Sonntag -
Teil 20: In Zeit und Raum

Die Göttliche Liturgie der Ostkirche ist reich an prachtvollen liturgischen Zeichen.
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Die Entwertung des Sonntags

Die Versammlung „am achten Tag“ zum sakramentalen „Gedächtnis“ des Todes und der Auferstehung des Herrn ist die Versammlung schlechthin. Denn die Auferstehung des Herrn ist dasjenige Ereignis, durch das das Reich Gottes in die Weltzeit einbricht. Die Versammlung „am achten Tag“ ist Selbstvollzug der Kirche wie nichts sonst. Mit dem „achten Tag“, dem „ersten nach dem Sabbat“, wie es im Johannesevangelium heißt, geht die Kirche über die Zahl der sieben geschöpflichen Wochentage hi-naus. Dieser achte Tag ist der erste, das heißt ein Tag, der den Tagen der vergänglichen Zeit dieses Äons nicht mehr zugezählt wird, weil er wie die Auferstehung selbst jener neuen Zeit zugehört, die in der griechischen Sprache der Heiligen Schrift nicht mehr „chronos“, sondern „kairos“ genannt wird. Der Evangelist Lukas bezeugt uns in der Apostelgeschichte: „Als wir am ersten Tag nach dem Sabbat zusammengekommen waren, um das Brot zu brechen…“ (Apg 20,7) Dieser Tag gehört dem Herrn so exklusiv, dass er der „Herrentag“, „kyriake hemera“ (Offb 1,10) genannt wird. Mit derselben Exklusivität heißt ja auch das Mahl, das an diesem Tag vollzogen und gefeiert wird, das „Herrenmahl“, „kyriakon deipnon“ (1 Kor 11,20). Die Exklusivität des einen gehört mit derjenigen des anderen zusammen.

Die „Versammlung“ am Sonntag verleiht unserem Leben die Signatur der Auferstehung. Der Sonntag ist der Anfang und nicht das Ende der Woche. Der Sonntag tauft die Zeit (die Woche) im Mysterium der Auferstehung. Er ist die Quelle, aus der die Weltzeit erneuert als Zeit der Reiches hervorgeht. Die „Versammlung“ des Herrentags macht unsere vergehende, vergängliche und verfallende Zeit zu einer Zeit des Anfangs, der Erneuerung und der Auferstehung. In dieser Perspektive der Kirche ist die „Versammlung“ des Sonntags nicht etwa eine singuläre, insulare, abgehobene Veranstaltung am Rand unseres von Stress und Aktionismus erfüllten wöchentlichen Alltags, sondern jener alles überragende und formende Anfang, der uns die ganze Zeit der Woche von neuem schenkt. Der Ruf des Priesters „Lasset uns ziehen in Frieden!“ macht unsere existenzielle Zeit zu einer Prolongation jener neuen Zeit des Reiches in der verborgenen Gegenwart des erhöhten Herrn, die damit beginnt, dass der Auferstandene in die Mitte seiner Jünger getreten ist und ihnen den Frieden und den Heiligen Geist gespendet hat. Unsere „Versammlung“ am achten Tag ist im Kern die Anteilnahme an diesem Frieden und an dieser Erneuerung des ganzen Daseins in Christus, dem neuen Adam.

Unsere Zeit hat aus dem Sonntag, den der heilige Kaiser Konstantin der Große zum Feiertag bestimmt hat, einen Appendix der Werktagswoche gemacht, die natürlich mit dem Montag beginnt. Die säkulare, profane Wertung der Zeit hat die Dinge, verglichen mit der Ordnung der Kirche, auf den Kopf gestellt. Der Anfang ist zum Ende, das Verbindliche ist zum Beliebigen geworden. Diese Profanierung der Zeit und die Entwertung des Sonntags hat sich bereits tief in unser Unterbewusstsein eingegraben.

Aber die „Versammlung“ am Herrentag ist unsere erste und wichtigste Handlung. Sich nicht versammeln heißt: sich der Gemeinschaft mit Christus und seinem Leib, der Kirche, zu entziehen; heißt: sich zu exkommunizieren. Andererseits gilt: Durch die „Versammlung“ räumen wir Christus die „Mitte“ unseres Lebens ein. Christus Seinerseits versammelt uns, indem Er in unsere Mitte tritt, und befähigt uns zur „Teilnahme“, zur „Kommunion“.

Das Nicht-Kommen ist eine implizite Negation der Auferstehung. Mit unserer Indifferenz gegenüber der Göttlichen Liturgie des Sonntags machen wir die Kirche selbst zu einer profanen Angelegenheit, zu etwas, das in unser Belieben gestellt ist.

 

Klerus und Gläubige

Die Schultheologie beschreibt die Eucharistiefeier als einen öffentlichen Gottesdienst, der in Anwesenheit einer Gruppe von Gläubigen vollzogen wird. Diese Beschreibung setzt voraus, dass die Göttliche Liturgie in ihrem Kern eine Handlung der Kleriker ist, der die „Gläubigen“ lediglich beiwohnen. Bei diesem Konzept ist von Versammlung, Synaxis, nicht mehr die Rede. Der Klerus „dient“, und die Gläubigen „beten“. Die „aktive“ Teilnahme an der Liturgie ist den „Geweihten“, den „Initiierten“ vorbehalten, während die Gläubigen, die „Ungeweihten“, „nicht Initiierten“ passiv bleiben. Vater Alexander Schmemann spricht in diesem Zusammenhang schonungslos von der „Exkommunikation“ der Laien.

Die Liturgie selber spricht dagegen eine ganz andere Sprache. Fast alle Gebete, die der Priester spricht, werden ausdrücklich „für uns“ gesprochen und beziehen sich auf die ganze Versammlung. Alle Teile der Göttlichen Liturgie beginnen mit dem wechselseitigen Friedenszuspruch: „Friede sei mit Euch! – Und mit Deinem Geist!“ Nicht die Beziehungslosigkeit, sondern die Beziehung zwischen dem Volk und dem Priester strukturiert die Liturgie. Beide sind zusammen und füreinander die Konzelebranten. Die Tradition bestimmt den Priester als den „pro-istamenos“, als den Vorsteher der Versammlung, deren Teil er auch selbst ist. Die Konzele­b-ranten sind also nicht die Priester am Altar, sondern der Priester und das Volk. So sagt auch die Anaphora der Chrysostomusliturgie unmissverständlich: „Wir danken Dir auch für diese Liturgie, die Du aus unseren Händen anzunehmen Dich gewürdigt hast.“

Erzpriester Peter Sonntag

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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