Christentum - Ein Reiseführer - Etappe 012
Eine Wissenschaft von Gott?

Universitätszentrum Theologie in der Grazer Heinrichstraße.
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Die Theologie hat nach 
christlichem Verständnis die 
Aufgabe, die göttliche Offen-
barung vor der menschlichen 
Vernunft zu verantworten.

 

Diese Aufgabe muss deshalb geleistet werden, weil der Glaube den ganzen Menschen erfasst. Wer glaubt, spürt und weiß, dass dieser Glaube sämtliche Dimensionen seines Lebens berührt und seine Persönlichkeit nicht nur im Bereich der Gefühle, sondern auch von der Vernunft her herausfordert.

Bei der Erfüllung ihrer Aufgabe hat die Theologie den Glauben der Kirche zum Thema, wie er in der Heiligen Schrift grundgelegt ist und sich in der Geschichte der Kirche entfaltet hat. Dabei besteht ihre Leistung nicht einfach darin, die überlieferten Glaubensinhalte treu zu wiederholen. Vielmehr muss sie die Inhalte der Offenbarung im Hören auf die Fragen und Nöte der Zeit so vortragen, dass diese in ihrer befreienden Wirkung erfahrbar werden. Dies kann nur geschehen, wenn die Theologie sich dem Studium des Überlieferten ebenso intensiv widmet wie den Fragen der Menschen um sie herum. Theologische Arbeit besteht deshalb zum einen im Hören und zum anderen im Sprechen.

 

Vernunft und Offenbarung

Der Versuch, die göttliche Offenbarung mit der Vernunft zu durchdringen und sie auf diese Weise den Menschen zugänglich zu machen, prägt schon das Werk der biblischen Schriftsteller. Da jeder Autor versucht, seine Einsichten für seine Adressaten fruchtbar zu machen, ist bereits das Zeugnis der Bibel in seinen Grundaussagen stets mehrstimmig.

Die Theologie der nachfolgenden Jahrhunderte bleibt diesen beiden Zielsetzungen treu. Sie prägt sich von Anfang an vielfältig aus. So kommt es bereits in der Antike zu unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen in der Ost- und Westkirche. Während die Theologie des Ostens stärker an einem mystisch-spirituellen Zugang zum Glauben interessiert ist, ist die des Westens stärker praktisch-ethisch ausgerichtet.

Bedeutsam ist und bleibt die von Dionysius Areopagita (5. Jh.) getroffene Unterscheidung in eine „Positive Theologie“ einerseits und eine „Negative Theologie“ andererseits. Als positive Theologie gilt dabei das Bemühen, rational nachvollziehbare Aussagen über Gott und sein Heilswerk zu erarbeiten, als negative Theologie der Hinweis, dass Worte (so klug sie auch immer sein mögen) Gott, der größer ist als alle Wirklichkeit, niemals fassen können.

War die Theologie der Antike und des frühen Mittelalters, bei aller ­Orientierung an den rationalen Standards der Zeit, von einem ins­gesamt meditativen Grundton durchzogen, so stieß die Begegnung mit dem Islam im Hochmittelalter neue Formen theologischer Reflexion an. Thomas von Aquin führte die neue, stärker analytische Denkweise in der Theologie zu einem Höhepunkt. Seine Argumentationen setzten für Jahrhunderte Maßstäbe und bestechen bis heute durch ihre gedankliche Klarheit.

Mit der Neuzeit häuften sich die Konflikte zwischen der Theologie und den übrigen Wissenschaften. Diese Entwicklung trug dazu bei, dass man von der Aufklärung an begann, der Theologie den Rang einer Wissenschaft streitig zu machen. Besonders kritisch beurteilte man dabei das für die Theologie maßgebliche Verständnis von Rationalität, das zum einen die Vernünftigkeit der einzelnen Glaubens- inhalte herausstellt, zum anderen jedoch festhält, dass Gott von der menschlichen Vernunft letztlich nicht einzuholen ist. Diese Denkweise galt über Jahrhunderte hin als selbstverständlich. In der gewandelten Situation sah man in ihr jedoch nichts anderes als eine billige Strategie, die man einsetzen konnte, um sich vor unbequemen Anfragen zu schützen (Vorwurf der Selbstimmunisierung). Die Theologie der Moderne reagierte darauf, indem sie ihre eigenen Grundlagen klärte und in Treue zu ihrem bisherigen Weg sowohl die Unverzichtbarkeit menschlicher Vernunft wie auch deren Grenzen herausstellte.

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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