Leben im Heiligen Land - Teil 05
Dorfbrunnen – Pressezentrum für die „lebendige Zeitung“

Täglich gingen die Frauen zum Dorfbrunnen, um das köstliche Nass zu schöpfen.
  • Täglich gingen die Frauen zum Dorfbrunnen, um das köstliche Nass zu schöpfen.
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Brunnen waren zur Zeit Jesu Orte der Begegnung, der Areopag der kleinen Leute. Der Durst nach dem lebensnotwendigen Wasser führte die Menschen zusammen. Am Brunnen geschahen oberflächlicher Informationsaustausch, aber auch tiefe menschliche Begegnungen.

Täglich gingen die Frauen zum Dorfbrunnen, um Wasser für die Familie zu schöpfen. Sie füllten ihre Tonkrüge, die sie auf dem Kopf trugen, mit dem kostbaren Nass. Während sie anstanden und warteten, bis sie an die Reihe kamen, wurde viel geredet. Hier entstand täglich die „lebendige Zeitung“. Hier wurde politisiert, gescherzt, getröstet. Hier passierte Begegnung. Man erzählte sich Neuigkeiten. Hinter der vorgehaltenen Hand teilte man sich Vertraulichkeiten mit, aber auch so manchen Tratsch und Klatsch.

Deshalb vermied es die Samariterin im Evangelium, zur gewohnten morgendlichen oder abendlichen Stunde, Wasser am Brunnen zu schöpfen. Sie tat es um die heiße Mittagszeit, wo keine Menschenseele draußen zu sehen war. Jetzt konnte sie allem gehässigen Gerede über ihren Lebenswandel aus dem Weg gehen. Und ausgerechnet da begegnet ihr Jesus, der sich ihr als der Messias, als „lebendiges Wasser“, das ewiges Leben schenkt, zu erkennen gibt. Sie selbst wird anschließend zur Nachrichtenträgerin in ihrem Dorf (Joh 4). Die orthodoxe Kirche nennt sie sogar beim Namen und verehrt sie als Heilige: Euphonia, die die gute Botschaft weitergibt.

Der Brunnen galt nicht nur als Kommunikations-Ort, sondern auch als Begegnungszentrum der Antike. Die Erzählung von dem Brautwerber, der für Isaak eine Frau suchen sollte und schließlich Rebekka entdeckte, erweist sich als eine der schönsten Liebesgeschichten in der Bibel (Gen 24): Es ist gegen Abend. Die jungen Frauen und Mädchen treten aus dem Stadttor, um Wasser aus dem Brunnen zu schöpfen. Zur gleichen Zeit erreicht die von der Hitze des Tages ausgedörrte Karawane den Ort. Elieser lässt seine Kamele sich auf ihre Knie lagern. Er selbst betet zu seinem Gott, dass die richtige Braut sich ihm nun für den Sohn seines Herrn zeige. Dann geht er zur Wasserstelle und schaut sich die Töchter dieser Stadt näher an. Eine innere Stimme sagt ihm: das Mädchen, das dir Wasser zum Trinken anbietet, ist die von Gott erwählte.

In diesem Moment kommt Rebekka mit dem Krug auf ihren Schultern. Sie steigt die Stufen hinab und füllt das Gefäß mit Wasser. „Lass mich ein wenig trinken“, sagt Elieser zu ihr. „Trink nur, mein Herr“, antwortet sie. „Auch für deine Kamele will ich schöpfen, bis sie sich satt getrunken haben.“

Nun holt der Knecht Abrahams seine Brautgeschenke hervor und reicht sie dem überraschten Mädchen: einen goldenen Nasenring und zwei goldene Spangen. Spontan bietet ihm Rebekka Gastfreundschaft im Hause ihres Vaters an. Dort erzählt der Brautwerber von dem eigentlichen Grund seiner Mission. Nun rufen ihre Mutter und ihre Brüder Rebekka herbei und fragen sie: „Willst du mit diesem Mann reisen?“ „Ja“, antwortet sie. Da lassen sie das Mädchen und ihre Amme mit dem Knecht Abrahams und seinen Leuten ziehen (Gen 24,58).

So ist es eigentlich gar nicht verwunderlich, wenn nach dem apokryphen Jakobus-Evangelium die erste Begegnung mit dem Engel Gabriel in Nazaret am Brunnen der Stadt sich ereignete; denn auch Maria schöpfte dort Wasser für ihre Familie: „Und Maria nahm den Krug und ging fort, um Wasser zu holen. Und siehe, eine Stimme sprach: Freue dich, Mirjam, du Gesegnete unter den Frauen. Und sie sah nach rechts und nach links, um zu sehen, woher diese Stimme kam. Zitternd ging sie zu ihrem Haus und setzte den Krug nieder. Dann begab sie sich auf ihren Platz und zog den Faden heraus.“

Auch in Ein Karem, der Heimat Johannes des Täufers, lokalisiert die christliche Tradition an der so genannten Jungfrauenquelle die Begegnung zwischen Maria und ihrer Cousine Elisabeth (Lk 1,39f): Im vorgerückten Alter schwanger geworden, verließ Elisabeth das Dorf und zog sich in das kleine Landhaus ihres Mannes Zacharias auf der bewaldeten Höhe zurück. In dieser Einsamkeit sah sie ihre Verwandte schon von weitem, wie sie über die Hügel von Judäa ihr zu Hilfe eilte. Da warf sie ihre scharlachrote Wolle fort und lief Maria entgegen. Als die beiden Frauen sich bei der Quelle umarmten, sagte Elisabeth: „Womit habe ich es verdient, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt; denn siehe, das Kind hüpfte in meinem Leib und segnete dich.“ Maria hob die Augen zum Himmel und rief: „Wer bin ich, o Herr, dass mir alle Geschlechter der Erde ihren Segen zusprechen?“

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SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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