2017 - Serie zum Lutherjahr -
Schritte zu einem Miteinander

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Von 1938 bis 1945 verliert die Pfarrgemeinde Heilandskirche allein 2459 Mitglieder. Der Grazer Protestantismus wird damals von dem aus Sachsen-Anhalt gebürtigen Pfarrer Dr. Friedrich Ulrich (1877–1944) durch fast drei Jahrzehnte geprägt. Er war als begnadeter Seelsorger eine Vaterfigur, aber auch überzeugter Nationalsozialist.

Ein anderes Beispiel ist hingegen die erste evangelische Theologin von Graz, Dr. Margarete Hoffer (1906–1991), die als Vikarin im Widerstand von 1938 bis 1945 in Deutschland wirkt und Juden zur Flucht verhilft. Ein Hörsaal auf der Grazer katholischen Fakultät ist sogar nach ihr benannt. Eine bemerkenswerte Geste.

 

Die zweite Republik

Die Verfolgung und Unterdrückung beider Kirchen durch die Nationalsozialisten haben diese nach dem Zweiten Weltkrieg einander etwas näher gebracht. Die einsetzenden Flüchtlingsströme vor allem der „Volksdeutschen“ heben die Mitgliederzahlen auch der evangelischen Kirche wieder an, so dass in den sechziger Jahren zwei weitere Pfarrgemeinden entstehen: Graz-Nord in Andritz und Graz-Liebenau im Süden. Nun sind es fünf. Die 1947 eingerichtete Superintendenz A. B. ist seither von 21 auf insgesamt 32 Gemeinden angewachsen. Schließlich erlangt die evangelische Kirche in Österreich durch das Protestantengesetz 1961 die volle Souveränität.

Die volle Gleichstellung von Mann und Frau in evangelischen kirchlichen Ämtern setzt sich danach allmählich durch, weil die evangelischen Theologinnen nicht locker lassen. Heute sind Frauen in der evangelischen Kirche viel sichtbarer als noch vor 30 Jahren. Pfarrerinnen, Superintendentinnen oder Bischöfinnen sind mittlerweile selbstverständlich geworden. Derzeit gibt es in der Steiermark auf alle Landesteile verteilt sechs Pfarrerinnen. In der Grazer Heilandskirche wirken zuletzt drei Pfarrerinnenpersönlichkeiten: Anne Strid, Christa Schrauf und Ulrike Frank-Schlamberger.

 

Gegenwart

Die Zahl der Evangelischen erreicht laut Volkszählung 1961 einen Höchststand von 21.200. Das ist ein Anteil an der Grazer Bevölkerung von etwa 9%. Nach 1971 ist ein Rückgang zu verzeichnen, der schließlich zu einem Absinken der Zahl an Evangelischen in Graz auf 14.000 laut Volkszählung 2001 führt, der letzten, in der noch das Religionsbekenntnis erhoben wurde.

Positiv wahrgenommen wird heute von den Grazer Protestanten die Entwicklung eines guten ökumenischen Klimas hierzulande. Wir gehen am Beispiel unserer Doppelwendeltreppe von Kaiser Maximilian I. zuweilen zwar in eine andere Richtung, kommen aber wieder zusammen und erreichen so gemeinsam das nächsthöhere Stockwerk. Irgendwann und irgendwie werden wir vielleicht so „im Himmel“ ankommen. Unsere Kirchen haben dazu erstaunliche Schritte vom Gegeneinander über ein Nebeneinander zu einem Miteinander getan.

Ernst Burger, Geschichte und Geschichten des Grazer Protestantismus, Vortrag am 12. Mai 2017 in der Herz-Jesu-Kirche Graz (Auszug).

 

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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