Expedition Fastenzeit - Teil 3
Mit Bergen leben – mit Bergen glauben

 

Ich komme aus dem Land, „wo der Pfeffer wächst“ – Kerala – Indiens grünem Gewürzgarten. Kerala ist ein Bundesstaat ganz im Südwesten Indiens, ein Streifen Land zwischen dem Arabischen Meer und den Bergen der Westghats. Sein Name bedeutet „Land der Kokospalmen“, die hier tatsächlich überall wachsen und Schatten spenden.

Es gibt viele malerische Bergregionen in Kerala, sie sind ein Abbild reiner Natur. Es wird auch als „Gottes eigenes Land“ bezeichnet. Die meisten Bergregionen von Kerala befinden sich auf dem Hochland von West-ghats und sind ein Zuhause von exotischester Flora und Fauna. Sie werden auch für die Pflanzung von verschiedenen Früchten wie Tee, Kaffee, Gummi oder Pfeffer genutzt. Außerdem werden Gewürze wie Kardamon und Zimt angebaut.

Bei uns leben die meisten Leute weit verstreut auf den Bergen und in den Tälern. Seit meiner Kindheit bin ich mit den Bergen vertraut. Auch als Priester zog es mich immer wieder dorthin. Die dort lebenden Menschen brauchten unsere pastorale Unterstützung.

Vor zwei Jahren war ich mit einer Jugendgruppe aus dem Burgenland in meiner Heimat. Ich führte sie auch zu einem meiner Lieblingsplätze, dem „Kurisumala-Kloster“. Es ist eine berühmte Bergstation und ein Pilgerzentrum für die Christen. Der nahe gelegene Kurisumala-Ashram ist eine Stätte der Ruhe und geistigen Freude.

Von der Spitze überblickt man die Serpentinen, die nach oben führen. Es sind schmale Straßen, die in vielen unübersichtlichen Kehren ihren Weg aufwärts entlang des Berges zeichnen. Von oben gesehen ist es spürbar, wie der Verkehr sich vorsichtig hinauftastet. Die Lenker wissen nicht, was in der nächsten Kurve entgegenkommt. Von oben jedoch können wir es schon sehen. Dieses Bildnis ist für mich ein Symbol dafür, wie Gott seinen Blick auf uns wirft. Das Auge Gottes ruht auf mir, und es gibt mir Kraft und Stärke. In den Gebeten der Psalmen ist oft vom Weg zu Gott als Aufstieg in die Höhe die Rede.

Menschen verspüren die Sehnsucht, Gott nahe zu sein. Dazu pilgern sie zu heiligen Bergen. Sie verlassen den Alltag, suchen die Einsamkeit, um sich selbst zu finden. Sie wollen die Nähe Gottes spüren und in ihr verweilen. Die Berge sind für sie eine Hilfe. Mose, Elija, David und Jesus zogen sich regelmäßig in die Berge zurück, wo sie immer Gottesbegegnung besonders intensiv erlebten. Der Prophet Elija machte auf dem Berg Horeb eine ganz besondere Erfahrung. Er war am Ende seiner Kräfte, lebensmüde und gottesmüde. Der starke Elija – 
er kann nicht mehr. Elija sieht nur noch Widerstand, er zweifelt an seinen Möglichkeiten und auch an denen Gottes.

Wahrscheinlich gibt es im Leben eines jeden Zeiten, in denen man am Ende ist. Man weiß nicht mehr, wie es weitergehen soll. Man fühlt sich mutterseelenallein, verlassen von Menschen und von Gott. Doch es gibt einen Weg zurück ins Leben. Die Geschichte von Elija erzählt davon. Nach der Begegnung mit dem Engel schläft Elija wieder ein: Er bekommt Schlaf und Stärkung. 40 Tage braucht Elija, bis er am Berg Horeb, dem Gottesberg, ankommt. Diese Zahl bezeichnet in der Bibel einen Zeitraum, in dem sich eine tiefgreifende Veränderung vorbereitet.

Wallfahrten und Pilgerwege haben eine ähnliche Funktion. In helleren und dunkleren Abschnitten, Höhen und Tiefen – abseits vom Alltag – finden wir wie Elija die Rückkehr ins Leben und zur Begegnung mit Gott. Nur eine Begegnung mit Gott, weiß der Prophet, kann dem Leben die entscheidende Wende geben: „Da hörte Elija es sprechen: Komm heraus, stell dich auf den Berg vor mein Angesicht! Und siehe, Jahwe zog vorüber.“ Gott aber ist nicht im Sturm, der Berge zerreißt und Felsen zerbricht, sondern in einem leisen Wehen und Säuseln. In der Stille ist Gott zu erfahren (1 Kön 19,11–13).

In den Erzählungen vom Leben Jesu ragen auch die Berge heraus. Jesus stieg nach anstrengenden Tagen nicht selten auf einen Berg, um sich in der einsamen Natur zu erholen und zu beten. Der Berg ist für ihn auch ein Ort, wo er sich von den Menschen zurückzieht, um zu beten (Mt 14,23). Man denke etwa an die Gebetsnacht auf einem Berg vor der Apostelwahl (Mk 3,13–19) oder an die wohl berühmteste Rede Jesu, die „Bergpredigt“ (Mt 5–7), wo er das Grundgesetz für ein Gott wohlgefälliges Leben darlegte.

Geheimnisvoll ist die Geschichte von der Verklärung auf dem Berg Tabor (Mt 17,1–9). Jesus nimmt einige Jünger mit auf einen hohen Berg. Petrus möchte am liebsten auf dem Berg bleiben. Nichts anderes tun, als die Gegenwart von Jesus, Mose und Elija genießen. Wenn es einem gut geht, wenn man begeistert ist, wenn man ganz intensiv Gottes Nähe spürt, dann möchte man das festhalten. Dann möchte man, dass das immer so bleibt.

Aber Jesus geht mit seinen Jüngern wieder ins Tal. So ist es in unserem Leben als Christ: Wer hohe Berge erklimmt, kann nicht ewig dort oben bleiben. Er muss irgendwann wieder hinab ins Tal. Und dort unten erwartet Jesus und die Jünger auch schon wieder die altbekannte kranke und verlorene Welt. Schon sind sie wieder mitten drin im Alltag. Jesus ist nicht nur oben auf dem Berg dabei, sondern vor allem auch unten im Tal. Er ist bis ans Ende des Lebens bei uns. Jesus hat nie einen Ort als „heiligen Berg“ bezeichnet. „Weder auf diesem Berg (Garizim) noch in Jerusalem, sondern im Geist und in der Wahrheit soll Gott fortan angebetet werden.“

Unzählige Berg-Bilder sehen wir in der Bibel. Und es wird klar, dass es hier nicht allein um Landschaft geht. Immer sind es auch symbolische Berge, die uns erzählen von Nähe, Liebe und Botschaft Gottes. Oft wird der Berg für uns zum Symbol für Hindernisse im Leben, und ich muss an den Ausspruch von Jesus denken: „Wer Glauben hat wie ein Senfkorn, kann Berge versetzen.“

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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