MEHR oder WENIGER - Teil 05
Erziehung geschieht in jeder Begegnung

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Die Provinzoberin der Armen Schulschwestern von Unserer Lieben Frau wünscht sich Bildung ohne Wirtschaftsdruck und dass wir mit unserem Wissen die Erde menschenwürdig gestalten.

 

Was ist für Sie Bildung?

Sr. Beatrix Mayrhofer: Bildung ist die Förderung des Menschen zu seiner vollen Entfaltung. In unserer Ordensregel steht ein für mich kostbarer Satz: „Uns bedeutet Erziehung, die Menschen hinzuführen zu ihrer vollen Entfaltung als Geschöpf und Abbild Gottes und sie zu befähigen, ihre Gaben einzusetzen, um die Erde menschenwürdig zu gestalten.“ Da ist für mich alles drin. Es ist ganz wesentlich, dass Menschen umfassend gebildet werden. Und dass sie ihre Fähigkeiten nicht einsetzen zur Gewinnmaximierung, sondern um die Erde menschenwürdig zu gestalten und Lebensraum für alle zu schaffen.

 

Wissen, Bildung, Erziehung – sehen Sie hier klare Trennungen?

Das geht ineinander, aber es ist ganz wesentlich, dass diese Zusammenhänge beachtet werden. Das Entscheidende ist, dass wir das, was wir lernen und forschen, in einen großen Sinnzusammenhang stellen. Auch Terroristen werden systematisch ausgebildet, und man kann eine hohe Kompetenz erreichen in der Vernichtung von Menschen und Erde. Wie kann ich also Wissen in eine positive Gestaltung des Lebens umsetzen? Es geht um die soziale und ökologische Komponente von Wissen. Es geht um den Übergang von Wissen zu Weisheit, wenn ich es mit großen Worten formuliere. Es geht auch darum, Grenzen anzunehmen und nicht ununterbrochen gegen sie anzurennen.

 

Bildung stehe zu sehr unter dem Einfluss der Wirtschaft, sagen viele. Sie auch?

Ich wünsche mir, dass wir in Österreich den Mut hätten, uns nicht von Bildungszielen der Wirtschaft lenken zu lassen. Dass uns nicht die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) vorschreibt, was eine Ausbildung wert ist oder wonach sie gemessen wird. Der Mensch ist wesentlich mehr als die Punkte, die er in einem Test erreicht.

Wenn es nur darum geht, Wissen vermarktbar zu machen, dann verliert zunächst der einzelne Mensch, aber sehr schnell auch die ganze Gesellschaft. In dem Moment, in dem der Mensch unter dem Gesichtspunkt der Verwertbarkeit betrachtet wird, kann ich ihn auf- oder abwerten und entwerten und schließlich entsorgen.

 

Schule ist eines der umstrittensten Felder auch der Politik. Was muss Schule wirklich leisten, und wo soll sie sich zurück-halten?

Ein Problem, das ich in der gesamten Debatte sehe, ist, dass Familie und Schule entkoppelt werden. Das hat mit der Situation der Familie zu tun, auch mit dem Alleinerziehertum. Meist sind Frauen auf sich allein gestellt. Die Schule wäre in ihrem tiefsten Sinn gedacht, die Familienerziehung zu ergänzen. Aber zunehmend soll Schule die Familie immer mehr ersetzen. Was sie meines Erachtens nur bis zu einem gewissen Grad kann. Wenn wir Schule diskutieren, ohne über die Unterstützung von Familien und Frauen zu diskutieren und über die Wertschätzung der Frauenarbeit zu Hause, dann geht das in die falsche Richtung.

 

Wo genau sehen Sie das Problem, dass Schule zunehmend die Familie ersetzen soll?

Wenn Defizite in der Gesellschaft festgestellt werden, heißt das, die Schule soll das machen. Ich sage das ganz banal: Die Menschen putzen sich nicht genügend die Zähne – die Schule soll Mundhygiene machen. Die Menschen verhalten sich rücksichtslos im Verkehr – die Schule soll Verkehrserziehung machen. Eltern sind nicht in der Lage, ihren Kindern sexuelle Aufklärung anzubieten – die Schule muss es machen. Doch die Schule soll Lernen möglich machen und nicht vorrangig die Bewältigung des Alltags in den normalen menschlichen Lebensvollzügen.

