seelenstark - Teil 5
Schon damals: Vielfalt und Macht im Streit

Teresa wusste sich von Gott gerufen. Darauf beruhte ihr „Selbstbewusstsein“.
  • Teresa wusste sich von Gott gerufen. Darauf beruhte ihr „Selbstbewusstsein“.
  • Foto: Foto: Loci Lenar/Teresa-
mausoleum Summit, New Jersy
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Anna Findl-Ludescher

 

Die Zeit, in der wir leben, ist unsere Zeit, ist „die richtige Zeit“, die, die uns aufgegeben ist. Wir sind gerufen, Zeitgenoss(inn)en zu sein, heute zu leben, nicht gestern, nicht morgen. Ein Leben ist immer nur verstehbar, wenn man die Bedingungen kennt, die dieses Leben prägen (Gesellschaft, Politik, Kirche, Familie). So ist es auch bei Teresa von Avila. Sie lebte im 16. Jahrhundert, und nur in diesem Kontext ist ihr Leben, ihre Lehre verstehbar.

Heute und gestern. Wenn wir etwas von Teresa lernen wollen, dann ist es notwendig, ihre Zeit etwas kennen zu lernen. Ich war überrascht darüber, welch interessante Parallelen es gibt zwischen dem 16. Jahrhundert und unserer Zeit heute. Etwas ist besonders auffällig: Damals wie heute gibt es starke, gegensätzliche Gruppierungen, die das Gesicht der Kirche prägen. Ich werde die vier Strömungen zur Zeit Teresas vorstellen, in Gedanken können Sie die Parallelen zur Gegenwart ziehen.

Die Alumbrados sind eine Bewegung, die größtenteils aus Laien besteht. Viele unter ihnen sind Neubekehrte. Getragen sind sie von der Überzeugung, dass alle Menschen von Gott zum geistlichen Leben, mehr noch, zur geistlichen Vollkommenheit berufen sind. Entscheidend ist nur die Liebe zu Gott und das persönliche Gebet. Die kirchliche Lehre und die theologische Bildung haben keine besondere Wichtigkeit, überzeugender sind für sie persönliche Glaubenserfahrungen und die Ausstrahlung von einzelnen, besonders charismatischen Personen. Oft waren dies bei den Alumbrados Frauen.

Die Erasmianer sind auch zum großen Teil Laien, jedoch durchwegs sehr gebildete Leute. Sie werfen einen kühlen, sehr kritischen Blick auf alle Vorgänge in Theologie und Kirche. Die Praktiken der Volksfrömmigkeit, aber auch beispielsweise die Lebensweise der Mönche sind Ziele ihrer treffsicheren Kritik. Auch die Denk- und Arbeitsweise der Theologen wird kritisiert, sie hält ihren Vorstellungen von Wissenschaft nicht stand.

Die Scholastiker sind eine Gruppe von gebildeten Menschen, jedoch sind es hier die Priester, mit kirchlicher Autorität ausgestattet. In ihrer Sicht ist die heilige Lehre nichts für das gemeine Volk. Nur die Priester, die (scholastische) Theologie studiert haben, können und sollen entscheiden, welche Gebete gut für das Volk sind, welche Verkündigung angemessen und hilfreich ist. Konsequenterweise misstrauen sie allen Laien, die über geistliche Erfahrungen und theologische Themen sprechen und schreiben.

Die Mystiker. Und dann gibt es noch eine vierte Gruppe, die die Kirche dieser Zeit sehr prägt: die geistlichen Schriftsteller und Mystiker. Dazu gehören Priester, Laien und Ordensleute. Sie schreiben auf Spanisch, sie wollen der Bildungssehnsucht der Menschen (besonders der Frauen) geistliche Nahrung geben. Sie bleiben in der Kirche verwurzelt, kritisieren „nur“ die Missstände, nicht das ganze System, bestärken die Gläubigen aber darin, ihre eigene Erfahrung, das persönliche Gebet zu pflegen und ernst zu nehmen. Zu ihnen sind neben anderen Teresa oder Johannes von Kreuz, mit dem sie eng verbunden war, zu zählen.

Mit Macht. Diese vier Gruppen sind im Widerstreit, in Spannung, aber sie bieten doch auch ein vielfältiges, buntes Bild von Kirche, in der ganz verschiedene Menschen ihren Platz finden können. Aber es bleibt nicht bei diesem Wechselspiel der Vielfalt: eine Gruppe, es sind die Scholastiker, bekommt die Überhand. Die Scholastiker werden zu Richtern über alle anderen – auch mit den Mitteln der Inquisition: Bücher werden verbrannt, Menschen verfolgt und gefoltert, Samen des Verdachts werden überall gesät, und sie gedeihen.

Es ist diese „geistige Wende“ ab ca. 1560, von der Teresa sagt, es seien „tiempos recios“, „sehr schwere Zeiten“. Ihr selbst werden aus ihrem Zimmer Bücher genommen und verbrannt. Sie konnte kein Latein und war deswegen überglücklich über eine spanische Ausgabe (von Teilen) der Bibel und über manche geistliche Bücher. All das wurde ihr genommen. In ihrer Autobiographie schreibt sie über diesen Moment: „Da sagte der Herr zu mir: ‚Sei nicht betrübt, denn ich werde dir ein lebendiges Buch geben‘“ (V 26,5).

Mit Vorsicht und Treue zu sich. Trotz dieser misslichen und bedrohlichen Umstände schreibt Teresa weiterhin. Ihre Mitschwestern und viele andere drängen sie dazu. Sie schreibt vorsichtiger, bittet immer befreundete Theologen um Durchsicht.

Sie baut manche Hinweise ein, die der scholastischen Kontrolle wichtig sind, macht sich selbst klein, indem sie sich als „unwissendes Weib“ tituliert, die „Überflüssiges und auch Ungereimtes“ schreibt (Innere Burg I, 2). Sie betont immer wieder, dass sie sich in allem dem Urteil der heiligen, römischen, katholischen Kirche unterwirft – aber in einem gibt sie nicht nach: Selbstbewusst betont sie, ihre eigene Erfahrung sei die eigentliche, die wichtigste Quelle für alles: „Ich werde nichts sagen, was ich nicht aus Erfahrung von mir oder anderen weiß oder vom Herrn im Gebet zu verstehen gegeben bekam“ (CE Prolog 3).

 

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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