Christentum - Ein Reiseführer - Etappe 057
Rückzugsstrategien

Das I. Vatikanische Konzil begann 1869 und wurde 1870 auf unbestimmte Zeit vertagt.
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Erstes Vatikanisches Konzil

Die Interessen der Kirche kollidierten mit dem sich ausweitenden Herrschaftsanspruch des Staates, der die Führungsrolle der Kirche übernahm. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts befindet sich der Katholizismus in Frontstellung zur modernen Welt. Gegenüber der Vernunft betonte man die Autorität der göttlichen Offenbarung und des Lehramtes, gegenüber der Demokratie die ständestaatliche Ordnung, gegenüber modernen Wissenschaften die mittelalterliche Philosophie und Theologie (Scholastik). Papst Pius IX. veröffentlichte 1864 eine Sammlung von Verurteilungen des Zeitgeistes. Darin verurteilt er die „Irrthümer in unseren traurigen Zeitläufen“ und nennt als solche u. a. Fortschritt, Libe­ralismus, Trennung von Kirche und Staat, Zivilehe, die moderne Bildung, Religionsfreiheit, das allgemei­ne Stimmrecht und die nationale Souveränität. Frei­lich war die Abwehrhaltung zur Moderne zwiespältig: Einerseits zeigte man sich skeptisch gegenüber der modernen Publizistik und Versammlungsfreiheit, andererseits etablierte sich eine katholische Presse und organisierten sich Katholikentage, katholische Vereine, Verbände, Parteien usw., um eigene Interessen gegenüber dem Staat wahrzunehmen.

Die Abgrenzung zur modernen Welt findet im Ersten Vatikanischen Konzil (1869/70) ihre Zuspitzung. Es wird einberufen, um den „verderblichen Strömungen der Zeit entgegenzutreten“. Nach seiner Eröffnung wird den rund 800 Teilnehmern ein bislang geheim gehaltenes Dokument vorgelegt, in dem über die Unfehlbarkeit des Papstes in Fragen des Glaubens als Dogma abgestimmt werden soll. Unerwarteter Protest der Bischöfe sowie massiver Druck durch die römischen Behörden führten am Ende dazu, dass vor der Abstimmung 250 Teilnehmer abreisten, um keinen Bruch zu riskieren. Die „Unfehlbarkeit“ des Papstes bezieht sich nicht auf jede Äußerung des Papstes. Sie ist nur dann gegeben, wenn der Papst in seiner höchsten Lehrautorität (ex cathedra) eine bestimmte Lehre, die im Glauben der Kirche verankert ist, feierlich verkündet.

Das Erste Vatikanische Konzil führte vor allem in Deutschland zu einem Riss. Der Münchner Theologieprofessor Ignaz von Döllinger wurde zu einem der Hauptgegner des Konzils. Er nutzte die Enttäuschung vieler Katholiken und organisierte den ersten „Altkatholiken Kongress“ 1871, nachdem er kurz zuvor mit der Exkommunikation belegt worden war. Als die Abhaltung eigener Gottesdienste beschlossen wurde, war die Spaltung zur röm.-kath. Kirche vollzogen. Die Altkatholiken kennen keinen Zölibat für Geistliche und eröffnen mittlerweile auch Frauen den Zugang zum geistlichen Amt.

Nach den inneren Auseinandersetzungen sah sich die Kirche Angriffen durch den Staat ausgesetzt. Der auch infolge des Ersten Vatikanischen Konzils unter Otto von Bismarck geführte Kulturkampf von 1872 bis 1878 traumatisierte die Kirche in nie gekannter Weise. Bischöfe wurden verhaftet, Orden aufgelöst, kirchliches Vermögen beschlagnahmt, die Ausbildung der Geistlichen kontrolliert, die geistliche Schulaufsicht abgeschafft. Erst nach dem Tod Pius IX. begannen sich die Beziehungen langsam wieder zu entspannen. Der Kulturkampf, den es vergleichbar auch in anderen Ländern, etwa in Österreich, gab, trug wesentlich zu einer grundsätzlichen Trennung von Staat und Kirche bei. Für Deutschland wurden erst in der Weimarer Reichsverfassung 1919 Gesetze geschaffen, die das Verhältnis bis heute einvernehmlich regeln. Dennoch hat die Zeit bei vielen Katholiken auf Jahrzehnte hin ein Unterlegenheitsgefühl begründet. Manche der Kulturkampfgesetze wirkten lange nach. Erst 1953 wurde in der BRD der „Kanzelparagraph“ abgeschafft, der es verbot, in der Predigt politisch strittige Fragen aufzugreifen. 2009 fiel dort das Verbot, eine kirchliche Ehe ohne eine vorherige standesamtliche Trauung einzugehen.

 

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SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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