 

Kinder und Jugendliche stehen von der Kinderkrippe bis zum Ende der Schul-
ausbildung praktisch immer unter 
Aufsicht. Kann das gutgehen?

Es kann nicht grundsätzlich schiefgehen. Sehr viel hängt auch mit der Stabilität der Persönlichkeit und der Beziehungsfähigkeit zusammen. Aber wir wissen schon aus den kinderpsychiatrischen Ergebnissen, dass Kinder eine fixe Bezugsperson brauchen. Je kleiner sie sind, umso intensiver. Die Schule ist ja auch ein Weg, um sich von der Familie abzulösen. Trotzdem brauchen Kinder stabile Beziehungen und Freiraum. Sie brauchen so viel Aufsicht wie nötig und so viel Freiheit wie möglich. Eine gelenkte, ständige Betreuung tut den Kindern nicht gut.

 

Frauenorden haben eine lange Tradition, Bildung weiterzugeben. Wo stehen Frauenorden heute?

Unsere Gründerin Theresia Gerhardinger hat unseren Orden 1833 in der Oberpfalz gegründet. Sie war davon überzeugt, dass sich die Gesellschaft verändert, wenn Mädchen und Frauen Zugang zu Bildung haben. Das ist bis heute unser Schlüsselwort: „Transforming the world through education“, die Welt durch Erziehung und Bildung zum Guten hin verwandeln. Die Mitgliederzahlen unseres Ordens gehen weltweit dramatisch zurück, das Anliegen bleibt: Wie tragen wir christliche Bildung weiter? Heute gilt der Fokus der Frage: Wer sind in unserer Gesellschaft diejenigen, die Erziehung und Bildung am dringendsten brauchen? Deswegen unterstützen wir Kinder aus Migrationsfamilien und besonders Alleinerziehende.

 

Gibt es zu wenig Bildung?

Ja. Es gibt erschreckende Zahlen über sekundären Analphabetismus, und die Menschen werden zu früh müde, sich weiterzubilden. Viele resignieren, weil sie keine Perspektive mehr sehen. Wenn Menschen nicht offen und neugierig bleiben, weiterzulernen, bleiben sie nicht nur stehen, sondern gehen zurück. Das ist für den einzelnen Menschen und für die Gesellschaft insgesamt nicht gut. Denn je weniger Bildung, umso mehr Manipulierbarkeit. Es gibt genug politische Kräfte, die kein Interesse daran haben, dass Menschen ausgebildet sind, zu sehr nachfragen und hinterfragen.

 

Kann man zu viel Bildung haben?

Nicht, wenn es die richtige Bildung ist. Man kann aber durch Spezialwissen verschüttet sein. Dann ist man so fixiert auf eine bestimmte Richtung von Wissens­erwerb, dass man blind wird für den Gesamtzusammenhang.

 

Von wem haben Sie am meisten gelernt?

Ich verdanke vielen Menschen meinen persönlichen Weg. In der Hauptschule stand fest, dass ich Verkäuferin beim Greißler werde. Die Hauptschullehrerin hat meinen Eltern einen Brief geschrieben und sie ermutigt, mich weiterlernen zu lassen. Nach einem Freiplatz bei den Franziskanerinnen von Vöcklabruck in Wels ermutigte mich der Direktor des Linzer Abikurses, in Wien zu studieren. Zwei Semester konnte ich auch in Regensburg bei Joseph Ratzinger studieren.

Immer wieder bin ich hervorragenden Persönlichkeiten begegnet, an denen ich erlebt habe, dass es nicht nur um Vermittlung des Wissens, sondern um Aufmerksamkeit den Menschen gegenüber geht. Hätte meine Lehrerin in der Hauptschule nicht gefragt, was wir werden möchten, und den Brief nicht an meine Eltern geschickt, ich weiß nicht, wie mein Weg verlaufen wäre.

 

INTERVIEW: CHRISTINE GRÜLL

 

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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