeit, braucht es den Raum der Stille. Wir nennen die Adventzeit die stille Zeit. Es wäre gut, wenn wir uns die Stille gönnen. Dann könnte die Adventzeit eine heilende Zeit sein, eine Zeit, die unsere Sucht wieder in Sehnsucht verwandelt. Rainer Maria Rilke hat seine Sehnsucht nach der Stille so ausgedrückt:

„Wenn es nur einmal so

ganz stille wäre.

Wenn das Zufällige und Ungefähre

verstummte und das

nachbarliche Lachen.“

 

Ja, was könnte da geschehen, wenn es in diesen Tagen in uns und um uns ganz still wird? Dann könnten wir die Sehnsucht in uns spüren, dass Gott uns wahre Heimat schenkt, dass uns das Geheimnis Gottes aufgeht und unser eigenes Geheimnis.

 

 

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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