Lebensjahr 2008 - Was nun? Teil 3
Richtungswechsel am Rand des Lebens

Bedrohung im Bild, 
die ersten Zeichen einer Krebs­erkrankung sind oft schwer zu erkennen.##br####br##
  • Bedrohung im Bild, 
die ersten Zeichen einer Krebs­erkrankung sind oft schwer zu erkennen.##br####br##
  • Foto: Fotos: Bilderbox, Wernhart
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Auf dem Röntgenbild sah man fünf stecknadelgroße Punkte, und die Ärzte versuchten die Lehrerin für Englisch und Geschichte zu beruhigen. Sie war sich jedoch sicher, dass irgendetwas nicht stimmte, „ich konnte nicht einmal erklären, was“. Eineinhalb Jahre lang wurde ihr Brustkrebs übersehen. Dann aber hieß es an einem Freitag, es müsse operiert werden, und am Dienstag war die rechte Brust entfernt.

„Das zieht dir erst einmal den Boden unter den Füßen weg, bis du dir sagst: Es muss gehen.“ Nach der Operation kamen Chemotherapien, es ging zeitweise besser, aber nach der sechsten Chemo war die Patientin so schwach, dass sie kaum gehen konnte. Die heute 65-Jährige bekam schlecht Luft und entschied sich, keine weitere Therapie mehr anzuhängen, es erschien ihr sinnlos. Ihre Ärztin brachte Verständnis auf. Wenn die Patientin nicht bereit dazu sei, brächte es nichts.

Stattdessen flog sie mit ihrem Mann für zwei Wochen zum Urlaub auf die Kanaren. „In der sechsten Nacht begann es mir besser zu gehen. Es war, als wäre ein Schalter umgelegt.“ Systematisch, wie es bis heute ihre Art ist, begann sie ein Aufbautraining. „Wir wohnten im 8. Stock des Hotels. Am Anfang konnte ich gerade einmal ein Stockwerk hochgehen.“ Bei der Rückreise hatte sie jedoch bereits die Kraft für alle acht und einen zehn Kilometer langen Spaziergang am Tag dazu. Das sagte sie ihrer Ärztin, die die Chemo schließlich aussetzte. Nachdem dies alles abgeschlossen war, stellte sich die Frage nach einem Brustaufbau: „Das wären wieder zwei Operationen gewesen.“ Die Entscheidung dagegen war relativ bald klar und auch eine Frage des Alters. „Mit 35 hätte ich das gebraucht, aber jetzt mit über 60?“

 

Dramatische Geschichten.
Eine nach der anderen erfährt man im Gespräch mit Krebs­patienten. Als Gesunder bewundert man die unglaubliche Kraft, die Stärke, mit der Schicksale gemeistert werden, die man sich nicht vorstellen kann. Der 46-jährige Webmaster Michael Jurman schildert seine Erfahrungen mit der Krankheit im Netz. Er ist dort zu Hause und fühlt sich immer wieder gestärkt vom Zuspruch der Community. „Ich lebe seit meiner Diagnose mit dem Wissen, am Abgrund zu stehen.“ 2005 wurde bei ihm Darmkrebs entdeckt. Die Behandlungen begannen, es sah nicht einmal so schlecht aus, bis 2007 Leukämie festgestellt wurde. Heuer erhielt er eine Knochenmarktransplantation. Der Vater von vier Kindern liegt nun wieder im Isolierzimmer am LKH, weil eine Gallenblasenentzündung seine Gesundung verzögert, aber er gibt die Hoffnung nicht auf. Auf seiner Homepage schafft er es, anderen noch Mut zuzusprechen. „Mir hilft mein Glaube.“ Diese Gewissheit spiegeln seine Gedichte wie das vom Engel – siehe "Zum Thema".

Informationsmangel beheben.
Ein großes Problem für Krebspatienten stellt der immer noch herrschende Mangel an Information dar. Selbsthilfegruppen bieten Unterstützung. Gertraud Kucharek, eine Grazerin, die selbst Brustkrebs überstanden hat, gründete mit anderen „Du und Wir“. In der Gesprächsgruppe geben alle ihr Wissen weiter, es kann geweint werden und gelacht. Dinge, über die man mit Angehörigen nicht redet, kommen zur Sprache. Ihr neues Leben mit der Krankheit müssen Betroffene ohnedies selbst aufbauen. Gertraud Kucharek ist sich sicher, dass sie durch das Engagement für andere vieles zurückbekommt, das ihr Kraft gibt für die schweren Zeiten. Ihr Motto: „Man hilft sich selbst, wenn man anderen hilft.“

 

Neue Zufriedenheit.
Der Krebs ist nicht wiedergekommen, und meine Gesprächspartnerin lässt ihre Gedanken schweifen. „Das neue Kapitel im Buch meines Lebens hat den Titel ,Zufriedenheit mit dem Leben‘ und dem, was mir begegnet ist. Sicher – Wünsche hat man viele, aber das Leben ist kein Wunschkonzert. Je mehr ich die Wünsche der Realität anpasse, desto zufriedener werde ich persönlich.“ Großmutter-Sein, so heißt das neue Hobby der Frau mit den kurzen, eisengrauen Haaren. Sie sprudelt vor Lebendigkeit und strahlt etwas aus: die Ruhe eines Menschen, der einen sicheren Stand in seiner Welt hat.

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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